Drei Gedanken zu: Bombshell

Es gibt vermutlich mehrere Gründe, warum der US-amerikanische Film Bombshell bei uns weitgehend unbemerkt geblieben ist. Der Kinostart kurz vor der Berlinale 2020 war sicherlich nicht die beste Idee, das Marketing trotz des fulminanten Casts um Charlize Theron, Nicole Kidman und Margot Robbie eher zurückhaltend und die wahre Geschichte um die sexuellen Übergriffe des Fox News CEOs Roger Ailes hierzulande zu wenig bekannt. Vielleicht aber hat der Film auch noch andere, nämlich inhaltliche und dramaturgische Probleme, die einen positiven Wiederhall beispielsweise in der feministischen Sphäre unterminierten. Machen wir uns dazu doch mal drei Gedanken…

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1. Wer erzählt eine Geschichte wie über wen?

Um uns genauer anzusehen, wer hier eigentlich wessen Geschichte erzählt, müssen wir zwei Ebenen voneinander trennen: die innerfilmische, also die Handlung, und die außerfilmische, also die Entstehungsgeschichte. Auf den ersten Blick scheint Bombshell auf der innerfilmischen Ebene nämlich alles richtig zu machen und erzählt die Handlung aus der Sicht der drei zentralen Frauenfiguren durch eben jene. Ob es ein dem Thema angemessener Kunstgriff ist, die Protagonistinnen hier direkt in die Kamera sprechen zu lassen, möchte ich an anderer Stelle diskutieren. Wichtig ist mir erst einmal herauszustellen, dass es die von sexualisierter Gewalt betroffenen Frauen sind, deren Stimme durch die Handlung führt und deren Perspektive der Film einnimmt. Und das ist gut.

Mehr als fraglich dabei ist allerdings, warum sowohl Regie als auch Drehbuch hier männlich besetzt sind. Und warum die zentrale Figur, Journalistin Megyn Kelly (verkörpert von Charlize Theron) für eben jenes Drehbuch offensichtlich so unausreichend konsultiert wurde, dass sie ein ganzes YouTube Video aufnahm, in dem sie den Film gemeinsam mit anderen betroffenen Frauen überaus kritisch kommentierte. Die in diesem Gespräch benannten Fehler, darunter auch das Fortschreiben klassischer Rape Culture Mythen wie Victim Blaming, wären mit der Partizipation dieser Frauen absolut vermeidbar gewesen. Und daraus wiederum folgt die absolut brennende Frage: Wieso kam in diesem langen Produktionsprozess, in dem immer wieder Filmstudios ein- und ausstiegen, niemand auf die Idee, einen solchen Film allermindestens durch ein gemischtes Team in den Schlüsselpositionen hinter den Kameras zu produzieren?! Stattdessen: Nicht nur Regie und Drehbuch, sondern auch Musik, Kamera und Montage ebenfalls in männlicher Hand.

Drei blonde Frauen, die Hauptfiguren von Bombshell, nebeneinander im Fahrstuhl

© Eurovideo

Zur Frage wer hier über wen erzählt, möchte ich auch die abgebildete gesellschaftliche Schnittmenge problematisieren: weiße, mittelständische bis wohlständische Frauen. Vielleicht arbeiten bei Fox News tatsächlich nur Blondinen, vielleicht sah das Filmplakat mit drei blonden Schöpfen aber auch einfach nur besonders hübsch aus?! Und ich mag hier vielleicht gerade noch hinnehmen, dass hier keine Frauen of Color auftreten, weil es sich um die Abbildung eines immens diskriminierenden Umfelds handelt (auch wenn ich bezweifeln möchte, dass es bei Fox News KEINE Schwarzen Angestellten gibt). Aber muss dann die einzige Frau of Color ausgerechnet als Kinderbetreuung namenlos durchs Bild huschen oder können wir uns diese Szene nicht dann vielleicht auch einfach sparen?! In jedem Fall müssen wir diese Abwesenheit nicht-weißer Frauen mahnend thematisieren, denn die Geschichte von sexualisierter Gewalt und Belästigung betrifft auch sie beziehungsweise auf Grund der Mehrfachdiskriminierung oft in noch extremerer Form.

