Germans & Jews – Eine neue Perspektive

“Mein Vater hat gesagt, dass es zwei Arten von Menschen auf der Welt gibt: Juden und Nazis.”, “Ich wurde definitiv von jemandem großgezogen, der einen irrationalen, pauschalen Hass auf Deutsche hatte.”, “Ich habe eine instinktive Reaktion, wenn ich jemanden Deutsch sprechen höre. Es macht mir Angst.”. Die die ersten drei Sätze des Dokumentarfilms Germans & Jews – Eine neue Perspektive von Janina Quint dürften sich für viele deutsche Zuschauer:innen – besonders für welche, die wie ich eine nicht-jüdische Perspektive haben – wie ein Schlag ins Gesicht anfühlen. Sie versprechen die radikale Aufdeckung eines Verhältnisses, das durch historisch wuchernden Antisemitismus, die Shoa und Geschichtsvergessenheit zutiefst zerrüttet ist. Dass der Film dieses Versprechen nicht einlöst, ist dabei leider nur eine der Enttäuschungen, die Germans & Jews bereithält.

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Janina Quints widmet sich in den ersten Minuten einer jüdischen Perspektive auf die deutsche Nachkriegszeit, die von Unsicherheit, Widersprüchlichkeit und unterschwelligen – aber unleugbar existentem – Antisemitismus geprägt ist. Dabei präsentiert sich die Doku eher unspektakulär. Interviewszenen, Texteinblendungen, Archivmaterial und Füllbilder bestimmen vollkommen dokutypisch die Bildebene, während nichtssagendes Gedudel die Tonspur beherrscht. Ästhetisch gibt sich der Film also als typischer Fernsehdokumentarfilm – inhaltlich konzentriert, aber handwerklich eher ideenarm. Zu Wort kommen zahlreiche in Deutschland lebende Jüd:innen und Deutsche aus vielen verschiedenen Kontexten. Die Gedanken, die die Interviewten äußern und die der Film sortiert und einordnet, werden gerahmt durch die Dokumentation eines Abendessens, bei dem ein Teil der für den Film Interviewten zusammenkommen um über das jüdisch-deutsche Verhältnis zu diskutieren. Wie sich diese Runde genau zusammengesetzt hat, bleibt dabei offen, es fällt jedoch auf, dass es sich fast ausnahmslos um monetär und kulturell privilegierte Bürger:innen handelt. Akademiker:innen und Industrielle sitzen dort an einer schick gedeckten Tafel zusammen, im Bildhintergrund kümmern sich Bedienstete um die Bewirtung der Protagonist:innen. Dass diese Runde in der Form nicht in der Lage ist, ein pluralistisches und komplexes Meinungsbild der deutschen Gesellschaft widerzuspiegeln scheint dabei nicht zu interessieren. Zu sehr konzentriert sich der Film darauf, schön formulierte Sätze und provokante Gedankenanstöße zu präsentieren, statt zu fragen wer hier überhaupt reden darf und wer nicht – und warum das problematisch ist.

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Doch auch außerhalb der Dinnerszenen stellt der Film seine Ressourcen sehr einseitig zur Verfügung. Deutsche reden über sich, ihre Denkmäler, ihre Initiativen, ihre Städte, ihre Vergangenheit – sie fragen, ob ihre Väter und Großväter in der Wehrmacht Täter oder Opfer gewesen sind, sie weisen so unglaubwürdig wie es nur geht darauf hin, dass ihre Eltern ja liberal gewesen seien und sie selbst natürlich sehr interessiert an der Geschichte und den Geschehnissen während des Nationalsozialismus. Sie reden von “Sachen, die passiert sind” in der deutschen Geschichte, von anderen Generationen und anderen Werten, als sie jetzt vorherrschen. Und die Jüd:innen, die der Film befragt? Sie reden davon, dass sie sich nicht als deutsch identifizieren, sich aber durchaus wohl fühlen im angesagten Berlin. Sie erzählen, wie sie ihren Frieden mit Deutschland gemacht haben und wie sich ihre Kinder das Trikot der deutschen Fussballnationalmannschaft anziehen. Das Wort “deutsch” ist so präsent im gesamten Film, dass es droht alle anderen Wörter zu verdrängen …

… beispielsweise Antisemitismus. Erst in den letzten Minuten lenkt Germans & Jews seine Aufmerksamkeit auf zeitgenössische Formen von Jüd:innenhass in Deutschland. Dabei verliert der Film zwar kein Wort darüber, dass seit 2015 die Zahl antisemitischer Straftaten ständig steigt, aber kommt natürlich nicht darum herum die hohe Anzahl an Deutschen mit arabischem Migrationshintergrund zu erwähnen und dass diese den Antisemitismus ihrer Heimatstaaten nach Deutschland zurückgebracht hätten. Der Film befasst sich weder mit einer Thematisierung geschweige denn mit einer Problematisierung der antisemitischen Attacken der letzten Jahre oder der Konjunktur antisemitischen, verschwörungstheoretischen Denkens.  Stattdessen bietet er unkommentiert  Thesen wie “Deutschland hat seinen Beitrag geleistet” und “Philosemitismus ist fast genauso gefährlich wie Antisemitismus” dar. Und so endet der Film nicht etwa mit einem Appell, einem mahnenden Finger, die Verbrechen des Holocausts nicht zu vergessen, sondern mit einer Versöhnung. Er endet nicht mit der Erkenntnis, dass Antisemitismus immer noch ein großes Problem darstellt, sondern mit einer jüdischen Frau, die stolz erklärt, sie habe ihre Befangenheit gegenüber Deutschen nun überwunden. Und mit einem jüdischen Mann, der von der humanen, deutschen Gesellschaft und ihrer vorbildlichen Demokratie schwärmt.

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Germans & Jews ist definitiv ein ehrlicher Film – auf mehreren Ebenen. Einerseits präsentiert er ungeschönte Einstellungen und Ressentiments, die zur Reflektion anregen. Andererseits spricht aus ihm auch der deutliche Wunsch einer Amnestie, verdeckt in einem friedlichen und unkomplizierten Verhältnis zwischen Deutschen und Jüd:innen. Dass gerade dieses Verhältnis vielleicht eher mit einem Entgegenkommen an die Bedürfnisse  jüdischer Mitmenschen – und zwar über alle Gesellschaftsschichten hinweg – statt mit einer Begnadigung Deutscher erreicht werden kann, bleibt dabei unbeachtet. Die anfängliche Radikalität verläuft sich somit im Laufe des Films in einen Beitrag zur Schlussstrich-Debatte, wie er vermutlich bewusst nicht intendiert war – aber leider kaum anders zu deuten ist.

Filmstart: 15.05.2020

 

Autor

  • Sophie Brakemeier hat Medienwissenschaft studiert und sich währenddessen lange im kommunalen Kinobetrieb engagiert. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet sie redaktionell in der Medien- und Kulturbranche, schreibt über Film und an ihrem ersten Buch. Kino liebt sie seitdem sie im Alter von vier vor Aufregung den Saal bei Free Willy 2 leergeschrien hat. Die Emotionalität für Filme blieb ihr, den kritischen Blick hat sie allerdings geschärft.

Sophie Brakemeier
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