FFMOP 2026: Die noch unbekannten Tage – Jola Wieczorek im Interview

© Ruben Rocha
Als ihre Mutter die Diagnose Demenz erhält, begibt sich Filmemacherin Jola Wieczorek auf die Suche nach Erinnerungen und Identität. Gemeinsam mit ihren Eltern unternimmt sie eine Reise, die ihre Kindheit in Polen, ihre Flucht nach Österreich und ihr (Nicht-)Ankommen in der neuen Heimat nachvollzieht. Die noch unbekannten Tage führt Erinnerungen und neue Erfahrungen zusammen. Mit Filmlöwin Lea Gronenberg sprach Jola Wieczorek zur Uraufführung beim Filmfestival Max Ophüls Preis 2026 über dieses sehr persönliche Filmprojekt und seine universelle, gesellschaftliche Dimension.
Lea Gronenberg: Was hat dich dazu bewegt, deine eigene Biografie in Die noch unbekannten Tage dokumentarisch aufzubereiten?
Jola Wieczorek: Mein ganzes Leben lang habe ich mich ein wenig zwischen den Ufern gefühlt und habe recht früh gemerkt, dass mich diese Heimatlosigkeit schon auch beschäftigt, weil ich mich weder als Polin noch als Österreicherin richtig identifizieren konnte. Zum ersten Mal filmisch habe ich mich während des Studiums damit auseinandergesetzt in meinem Kurzfilm List do Polski, in dem ich einen Brief verfasse an mein polnisches Alter Ego, das nie nach Österreich emigriert ist, sondern in Polen geblieben ist. Das war der Moment, an dem ich angefangen habe, mit meinen Eltern intensiver über dieses Thema zu sprechen. Und ich hatte immer das Gefühl, dass es danoch eine Geschichte zu erzählen gibt.
Dass du sie jetzt erzählst, hat unter anderem damit zu tun, dass deine Mutter an Demenz erkrankt ist.
Ich hatte immer diese Bilder, diese Erinnerungsbilder im Kopf, die immer wieder aufgeflackert sind, die ich nicht einzuordnen wusste, wo ich nicht wusste: sind die wirklich passiert oder habe ich mir die ausgedacht? Schlussendlich, wie bei meiner Mutter schon langsam klar war, dass sich da eine Krankheit anbahnt, die wahrscheinlich zu einem Gedächtnisverlust führt, habe ich mir gedacht: jetzt kann ich nicht länger warten, jetzt geh ich das an. Aber ich war mir natürlich überhaupt nicht dessen bewusst, zu welchem Zeitpunkt ihrer Krankheitsentwicklung wir den Film beenden werden. Das war schon emotional und extrem herausfordernd.

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Du hast gerade schon gesagt, dass Erinnerungen oft unvollständig, unzuverlässig und subjektiv sind. Wie bist du mit diesen Lücken und Widersprüchen umgegangen?
Ich habe versucht, sie nicht zu vermeiden, weil sie Teil von dem sind, was Erinnerungen ausmacht. Es war sogar eine willkommene Suche, zu schauen, wie erinnert sich meine Mutter daran, wie mein Vater und wie ich. Da Parallelen zu finden, Gemeinsamkeiten oder eben auch diese Widersprüche und die zu umarmen und zu akzeptieren. Ich glaube, es ist der einzige Weg, um einer Wahrheit näher zu kommen: Es gibt mehrere Wahrheiten, obwohl man vielleicht das Gleiche erlebt hat, weil Erinnerung komplett von dem abhängig ist, wer auf etwas schaut und wie mit welchen Erlebnissen aus der Vergangenheit man andockt.
Erinnerungen sind häufig mit Gerüchen, Gefühlen, diffusen Bildern verbunden. Wie hast du das filmisch übersetzt?
Es ist interessant, dass du das mit den Gerüchen sagst, weil ich glaube, dass ich in meinem Kurzfilm damals schon erwähnt habe, dass ich die Gerüche am liebsten in Reagenzgläsern sammeln würde um mich dann jederzeit auf eine Zeitreise begeben kann. Es ist tatsächlich so , dass ich extrem viel über Gerüche wahrnehme. Es ist auch schwierig, Erinnerungen im Film aufzubauen, weil Erinnerungen eine nichtlineare Form sind und der Film eigentlich eine lineare Form ist. Nichtsdestotrotz erlaubt das Filmemachen selber, dass sich neue Erinnerungen auf den alten aufbauen. Indem wir an die Orte zurückgegangen sind, die für uns markant waren, wie zum Beispiel unser Wohnblock oder auch das Fotostudio, haben wir eine weitere Ebene darübergelegt und die Ebenen auch ein bisschen fusioniert.