Es sei nun aber auch noch ein Satz über das „wie“ gesagt. Bombshells Dramaturgie irritiert. Das ist weder ein Thriller, noch eine Komödie, noch ein Drama… obwohl all diese Saiten anklingen, vermag der Spannungsbogen sie doch nicht zu einem harmonischen Stück zu verbinden, sondern scheint sich zwischen ihnen zu verlieren.

Die fehlende Zuspitzung der Handlung steht natürlich einerseits in engem Zusammenhang mit dem Konzept des Ensemble-Films: Bombshell hat nicht eine, sondern drei Heldinnen. Auch wenn ihre Screentime nicht vollkommen gleichberechtigt verteilt sein mag, so nehmen doch alle zentralen Figuren gleichsam bedeutende Funktionen für den Verlauf der Geschichte ein. In dem Verzicht auf eine einzige dramaturgisch und inhaltlich erhöhte Heldinnenfigur zeigt sich eine erfrischende Abkehr von der patriarchalen Ordnung des klassischen Hollywoodfilms, in dem in der Regel einer über allem und allen stehenden Hauptfigur die übrigen Nebencharaktere klar untergeordnet sind.

Während sich diese dramaturgische Struktur also nahtlos in die feministische Aussage des Films fügt, schadet sie Bombshell am Ende dann leider doch. Denn wo der Mehrwert eines inszenierten Spielfilms eben gerade darin besteht, Drama, Spannung oder Humor zu erzeugen, kommt Bombshell über ungelenkes und somit letztlich plattes Erzählkino nicht hinaus. Ungelenk deshalb weil der beobachtende Modus im Gegensatz zu einer dramatischen Zuspitzung zwar Authentizität suggeriert, der Bruch mit der vierten Wand, wenn die Figuren in die Kamera sprechen, dazu jedoch in krassem Widerspruch steht. Auch das prosthetische Make-Up von Charlize Theron und Nicole Kidman, deren Antlitze zu bekannt sind, um ohne Irritation in anderen Gesichtern aufzugehen, strahlt keine Natürlichkeit aus, sondern fügt sich nahtlos in das affektierte Maskentheater Hollywoods. Unterm Strich entsteht somit kein gelungener Bruch mit patriarchalen Strukturen, sondern ein bedauerlich unausgegorenes und emotional schwer zugängliches Filmkonzept.

Kayla und eine Kollegin im Büro, mit aufmerksamen, aber leicht verschreckten Gesichtern

© Eurovideo

2. Victim Blaming statt Frauensolidarität

In ihrem YouTube Video erwähnt Megyn Kelly explizit eine Szene des Films, die auch mich außerordentlich irritiert hat. Hier beschuldigt die junge Kayla (Margot Robbie) ihre gestandene Kollegin Megyn, durch das jahrelange Verschweigen der eigenen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt zum Fortbestehen der Missbrauchsstrukturen im Sender beigetragen zu haben. Und das ist natürlich Victim Blaming, also eine Schuldzuweisung in Richtung der betroffenen Person, und damit einer der Grundpfeiler einer gut funktionierenden Vergewaltigungskultur. Diese Szene ist als Interaktion zwischen Identifikationsfiguren also hochproblematisch, aber gleichzeitig in meinen Augen auch hochinteressant. Denn sie erzählt uns etwas darüber, wie Männer sich die Interaktion zwischen von sexualisierter Gewalt betroffenen Frauen vorstellen, nämlich unsolidarisch. Und wo sie die Wurzeln für die Rape Culture suchen, nämlich bei den Frauen!

Tatsächlich ist die fehlende Solidarität unter Frauen immer wieder Thema in Bombshell. Und bis zu einem gewissen Grat hat dies auch seine Richtigkeit, denn natürlich ist der Zusammenschluss der Unterdrückten für den Kampf gegen bestehende Machtverhältnisse unverzichtbar. Und mit Sicherheit gibt es da in unseren aktuellen Diskursen noch Luft nach oben, insbesondere im Bereich der Intersektionalität. Natürlich ist es wichtig und richtig, Frauen in Machtpositionen auch einen höheren Grat der Verantwortung zuzusprechen als Personen am Ende der patriarchalen Nahrungskette. Insbesondere als weiße Frauen müssen wir uns immer wieder bewusst machen, dass wir nicht nur benachteiligt, sondern gleichzeitig auch privilegiert sind und dass es deshalb neben unserem Kampf gegen Sexismus auch unsere Aufgabe ist, Frauen und Queers of Color tatkräftig zu unterstützen. Das allerdings erzählt uns Bombshell an dieser Stelle nicht!

