The Farewell

Als bei Billis Nai Nai (Großmutter auf Nordchinesisch) Krebs diagnostiziert wird, beschließt ihre Familie, die Krankheit vor der alten Frau, die sich bei bester Gesundheit wähnt, geheim zu halten. Als Vorwand für einen Abschiedsbesuch bei Nai Nai (Zhao Shuzhen), wird auf die Schnelle eine Hochzeit inszeniert. So verrückt die Handlung von The Farewell  klingt, beruht sie doch auf biografischen Erfahrungen der Filmemacherin Lulu Wang oder – wie eine Einblendung im Vorspann den Film eröffnet – auf einer wahren Lüge. Der persönliche Zugang der Filmemacherin zu den Filmcharakteren und deren Lebenswirklichkeit verleiht dem Gesamtwerk eine unglaubliche Authentizität.

© Universum Spielfilm

Wang erzählt The Farewell ausgehend von Billi (Nora Lum, besser bekannt als Awkwafina). Die junge Frau lebt in New York, ihre Familie emigrierte aus China als sie noch ein Kind war. Sie ist angehende Autorin und gerät mit ihrer Mutter (Diana Lin) häufig aneinander. Während die Eltern darum kämpften, im Mittelstand anzukommen, lehnt die Tochter diesen abgesicherten Lebensentwurf für sich ab.

Obgleich Billi sich gegenüber ihrer Mutter als unabhängige, alleinstehende Frau behauptet, durchleben die Zuschauer:innen mit der Hauptfigur große Unsicherheiten und Zukunftsängste. Sie hat keine finanziellen Rücklagen, für ein Studium ist sie auf ein Stipendium angewiesen. Wie viele jungen Menschen versetzt sie die Frage nach einem konkreten Plan in Panik.

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Ein zentrales Thema des Films ist darüber hinaus die Auseinandersetzung mit der eigenen kulturellen Identität. Der Abschied von ihrer Großmutter und ihre Rückkehr nach China konfrontieren Billi mit ihrer eigenen inneren Zerrissenheit. Wangs Perspektive einer chinesisch-amerikanischen Frau leistet dabei einen wichtigen Beitrag in Sachen Repräsentation. In der Rubrik Asian Voices der Huffington Post schreibt Marina Fang über diese asiatisch-amerikanische Erzählperspektive: “I didn’t realize that I had never really seen this experience portrayed on-screen, and how much I needed to see it — until I actually saw it.”

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In der Gegenüberstellung der amerikanischen und der chinesischen Kultur verzichtet The Farewell auf Klischees ebenso wie auf eine eindeutige Positionierung. Für die in Amerika aufgewachsene Billi stellt die Lüge gegenüber ihrer Großmutter ein moralisches Dilemma dar, während es für ihre chinesische Verwandtschaft und sogar den behandelnden Arzt eine Frage des Respekts ist, die Älteren vor unnötigen Sorgen zu schützen. Der Film beleuchtet unterschiedliche (kulturelle) Perspektiven auf Familie, Liebe und Trauer, die gleichberechtigt nebeneinander stehen dürfen.

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The Farewell zeigt großes Einfühlungsvermögen in Bezug auf Billis Trauer und ihre Suche nach der eigenen Identität, andererseits platziert er diese emotionale Krise inmitten einer skurrilen, chinesischen Fakehochzeit. Eine der intensivsten Auseinandersetzungen zwischen Billi und ihrer Mutter findet in einem Raum voller Luftballons in quietschrosa statt. Mit Nai Nai führt sie ein bewegendes Gespräch, während im Hintergrund das überforderte Brautpaar versucht, überzeugende Hochzeitsbilder zu stellen. Lulu Wang balanciert die Kontraste zwischen Innen und Außen, Lachen und Weinen, Drama und Komödie gekonnt aus.

Es sind diese unterschiedlichen Ebenen, die The Farewell zu einem einzigartigen und bewegenden Film machen. Lulu Wang bereichert die Filmwelt um eine intersektionale Perspektive und eröffnet damit eine neue Sicht auf universelle Themen wie Tod und Liebe.

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Der Verzicht auf Klischees ist nicht nur politisch korrekt, sondern auch fordernder für das Publikum. Anstatt auf die Tränendrüse zu drücken oder sich hinter flachen Witzen zu verstecken, richtet Wang den Blick auf echte Emotionen. So wird The Farewell zu einer humorvollen wie rührenden Familiengeschichte.

 

DVD-Start: 17.04.2020

Autor

  • Lea Gronenberg ist Politikwissenschaftlerin und Nerd. Filme und Serien sind für sie ein Ort der Zuflucht und zugleich ein Ort für Gesellschaftsanalyse und -kritik.

Lea Gronenberg
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