Gast-Löwin: Fuck the Canon: Der Umgang mit dem Kino im Zeitalter von #MeToo

Ein Text von Gast-Löwin Rebecca Harrison

Ursprünglich auf Englisch erschienen am 09. November 2018 bei MAI: Feminism

Übersetzung: Tobias Eberhard

#metoo

Photo by Mihai Surdu on Unsplash

Harvey Weinstein. Bob Weinstein. Dustin Hoffman. Bernardo Bertolucci.

Am 16. September 2018 teilte Melissa Thompson ein Video des Filmproduzenten Harvey Weinstein, wie er sie während eines Geschäftsgesprächs sexuell belästigte. Nach dem Treffen wurde Thompson von Weinstein vergewaltigt. Wobei ich wohl eher sagen sollte, Thompson behauptet, von Weinstein vergewaltigt worden zu sein. Das Video werde ich mir aber nicht anschauen, und ebenso wenig werde ich „behauptet“ sagen, denn ich glaube ihr.

In ihrem Interview legt Melissa Thompson neue Einzelheiten über ihre Erfahrung offen, obwohl hier kaum von neu die Rede sein kann. Überhaupt sollte sie gar nicht erst gezwungen sein, das alles zu tun. Und doch, fast ein Jahr nachdem die New York Times am 10. Oktober 2017 die Weinstein-Enthüllungen veröffentlichte und fünf Tage später die von Tamara Burke initiierte #MeToo-Bewegung viral ging, sieht sich eine Frau immer noch genötigt, ihre Vergewaltigung durch das öffentliche Teilen von Beweisen belegen zu müssen. Es macht noch einmal deutlich, dass wir als Gesellschaft darin versagt haben, Überlebenden und Opfern wahrhaftig zu glauben.

Es macht ebenfalls noch einmal deutlich, dass #MeToo nicht nur ein im Abstrakten stattfindendes Phänomen war. „Me“, Ich, das ist eine Person, mit einem Namen und einer Stimme. Melissa Thompson hat eine Vergewaltigung erlebt, überlebt, und ihre Ausführungen verdeutlichen, warum ich es so satt habe, wenn Leute von der Post-#MeToo-, der Post-Weinstein-Ära reden. Denn: #MeToo ist noch nicht vorbei, und Weinstein musste sich vor Gericht noch nicht der Gerechtigkeit stellen (im Gegenteil, er leugnet immer noch jegliches Fehlverhalten) [Anm.d. FILMLÖWIN Red.: Inzwischen ist Harvey Weinstein zu 23 Jahren Haft verurteilt.]. Solange die Überlebenden die Last ihrer Erfahrungen noch mit sich herumtragen müssen, solange die Filme von Weinstein und anderen Missbrauchstäter:innen noch aufgeführt werden, sind wir nicht in einer Post-irgendwas-Ära. Das hier ist unsere Gegenwart, und sie ist chaotisch und kraftraubend.

Alfred Hitchcock. Louis CK. Fatty Arbuckle. Richard Dreyfuss.

Ich schreibe das und spreche hier als Filmkritikerin. Ich schreibe das und spreche hier als Filmwissenschaftlerin. Als Lehrende. Als eine Person, die es schon von Kindertagen an geliebt hat, ins Kino zu gehen und teilzuhaben an der Euphorie, die im Kinosaal in der Luft liegt. Und ich schreibe das und spreche hier als Überlebende einer Vergewaltigung und mehrfacher Vorfälle männlicher sexualisierter Gewalt.