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Welche Rolle haben diese Orte für deine Erinnerungsreise gespielt?
Mir war es sehr wichtig, diese Memory of the Body im Film zu implizieren. Das heißt, dass Erinnerungen sich im ganzen Körper manifestieren und eben nicht nur rein im Gehirn. Deshalb habe ich auch gehofft, dass, obwohl die Erinnerung meiner Mama langsam verschwimmt, wenn sie zurückgeht auf den Balkon, wo sie früher die Wäsche aufgehängt hat, oder zurückkehrt in das Flüchtlingslager, auch wenn es ein Erinnerungsraum ist, den wir selber konstruiert haben und nicht authentisch ist, da etwas mit ihrem Körper passiert. Ich habe gehofft, dass ich sie durch diese Arbeitsweise ein bisschen mehr unterstützen kann bei der Erinnerungsfindung, und so die Memory of the Body aufwecken kann.___STEADY_PAYWALL___
Vielleicht ist es für dich als Filmemacherin ganz natürlich, auch deine eigene Geschichte filmisch aufzubereiten, aber gab es auch Momente, in denen du an diesem Vorhaben gezweifelt hast?
Konstant. Das war wirklich eine der schwierigsten filmischen Reisen bis jetzt. Aus dem Grund, weil es die eigene Geschichte ist und man konstant daran zweifelt, ob das überhaupt jemanden interessiert, ob ich es schaffe, dass es universal genug ist, dass es die Leute auch abholt und mitnimmt, die vielleicht nicht unbedingt eine Fluchterfahrung hinter sich haben oder keine Demenz in der Familie, ob es eben genug kollektiv politisch erzählt ist. Da hat mich mein Team sehr stark unterstützt. Der Kameramann Klemens Koscher hat wirklich daran geglaubt, dass es sich lohnt, diese Geschichte zu erzählen und mich da extrem an die Hand genommen. Hanne Lassl, die Herstellungsleitung und Koproduzentin, die immer gesagt hat: „Schau, die Franzosen machen das doch auch und es ist super spannend“. Auch mein Partner Rubén Rocha, der den Film mitgeschnitten hat. Ich habe mir auch Mut aus der Literatur geholt, viel Annie Ernaux gelesen und Édouard Louis, Toxische Pommes kam dann mit ihrem Roman heraus. Wenn es die Literatur schafft, dann schaffe ich es vielleicht auch.

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Glaubst du denn umgekehrt, dass du über diese spezielle Aufarbeitung deiner eigenen Geschichte auch etwas gelernt hast, was dir sonst verschlossen geblieben wäre?
Ich war mir nicht bewusst, in welches Abenteuer sich meine Eltern damals begeben haben, was für ein anderer Planet das für sie war. Es gibt Briefe von meinem Vater, wie er ‘88 das erste Mal nach Österreich kommt. Das muss wahnsinnig faszinierend gewesen sein, auf einmal in Wien zu landen, auch wenn es eine Großstadt ist, aus der meine Eltern kommen. Weil sie kaum Deutsch konnten, gab es keine klaren Informationsquellen. Man musste darauf hoffen, dass die Person, die gegenübersitzt, einen richtig berät und einen richtig auf Sachen hinweist. Da ist man halt immer wieder in Fallen getappt, weil Menschen einen doch ausgenutzt haben, genauso aber auch oft geholfen. Als ich dann selber Mutter geworden bin, habe ich noch mehr gespürt, was das bedeutet hat, mit zwei Kindern dieses Abenteuer zu machen, ins Ungewisse zu fahren und nicht zu wissen, ob man in einem Jahr in Australien ist, in Kanada oder vielleicht in Schweden oder wieder zurück in der Heimat. Dieser Mut – oder meine Eltern haben auch oft gesagt, es war vielleicht auch Naivität – dessen war ich mir nicht so bewusst vor dem Film.
Wie war es für dich, mit diesen ganzen unterschiedlichen Rollen beim Filmemachen umzugehen? Du bist Regisseurin, Protagonistin und Tochter, die aber zunehmend Verantwortung für die eigenen Eltern übernehmen muss.
Dieser Transformationsprozess hat mich lange beschäftigt. Irgendwann hat meine Mutter mal die Briefe, die sie früher an mich geschrieben hat, zusammengefasst und ganz am Ende geschrieben: „Früher habe ich auf dich aufgepasst und jetzt ist es an der Zeit, dass du auf mich aufpasst.“ Als Regisseurin mussten meine Eltern mich einerseits tolerieren und haben mir das erste Mal beim Arbeiten zugesehen. Gleichzeitig habe ich mich natürlich immer noch als Tochter gefühlt und irgendwie verantwortlich für die Geschichte, die ich hier erzählen möchte. Ich wollte die Themen sehr sensibel aufgreifen, weil ich auch gewusst habe, dass da sehr viel Trauma dahintersteckt und ich eine Retraumatisierung vermeiden wollte.