Natürlich ist es eine Überlegung wert, ob mein Mut, einen Gewalttäter anzuzeigen, vielleicht anderen zugutekommt – weil ich andere Betroffene ermutige, ebenfalls die Stimme zu erheben, weil sie sich nicht mehr allein fühlen oder weil sie gar nicht erst zu Opfern sexualisierter Gewalt werden. Aber es ist nicht meine Aufgabe! Diese Gedanken können mir als Motivation dienen, aber sie dürfen mich nicht unter Druck setzen! Niemand kann von mir oder dir verlangen, einen Übergriff anzuzeigen. Nur wir können entscheiden, ob unsere finanzielle und familiäre Situation und unsere psychische Gesundheit dies ermöglichen, ob wir aktuell die Kraft dafür besitzen oder schlicht und einfach ob wir das überhaupt wollen. Und wie Megyn Kelly in ihrem YouTube Video ganz richtig sagt: Die #metoo Bewegung war nicht von Anschuldigungen, sondern von Solidarität geprägt. Die Frauen stellten sich nicht hin und beschuldigten einander, zu spät die Wahrheit gesagt zu haben. Sondern die zeigten mit dem Finger auf die Täter! Und so muss das sein!

Robert Ailes, ein dicker, älterer Mann, sitzt gegenüber eine blonden Frau, die wir nur von hinten sehen.

© Eurovideo

3. Heile Welt nach dem Einzelfall

Und wo wir schon bei den Tätern sind, soll hier auch noch etwas über die Figur Roger Ailes gesagt werden, den Täter in dieser Geschichte. Auf verstörende Weise wirkt Ailes am Ende nämlich dann doch wieder wie ein Einzelfall, wenn Rupert Murdoch, der Besitzer von Fox News, Position für die betroffenen Frauen bezieht und seinen CEO entlässt. Als ob dies die Lösung des Problems wäre. Ein Machtsystem, innerhalb dessen eine einzelne Person wie Roger Ailes in der Lage ist, über Jahrzehnte ungeahndet Frauen sexuell zu belästigen und zu missbrauchen, umfasst deutlich mehr Täter als nur diesen einen Sündenbock. Eine größere Struktur von Machtmissbrauch, Misogynie und Sexismus klingt in Bombshell zwar immer wieder an, doch wird sie in ihren Mechanismen oder durch ihre Akteure nicht ausreichend sichtbar gemacht, um den Kern des Problems zu adressieren. Am Ende bleibt Roger Ailes ein Einzeltäter.

Und wie es sich nun einmal so verhält mit Einzeltätern, ist nach ihrer Überführung der Frieden wiederhergestellt. Ja, da schämen sich dann plötzlich die männlichen Kollegen für den Vergewaltiger Partei ergriffen zu haben. Und die Frauen können endlich mit Hose zur Arbeit kommen. Was will Mann mehr von einer richtig schönen Geschichte über sexuelle Belästigung?! Da ist doch die Welt glatt wieder im Lot. Zwar verspricht das Voice Over uns kein Happy End, sondern deutet für die drei Hauptfiguren durchaus eine problematische Zukunft an. Doch im Sinne des sedierenden Hollywoodkinos kommt das Ende dieses Films reichlich versöhnlich daher.

Eins muss ich Bombshell lassen: Der Film bietet eine immense Brandbreit für Diskussionen um sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch sowie ihre filmische Aufarbeitung. Aber wer einen guten Film zu diesen Themen anschauen möchte, dem empfehle ich dann doch eindeutig The Assistant!

Macht euch selbst ein Bild – hier gibt’s den Film:

Autor

Sophie Charlotte Rieger
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