Eine ganze Zeit lang habe ich versucht, meine persönlichen und beruflichen Identitäten voneinander getrennt zu halten, um deutlich zu machen, wie man das weibliche Filmemachen verteidigen und übergriffige Männer zur Rechenschaft ziehen kann unter Anwendung der Logik, der Argumente und der Sprache des Patriarchats; das Patriarchat, das stets darauf pocht, dass ich nicht gleichzeitig Gefühle haben und die Wahrheit aussprechen kann. Davon habe ich jetzt die Schnauze voll. Im Mai 2018 sah ich mit an, wie Dutzende Filmkritiker:innen ihre sogenannten Werte aus dem Fenster warfen und in Cannes in die Kinos strömten, um den neuen Film von Lars von Trier anzuschauen. Ich musste mir Geschichten davon anhören, wie Thierry Frémaux, der Leiter des Filmfestivals von Cannes, bei der Unterzeichnung der Absicht, Cannes bis 2020 paritätisch aufzustellen, sexistische Witze riss. Und ich konnte keine Begeisterung dafür aufbringen, Weinstein in Handschellen zu sehen, während er weiter plädierte, „nicht schuldig“ zu sein. Wir müssen damit aufhören, diese Männer und ihre Filme und ihre „Witze“ durch Anerkennung zu bestätigen, und zwar sofort.

Das ist meine Lösung für das Problem der übergriffigen Männer in der Filmindustrie, unvollkommen, persönlich, professionell, emotional, logisch, irrational… und wütend. Ja, dieser Text ist wütend, denn er verkörpert mich, und ich bin verdammte Scheiße rasend vor Wut.

Es mag ungewöhnlich erscheinen, eine Akademikerin und Frau so tief emotional zu sehen. Ich weiß, dass von mir erwartet wird, ruhig und besonnen zu sein, das Spiel gemäß den von Männern für mich aufgestellten Regeln zu spielen. Aber ich werde nichts dergleichen tun. Stattdessen bitte ich um eure Aufmerksamkeit. Dass ihr mich wahrnehmt – ja, mich – um hinter die Schlagzeilen zu blicken und zu erkennen, wie eure Anbetung von Alfred Hitchcock oder Roman Polanski oder Woody Allen von der anderen Seite aus wirkt. Ich sage: Scheiß auf sie und ihren verdammten Kanon.

Ich werde hier keine wissenschaftlichen Referenzen und aufwändig ausgearbeiteten Argumente voll undurchsichtiger Theorie und ein wenig fadenscheiniger Philosophie auffahren. Ich liefere keine polemische allgemeingültige Lösung für das Problem mit übergriffigen Männern (es gibt schließlich andere Ansätze und Möglichkeiten). Ich werde nur aufzeigen, wie die Dinge anders gehandhabt werden können. Ich bitte euch lediglich darum…

Ben Affleck. Casey Affleck. Kevin Spacey. Roman Polanski.

…mir zu glauben.

Ein paar Hintergrundinfos.

Letzten Sommer bekam ich die Aufgabe, einen Kurs im zweiten Studienjahr des Bachelors zu Film und Fernsehen zu unterrichten. Bis dahin hatte ich die Erfahrung gemacht, dass historische Überblicke alle mehr oder weniger gleich aussehen (auch in Modulen, die ich vorher schon unterrichtet hatte). Sämtliche behandelten Filme und TV-Serien werden von Männern gemacht sein, ausnahmslos alle. Nur eine Handvoll der Texte aus der vorgegebenen Lektüreliste wird von Frauen geschrieben sein. People of Colour werden nicht repräsentiert sein, in keiner Weise. Doch dieses Mal, beschloss ich, würde ich die Dinge anders angehen und dafür sorgen, dass feministische und postkoloniale Perspektiven prominent vertreten sein würden. Nach meiner Vorstellung hätte die Filmliste des Kurses sowohl Männer als auch Frauen beinhaltet. Dann ging im Oktober 2017 die #MeToo-Bewegung viral…

Chuck Close. Michael Fassbender. Darryl Zanuck. Gary Oldman.

