Harriet

Harriet Tubman war Aktivistin für die Abschaffung der Sklaverei und Bürger:innenrechte in den USA. Nachdem sie selbst der Sklaverei entkommen war, kehrte sie mehrfach zurück nach Maryland und befreite mit Hilfe des Netzwerkes der Underground Railroad etwa 70 Menschen aus der Sklaverei. Harriet bringt ihre Lebensgeschichte nun als eine Mischung aus Historiendrama, Thriller und Western auf die Leinwand.

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Dieses Bio-Pic war mehr als überfällig. Vor dem Hintergrund der Black Lives Matter Proteste nach der Ermordung George Floyds und einer Debatte über Rassismus in den USA und darüber hinaus wird die Bedeutung von Personen wie Harriet Tubman umso deutlicher. Nach einer Veröffentlichung als Video on Demand und auf DVD/Blu-ray als Übergangslösung während der ersten Welle der Corona-Pandemie kommt Harriet nun doch noch bei uns ins Kino.

Der Film beginnt mit einer im Wortsinn ohnmächtigen Harriet Tubman (Cynthia Erivo). Die junge Frau, die träumend auf der Wiese liegt und von ihrem Partner mit guten Nachrichten geweckt wird, zeichnet eine Südstaaten-Idylle, bekannt aus Filmklassikern wie Vom Winde verweht. Der bedeutende Unterschied besteht jedoch darin, dass Harriet und ihr Partner Schwarz¹ sind. Sie sind nicht die O’Haras, sondern Sklav:innen auf einer Plantage.

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Im Gegensatz zu Vom Winde verweht, der immer wieder wegen seiner rassistischen Stereotype in der Kritik stand und zuletzt sogar vom Streamingdienst HBO aus dem Programm genommen wurde, verklärt Regisseurin Kasi Lemmons Sklaverei keineswegs. Gleichzeitig verzichtet sie darauf, das Leid von Sklav:innen zur Schau zu stellen. Lemmons erzählt Harriet als eine Geschichte der Emanzipation: Harriet Tubman braucht unser Mitleid nicht, sie verdient unseren Respekt.

Harriet Tubmans Ohnmacht ist kein Zeichen dafür, dass sie besonders damenhaft wäre. Ihre wiederkehrenden epileptischen Anfälle und Ohnmachtsanfälle sind das Resultat einer Kopfverletzung durch einen Aufseher auf der Plantage. Harriet zeigt diese tranceartigen Zustände als aufblitzende Rückblenden und Voraussichten. Visionen, die sie als göttliche Eingebungen interpretiert, leiten Tubman ohne ihre Handlungsfähigkeit zu untergraben. Sie selbst verwandelt ihre Verletzung in eine Superkraft.

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Die Flucht von der Plantage tritt Harriet Tubman alleine an. Verfolgt von Sklavenjägern überwindet sie zu Fuß oder versteckt im Heuwagen eine Strecke von beinahe 150 Kilometern. Obwohl das Publikum weiß, dass der realen Harriet Tubman die Flucht gelang, hält Regisseurin Kasi Lemmons die Spannung hoch. Erst als Tubman die Grenze nach Pennsylvania übertritt, atmet das Publikum mit ihr auf. Harriet kostet diesen Moment voll aus. Die Weite der Landschaft und das Morgenlicht auf der Leinwand verströmen ein absolutes Gefühl von Freiheit.

Im weiteren Verlauf des Films wird Harriet Tubman zu einer beinahe mystischen Heldinnenfigur, die mit Gospelliedern die Menschen zu sich ruft und zahlreichen Versklavten zur Flucht verhilft. Kasi Lemmons inszeniert Gospel dabei als Teil Schwarzer Identität in den USA. Der Titelsong Stand Up ist ein moderner Gospel, den die Hauptdarstellerin Cynthia Erivo selbst verfasste. Stand up ist mehr als nur eine Hymne zu Ehren von Harriet Tubman und hallt über den Film hinaus nach.

Obgleich Harriet ein bewegender und bedeutsamer Film ist, gibt es einige Wermutstropfen: Warum Harriet Tubman ihren Namen änderte, ist historisch nicht belegt. Der Film aber inszeniert die freie Wahl eines neuen Namens nach der Befreiung aus der Sklaverei als Akt der Selbstbestimmung. Mehrfach besteht Harriet Tubman in Harriet darauf, bei diesem Namen genannt zu werden. Umso unverständlicher scheint die Entscheidung, ihr in bekannter Manier des weiblichen Bio-Pics den Nachnamen zu rauben. Wir erinnern uns an Diana,  Paula, Jackie, Nelly, Astrid, Iris, Judy

Tubmans Einsatz für die Frauenbewegung findet erst im Abspann Erwähnung. Harriet verpasst damit die Chance, die Verbindung der amerikanischen Bürger:innenrechtsbewegung mit dem Feminismus aufzuzeigen. Es ist aber wichtig, den Aktivismus von BIPOC² in der Frauen- und auch der queeren Bewegungsgeschichte anzuerkennen und die gemeinsamen Kämpfe zu stärken.

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Der große Showdown zwischen Harriet Tubman und dem Plantagenbesitzer hat ebenfalls einen bitteren Beigeschmack, der im Rahmen der Proteste nach der Ermordung von George Floyd noch mehr Gewicht bekommt. ACHTUNG SPOILER  Als sich das Machtverhältnis zwischen Tubman und ihrem ehemaligen Herrn umkehrt und der Weiße Mann schutzlos vor ihr kniet, lässt sie Gnade walten. SPOILER ENDE Diese Geste kann als (Charakter-)Stärke interpretiert werden und doch wiederholt Harriet damit die Tabuisierung von Gewalt gegen den Unterdrücker. Während rassistische Gewalt in der Gesellschaft – damals wie heute – alltäglich ist und als Normalität wahrgenommen wird, soll der Protest dagegen ausschließlich friedlich sein. Dieses Narrativ zieht sich durch antikoloniale Kämpfe bis hin zu den jüngsten Protesten nach der Ermordung von George Floyd und dient letztlich dazu, Aktivismus zu delegitimieren.

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Nichtsdestotrotz trägt Kasi Lemmons mit dem sorgfältig recherchierten und eindrucksvoll umgesetzten Bio-Pic dazu bei, die Geschichte von Schwarzen und ihre eigene Perspektive darauf sichtbar zu machen. Harriet zeigt Schwarze als selbstbestimmte Personen mit Hoffnungen und Träumen, die keine:n White Saviour für ihre Befreiung brauchen. Weiße, die sich selbst zu Rassismus bilden wollen, sollten Harriet in ihre Watchlist aufnehmen.

Kinostart: 9. Juli 2020

¹“Schwarz” und “Weiß” bezeichnen keine biologischen Eigenschaften oder reelle Hautfarben, sondern ein rassistisches Machtverhältnis. Deshalb werden beide Begriffe in diesem Text groß geschrieben. Ein FAQ zu rassismuskritischer Sprache hat Der braune Mob e.V. veröffentlicht.

²Black, Indigenous and People of Color steht als Abkürzung für Personen, die rassistisch diskriminiert werden.

Autor

  • Lea Gronenberg ist Politikwissenschaftlerin und Nerd. Filme und Serien sind für sie ein Ort der Zuflucht und zugleich ein Ort für Gesellschaftsanalyse und -kritik.

Lea Gronenberg