Hamnet

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Chloé Zhao ist beileibe keine Vielfilmerin. Seit ihrem internationalen Großerfolg Nomadland (2020), der ihr auch einen Oscar für die Beste Regie brachte, hat sie nur den MCU-Titel The Eternals (2021) gedreht, der sowohl Kritik als auch Fans nicht überzeugen konnte. Obwohl ihre ‘kleineren’ Titel Songs my Brother Taught Me (2015) und The Rider (2018) mit großem Lob versehen wurden und als sensible Werke gelten, die mit viel Liebe und beeindruckenden Bildern Geschichten von Menschen, Menschlichkeit und Gefühlen erzählen, ließ die quantitative Beschränktheit ihres Werks bisher noch Zweifel daran, ob Zhao als Ausnahmetalent des im weitesten Sinne Independent Kinos gelten kann oder ob sie mit wachsender Aufmerksamkeit für ihre Filme und den damit natürlich auch wachsendem Produktionsbudget umgehen kann.

Die Neugierde auf Hamnet (2025), ihren neuesten Film, war dementsprechend riesig und wuchs quasi ins Unermessliche als erste Stimmen nach der Weltpremiere des Films im August 2025 auf dem Telluride Film Festival von unvergleichlichen Schauspielleistungen, außergewöhnlichen Bildern und starker emotionaler Tiefe sprachen. Der Film, der auf der hierzulande eher unbekannten, gleichnamigen Buchvorlage von Maggie O’Farrell basiert, widmet sich einer Episode im Leben von William Shakespeare (Paul Mescal) und seiner Frau Agnes (Jessie Buckley), die – zumindest für den Dichter – in der Entstehung seines wohl einflussreichsten, und auch eines der prägendsten Bühnenstücke der Menschheits- und Theatergeschichte, „Hamlet“ endet.___STEADY_PAYWALL___

© Universal Pictures Germany

Agnes’ und Williams Liebesgeschichte beginnt schnell. Als er sie zum ersten Mal sieht, folgt er ihr und seiner Faszination für die als mysteriös und naturverbunden charakterisierte Frau ohne Umwege und spricht sie in einer Scheune an – ein Kennenlernen, das direkt im ersten Kuss mündet. Trotz Warnungen aus seiner Familie – Agnes sei die Tochter einer Hexe – folgt er ihr einige Tage später ein weiteres Mal und besiegelt somit ihre Beziehung. Sie heiraten kurz darauf und die erste Tochter Susanna wird geboren. William kämpft in der folgenden Zeit mit Schreibblockaden und Inspirationslosigkeit und geht auf Agnes’ Rat zum Arbeiten nach London, wo er die Geburt ihrer Zwillinge – Judith und Hamnet – verpasst. Judith scheint die Geburt zuerst nicht überlebt zu haben, macht in den Armen ihrer verzweifelten Mutter dann allerdings doch ihre ersten Atemzüge.

In den Zeiten, in denen William die Familie in Stratford besucht, ist das Familienleben voller Leben und Liebe. Vor allem zwischen William und seinem Sohn Hamnet herrscht eine starke Verbindung. In Hamnet, der wie William eine Liebe fürs Theater entwickelt hat, scheint der Dichter sich selbst zu sehen und will ihm die Wertschätzung entgegenbringen, die er von seinem Vater nie bekommen hat. Gleichzeitig beginnt Agnes mit der Rolle der quasi alleinerziehenden Mutter zu hadern. Spätestens mit der Geburt ihres geliebten Falken muss sie erkennen, dass sie ihr ‘altes Leben’, in dem sie frei und unabhängig durch die Wälder ziehen konnte, endgültig hinter sich gelassen hat.

Als eine große Tragödie ins Haus Shakespeare Einzug hält, beginnt für Agnes alles vor ihren Augen zu zerfallen. Im Alter von 11 stirbt Hamnet an der Pest. In einem übernatürlichen Akt der Geschwisterliebe opfert er sich dabei für seine Schwester Judith, der er die Krankheit abnimmt. William, der postalisch von der Erkrankung seiner Tochter erfährt, ist zunächst erleichtert, als er sie bei seiner Rückkehr lebend vorfindet. Die Nachricht, dass stattdessen sein Sohn gestorben ist, trifft ihn dementsprechend umso mehr.