…und, wie so viele andere Frauen auch, war ich fertig und wütend und aufgebracht und erschöpft ob der nicht enden wollenden Zahl an Geschichten von Frauen, die in der Branche, in der wir arbeiteten und forschten, von Männern missbraucht worden waren. Und, wie so viele andere Frauen auch, war ich fertig und wütend und aufgebracht und erschöpft, weil es hierbei auch um mich ging, als Überlebende von männlicher sexualisierter Gewalt. Arbuckle zu unterrichten, bedeutet, Hitchcock zu unterrichten, bedeutet, Weinstein zu unterrichten, bedeutet, die Täter meines eigenen Missbrauchs im Unterricht zu bestätigen. Was, also, soll man in dieser Situation unternehmen? Zufällig erfuhr ich davon, dass Anna Backman Rogers, die an der Universität Göteborg in Schweden lehrt, in ihrem Unterricht nur Filme von Regisseurinnen zeigt, weil sie nicht mit Sicherheit sagen kann, dass männliche Filmemacher ihre Karrieren nicht auf einer Art von Ausbeutung aufgebaut hatten. Diese Entscheidung sowie ihre politischen Ansichten erwähnte sie ihren Studierenden gegenüber nicht explizit, sie gestaltete ihren Unterricht fortan einfach mit weiblich-orientierten Filmen.

Bill Murray. Nicolas Cage. Sean Penn. Luc Besson.

Manchmal sind die einfachsten Lösungen die radikalsten. Brennt alles nieder. Lehrt und zeigt keine Filme von Regisseuren in euren Unterrichtsräumen (oder bei euren Festivals oder in euren Kinos). Und nein, natürlich nicht alle Männer, aber hierbei geht es darum, dem Patriarchat den Finger zu zeigen. Auf die Frage, welcher unserer allseits geschätzten Autorenfilmer Frauen am Set, auf Festivals, in Hotelzimmern nicht belästigt oder angegriffen hat, kann daher „im Rahmen dieser Arbeit nicht eingegangen werden“, um es mit den Worten der Wissenschaft auszudrücken.

Wir lassen uns das nicht mehr gefallen, darum geht es. Wir sehen euch, ihr Missbrauchstäter, und wir sehen euch, ihr Überlebenden, und wir werden alles niederbrennen, um der Veränderung und damit der Verbesserung der Umstände den Boden zu bereiten.

Seminarplan von Rebecca Harrison

Ich beschloss also, einen Pflichtkurs über Film- und Fernsehgeschichte zu halten, in dem ich nur von Frauen geschaffene Film- und Fernseharbeiten zeigen würde. Das hier ist der Studienplan, den ich zusammen mit einer weiteren Lehrperson erstellt hatte und unterrichtete. Es fällt wohl direkt auf, dass wir in der ersten Woche ein wenig geschummelt haben: Ich unterrichtete Star Wars. Dafür gab es zwei Gründe. Erstens, um den Studierenden zu zeigen, dass auch ich Arbeiten von Regisseuren mag und darüber schreibe, jedoch gleichzeitig Kritik daran üben kann. Und zweitens, um den Studierenden aufzuzeigen, dass sie über den „Autorenfilmer“ hinausschauen und der im Unsichtbaren von Frauen geleisteten Arbeit bei augenscheinlich männerdominierten Projekten Beachtung schenken sollten. Mit Ausnahme davon stammten alle Beiträge von Regisseurinnen.

Mel Gibson. Michael Winner. Buddy Adler. John Lasseter.

Im Laufe von zehn Wochen behandelten wir Folgendes: Früher Film, Classical Hollywood, Nouvelle Vague, British-Heritage-Kino, Avantgardefilm, Stars und ihre Berühmtheit, Sitcom und Fernsehdrama, Dokumentationen und Netflix. Wir sahen uns unter anderem Poster, Werbematerial, Spielzeug, Merchandise, Tageszeitungen, Fotos, Musikvideos und Pressemitteilungen an, um daran die brancheneigenen, ästhetischen und politischen Kontexte von Film und Fernsehen nachzuvollziehen. Wir sprachen über Feminismus, Misogynie, #MeToo, Rassismus, White Supremacy, Queer-Geschichte, Transphobie und die Wesensart von Geschichte, Geschichtsschreibung und Macht. Wir hinterfragten unsere Privilegien. Das Endergebnis: Die Beteiligung der Studierenden am Kurs hatte sich verbessert, und wir vergaben so viele Einsen wie niemals zuvor.