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Du nutzt ganz unterschiedliche Zugänge zur Erinnerung, wie Briefe, Gespräche und Rekonstruktionen und Nachstellungen, die für mich als Zuschauerin teilweise nicht klar unterscheidbar waren. Kannst du diese unterschiedlichen Elemente einmal erläutern?
Ich finde es gut, dass du dich da teilweise nicht zurechtgefunden hast. Das war unsere Absicht. Was wir rekonstruiert haben, waren vor allem meine Erinnerungsfragmente aus Traiskirchen. Ich habe die Migration über Jahre verdrängt und dann, wie ich ein Teenager war, sind diese Bilder aufgekommen. Ich glaube, Traiskirchen war da wieder in den Medien. Auf einmal kamen diese Erinnerungen wieder und ich wollte sie rekonstruieren, um sie greifbarer zu machen. Es war total eigenartig, wie ich dann auf dem Set war und diese Erinnerungen auf einmal lebhaft wurden, dreidimensional, fassbar, spürbar und riechbar. Das war ein total intensiver Moment.
Wir haben alles auf Super 8 aufgenommen, was eine Brücke war zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Also alles, was im Heute nach wie vor präsent ist, zum Beispiel wenn wir mit dem Polski Fiat gefahren sind oder in dem Hausblock waren, wo wir gelebt haben.
Und dann kam noch das Archivmaterial dazu, das eine Verbindung zwischen heute und damals herstellen, aber auch diese kollektive Geschichte erzählen sollte. Es ist unsere Geschichte, die aber eine von vielen Geschichten ist, die sich zu Tausenden, vielleicht sogar Millionen in ähnlicher Weise wiederholt hat. Vor allem die Migration aus dem Osten in den Westen, aber auch andere Migrations- und Fluchtgeschichten.

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Das Archivmaterial gibt auch einen Einblick, in welcher Gesellschaft ihr damals gelandet seid.
Das Archivmaterial in Oberösterreich skizziert auch eine Wunschvorstellung, was wir am liebsten in 10 Jahren gewesen wären, wenn alles klappt. Nämlich eine glückliche Familie, die ein Dach überm Kopf hat, wo es warm ist, wo man Kekse backen kann und wo die Mama Zeit hat für die Kinder. Es war so eine Idealvorstellung von einer perfekten österreichischen Familie.
Ich wollte auch die unterschiedlichen Bräuche zeigen, weil wir in einer sehr geschlossenen Gesellschaft gelandet sind. Diese ganzen Bräuche, die in den 80er Jahren noch viel lebhafter waren als heute, die haben einen starken Eindruck auf uns gemacht. Das war oft erschreckend aber auch magisch und faszinierend. Die wollte ich auch einflechten, um zu zeigen, dass wir eben nicht in einer Multikulti-Gesellschaft gelandet sind, wo wir keine Außenseiter waren, sondern eben eine sehr starke Tradition von der Region gefordert war, eine starke Anpassung und wo auch ein starker Dialekt gesprochen wurde und man mit Hochdeutsch aufgefallen ist.
Wenn du darüber sprichst, wird sehr deutlich, dass Die noch unbekannten Tage ein sehr persönliches Projekt ist, aber auch versucht, eine größere gesellschaftliche Dimension zu erfassen. Welche Wirkung erhoffst du dir beim Publikum?
Ich erhoffe mir, dass mehr Verständnis dafür aufkommt, was es bedeutet, in einem neuen Land neu zu beginnen, einen Neustart zu machen. Empathie für alle Menschen, die nach der Flucht irgendwo ankommen, und wie schwer es für diese Menschen ist, sich ein neues Zuhause aufzubauen. Dass sie Unterstützung und Hilfe brauchen und man da mit ganz kleinen Gesten ganz viel erreichen kann.
Ich wollte auch zeigen, was der Osten und was der Westen war, was das damals für eine Differenz war. Damit man besser versteht, was heute im Osten passiert, wo diese Länder herkommen und was die alles mitgemacht haben. Eine Demokratie aufzubauen, ist schwieriger, als man denkt.
Die Uraufführung von Die noch unbekannten Tage findet im Rahmen des Filmfestivals Max Ophüls Preis 2026 statt, wo der Film im Wettbewerb Dokumentarfilm läuft.
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