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Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird klar, dass Trauer das bestimmende Sujet in Hamnet ist. Schon vor dem tragischen Tod des kleinen Jungen kämpft vor allem Agnes mit der Trauer um ihr altes Leben und auch um ihre Ehe, die mit Williams Umzug nach London zu zerfallen drohte. Hamnets Tod ist nun ein Schicksalsschlag, der ihr endgültig den Boden unter den Füßen wegzieht. Chloé Zhao inszeniert diese großen und für diejenigen, die eine solche Tragödie nie erleben mussten, unbeschreiblichen Emotionen meisterlich. Jessie Buckley spielt die trauernde Agnes mit einer solchen Wucht und Überzeugung, dass der Film eine fast undurchdringliche Sphäre der Trauer und Verzweiflung schafft, in der Figuren und Publikum zugleich gefangen werden sollen. Unbestritten haben wir es hier mit einer der überzeugendsten Schauspielleistungen des noch jungen Jahres 2026 zu tun.

Die emotionale Überforderung, die Chloé Zhao in Hamnet auf die Leinwand bringt, kann allerdings nur halbherzig davon ablenken, dass die Geschichte nicht nur von Trauer und familiärer Liebe erzählt, sondern auch von Ungleichheit in familiärer und emotionaler Belastung, von Übergriffigkeit und von einem problematischen Umgang mit Verletzlichkeit – und das leider nicht besonders gut.

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Schon der Beginn von Agnes’ und Williams Liebesgeschichte irritiert dabei. Über die Tatsache, dass William Agnes mehrmals nachstellt, legt der Film eine Decke als romantisch inszenierte Momente, die etwas vergessen lassen, wie unorganisch sich die Liebe zwischen Agnes und William entwickelt. Nachvollziehbar wird vor allem gemacht, warum William von Agnes fasziniert ist, nicht aber warum Agnes bereit ist, ihr Leben, das bis dahin der Natur und ihrer Verbundenheit damit gewidmet war, für ihn aufzugeben. Spätestens nach der Hochzeit und der erzwungenen Hausgeburt ihrer Zwillinge ist von der ‘Hexentochter’ Agnes nichts mehr übrig – sie ist nur noch Mutter und immer unglücklicher werdende Ehefrau.

Mit dem Tod Hamnets spitzt sich ihre Verzweiflung zu. Nun muss sie nicht nur ihre Unzufriedenheit, sondern auch die allumfassende Trauer bewältigen – und das alleine. Denn William ist bereits kurz nach Hamnets Tod nach London zurückgekehrt, um weiter an seinem Theaterstück zu arbeiten. Zurecht stößt dieses Verhalten einen Entfremdungsprozess zwischen Agnes und William an, der darin mündet, dass beide ihre Trauer individuell verarbeiten. Agnes scheint Williams Abwesenheit und seine Weigerung, ihr bei ihrer Trauer beizustehen, nur schlecht ertragen zu können. Sie trauert fortan nicht nur um ihren Sohn, sondern auch um ihre vermeintlich zu Bruch gegangene Ehe und ihr zurückgelassenes Leben.

© Universal Pictures Germany

Der Film erzählt also von zwei unterschiedlichen Umgängen mit Trauer: Agnes kann dabei ihre Rolle als Mutter nicht zurücklassen und trägt neben ihrer emotionalen Belastung auch die alleinige Verantwortung für die beiden Töchter weiter, während William seine Frau sowie Judith und Susanna komplett aus seinem Trauerprozess ausschließt. Diese Dynamik, die nicht trennbar ist von hegemonialen Verständnissen männlicher Emotionalität und Verletzlichkeit – auch heute noch – hat Chloé Zhao sehr überzeugend inszeniert. Umso enttäuschender ist es deswegen, dass sie sich in einer Versöhnung auflöst, die für Agnes Figur einfach keinen Sinn ergibt. Als ihr letztendlich klar wird, dass William seiner Trauer nicht entflohen ist, sondern sie in seinem Bühnenstück Hamlet verarbeitet hat, ist sie tief berührt von dem Stück und der Rolle, die Willam selbst in diesem Stück einnimmt. Ihr Zorn über seinen Weggang löst sich von einem Moment auf den anderen in Verständnis auf und affirmiert somit Williams feige Verweigerung, sich seiner Familie und der Tragödie, die sie befallen hat, zu stellen.

Das Ende von Hamnet fühlt sich an wie ein Verrat an seiner zentralen Figur, Agnes, deren emotionale Tiefe und Hadern mit Familie, Verantwortung und Trauer durchgängig im Fokus des Films steht. Chloé Zhaos unverkennbares Talent und ihr präzises Filmhandwerk, das sich unter anderem in überwältigenden Bildern und einer exzellenten Schauspielführung zeigt, wird durch diese Drehbuchentscheidung leider getrübt. Hamnets – für die Vision der Regisseurin verdienter – kritischer Erfolg wird davon durchaus nicht betroffen sein, doch aus feministischer Perspektive bleibt ein mehr als fader Beigeschmack zurück, den selbst die stärkste emotionale Rührung, die der Stoff mit sich bringt, nicht zu übertünchen vermag.

Kinostart: 22.01.2026

Sophie Brakemeier