Und das alles in einem Kurs, in dem die behandelten Filmmedien von Frauen stammten.

Fast so, als wären Männer nicht unerlässlich in unserem Verständnis von und Spaß am Kino. Fast so (jetzt mit Flüsterstimme, bitte…), als könnte die Filmkunst auch sehr gut ohne übergriffige Männer auskommen.

Natürlich war nicht jede:r begeistert von meiner Entscheidung, keine Filme und Serien von Männern zu zeigen. Vielleicht wäre es besser gewesen, hätte ich meinen Plan einfach im Stillen umgesetzt und kein großes Aufheben darum gemacht. Als ich den Kurs begann, unterschied sich meine Herangehensweise an das Unterrichten von weiblich-fokussierten Medien von der Herangehensweise anderer Lehrpersonen, die das ebenfalls taten, insofern, dass ich in aller Öffentlichkeit und unmissverständlich über mein Vorhaben sprach. Das begründete sich in meinem umfassend ausgebildeten weiblichen Bedürfnis, um Erlaubnis zu bitten und Bestätigung zu suchen (ich fragte ältere Kollegen, ob meine Art zu lehren in Ordnung wäre), und in meiner Neugier (ich fragte in einem Onlineforum für Akademikerinnen nach, ob so etwas schon mal gemacht wurde, um etwas über die Erfolge und Hürden zu erfahren). Ich entschied mich auch dafür, meinen Studierenden ganz offen mitzuteilen, welche Medien ich warum ausgewählt hatte. In einem Unterrichtsraum vor der nächsten Generation von Film- und Fernsehschaffenden, Kritiker:innen, Filmverleiher:innen, Rundfunkpersönlichkeiten, Aussteller:innen und Lehrenden zu stehen und im Nachgang von #MeToo nicht offen über Missbrauch zu sprechen, hätte sich bestenfalls wie eine verpasste Möglichkeit angefühlt, und im schlimmsten Fall wie eine Unverantwortlichkeit.

Louis B Mayer. Lars von Trier. Bill Cosby. Ingmar Bergman.

Aus moralischen Gründen lege ich nicht offen, ob die folgenden Aussagen von Männern oder Frauen stammen, persönlich oder online erfolgten. Ich werde auch nicht wortgenau zitieren. Nichtsdestotrotz, hier eine Zusammenfassung der negativeren Rückmeldungen:

Mir wurde gesagt, ich sollte aufhören, Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Mir wurde gesagt, ich sollte nicht über so etwas reden oder müsste eben mit einer Gegenreaktion rechnen. Mir wurde gesagt, dass ich die Geschlechterbinarität bekräftigen würde und dass ich leicht zu durchschauen wäre. Mir wurde gesagt, ich würde den Leuten meine Linksaußen-Agenda aufzwingen. Mir wurde gesagt, dass ich anderslautenden Meinungen keinen Platz einräumen würde. Mir wurde gesagt, das alles sei nicht angebracht. Mir wurde gesagt, ich sollte Politik nicht in den Unterrichtsraum einschleppen. Mir wurde gesagt, dass man mir das Lehren verbieten sollte. Mir wurde gesagt, dass ein Fokus auf die weibliche Film- und Fernsehhistorie White Feminism und Transphobie affirmieren würde, trotz meiner eindeutigen Aussage, auch Women of Colour und trans Frauen in meinen Kurs einbeziehen zu wollen. Das scheint mir der Vorteil daran zu sein, männliche Film- und Fernsehgeschichte zu unterrichten – man wird wenigstens nicht beschuldigt, die falsche Art von Feminismus zu unterstützen…

Einige wiesen mich auch darauf hin (und danke dafür, ich wärme dieses Argument immer wieder liebend gerne auf), dass das Werk nicht gleichzusetzen ist mit der Person. Kunst und Künstler seien zu trennen. Ach, kommt schon. Das ist als würde man dafür argumentieren, dass ein Ei eines Huhns aus einer Legebatterie nicht gleichzusetzen ist mit der Misshandlung von Hühnern; dass es nicht gleichzusetzen ist mit einer ausbeuterischen und brutalen Tierhaltungsindustrie; dass es ethisch vertretbar sei, das Ei zu essen, denn es ist nicht gleichzusetzen mit der Person, die mit dem Einsperren der Hühner und dem erzwungenen Eierlegen Geld verdient hat.

James Toback. Marlon Brando. Christian Bale. Kevin Costner.

Wir versehen all unsere Werke mit unseren Namen: Gemälde, Bucheinbände, im Vorspann eines Films. Schreiben in unseren Texten „ich“ und „mein“. Kunst ist nicht losgelöst von den Umständen der Entstehung, nur weil uns die Umstände ein schlechtes Gewissen beim Konsumieren bescheren. Wenn während der Produktion deines Lieblingsfilms Frauen vergewaltigt, angegriffen und missbraucht wurden, schmälert das nicht zwangsläufig das Unterhaltungspotenzial des Films. Nur dann sollten wir verdammt noch mal die ethischen Prinzipien hinterfragen, die unserer Unterhaltung zugrunde liegen.

(Und hier noch eine Klarstellung: Ich esse Eier von Hühnern aus Freilandhaltung, auch wenn ich Vegetarierin und mir bewusst bin, dass die männlichen Küken unnötigerweise getötet werden. Ich habe mir vor kurzem Pulp Fiction im Fernsehen angeschaut. Ich habe vor ein paar Monaten Geld dafür bezahlt, mir Ingmar Bergmans Persona im Kino anzuschauen. Es gab sogar mal eine Zeit, lange ist‘s her, da hielt ich Lars von Trier sogar für einen interessanten Filmemacher. Ich bin komplex und habe meine Fehler. Auch bei mir ist noch Luft nach oben.)

Einige Lehrpersonen und Filmvorführenden beharren darauf, dass Hitchcock, Weinstein, von Trier weiterhin gelehrt, aber eben auch problematisiert werden sollten. Sie fürchten, ein Ausschluss solcher Personen aus dem Kanon bedeutete einen zu großen Verlust unserer Kino- und Fernsehgeschichte. Ich möchte mitnichten dafür plädieren, alle Männer aus allen Kinos, Kursen und Universitätslehrplänen zu verbannen. Himmel nein. Tatsächlich belaufen sich die Beteiligungen an Filmen, als Produzent, Regisseur, Autor und Schauspieler, der in diesem Artikel genannten mutmaßlichen und bewiesenen Missbrauchstäter, Belästiger, Angreifer und Vergewaltiger auf insgesamt mehr als 4000. Das ist eine erstaunliche Anzahl.

Da müsste ganz schön viel problematisiert werden. Das ist ganz schön viel Energie, die dafür draufgehen müsste, den Studierenden oder Zuschauer:innen darzulegen, wie abscheulich dieser Mann ist oder war, wenn man doch eigentlich lieber über die Mise en Scène, das Horrorgenre oder Sound Design reden möchte. Und das alles ist auch eine gewaltige Missachtung der Teile des Publikums, die unmittelbar Missbrauch erlebt haben und möglicherweise nichts von wegen „problematisch, kritisch, Vergewaltigung, Missbrauch, gewalttätig, tätlicher Übergriff, Anschuldigung, Leugnung, nichtsdestotrotz, Genie, Künstler, brillant“ hören möchten, jedes Mal, wenn sie einen Film anschauen.

Sean Connery. Rob Lowe. Jared Leto. Nate Parker.

Auf der einen Seite verurteilen wir die Filmindustrie dafür, dass sie nichts unternimmt; auf der anderen verbreiten und legitimieren wir in der Wissenschaft und bei Vorführungen das Werk von übergriffigen Männern, als ob dies alles nicht miteinander zusammenhängen würde. Wir besprechen weiterhin ihre Werke und überschütten diese mit Lobpreisungen. Wir warten weiter auf das Qualitätssiegel, das uns versichert, dass bei der Herstellung des Films keine Tiere verletzt wurden, während wir uns einen Scheiß dafür interessieren, nicht darüber nachdenken, keinen einzigen verdammten Gedanken an die Menschen (meistens Frauen) verschwenden, die im Rahmen der Filmproduktion verletzt und traumatisiert und für immer gezeichnet wurden.

Als Missbrauchsüberlebende stehen wir noch unter den Tieren. Wir könnten genauso gut Puppen sein, CGI, oder unsichtbar. Schaut uns an. Schaut uns an und lernt, eure Gleichgültigkeit abzulegen.

Wir Lehrenden scheinen uns auch nicht darüber bewusst zu sein, dass die Menschen, die heute in unseren Unterrichtsräumen sitzen und uns zuhören, die Branchenspezialist:innen von morgen sind. Das Modul über Film- und Fernsehgeschichte, das ich in meinem Studium belegt hatte, wurde von mehr als zwanzig weißen Regisseuren dominiert; das Werk von Frauen wurde nur einige wenige Male behandelt, als Beispiel für Kurz- und Experimentalfilme. Ich bin 32. Der Kurs fand 2005 statt. Meine Kolleg:innen leiten nun Filmfestivals, arbeiten im Marketing- und Einkaufsmanagement großer Studios, sind Produzent:innen und Regisseur:innen. Ist es da wirklich verwunderlich, dass sich die Branche in den vergangenen dreizehn Jahren nicht auf magische Weise in eine inklusive und diverse Umgebung verwandelt hat, wenn den kreativen Talenten ein solches Bild der Film- und Fernsehlandschaft vermittelt worden ist? Ich schätze, wir werden schon bald über das Jahr 2005 als düstere post-feministische Zeit reden, in der Männer es eben einfach nicht besser wussten und keiner eine Ahnung hatte, wie Gleichberechtigung auszusehen hat. Ja, sicher doch.

Charlie Sheen. Johnny Depp. Quentin Tarantino. Woody Allen.

Jetzt mal ehrlich… Habt ihr diese ständigen Einschübe nicht auch satt? Ich jedenfalls schon. Die Namen all dieser Männer, dem Beginn dieses Artikels vorausgestellt, eingewoben in meinen Text über Frauen in Film und Fernsehen. Die Namen all dieser Männer, die Platz einnehmen und Aufmerksamkeit für sich beanspruchen. Die Namen all dieser Männer, die uns wieder und wieder und wieder an den Missbrauch von und die Gewalt gegen Frauen – Menschen – in der Filmbranche erinnern. Müssen wir denn noch daran erinnert werden? Wirklich? Ich nicht. Scheiß auf diese Männer und auf ihren Kanon und auf ihre Anspruchsdenke und ihre Privilegien. Es ist an der Zeit für ein neues Narrativ.

Lupita Nyong‘o. Amber Tamblyn. Joan Crawford. Marilyn Monroe.

Stellt euch nur mal all die Frauen vor, die ich in diesem Artikel hätte erwähnen können, all die Namen, die unausgesprochen geblieben sind. All die Frauen, die Filme gemacht haben, Filme machen, keine Chance zum Filmemachen hatten, Männer angeprangert haben, sich dem Schamgefühl widersetzt haben, auf unsere Unterstützung gebaut haben, an einen Wandel durch ihr Handeln geglaubt haben… alles nur, um von uns vergessen zu werden, während wir weiter die übergriffigen Männer auf den Leinwänden zeigen und uns erst wieder der Frauen erinnern, wenn sie aufstehen und sagen: „Harvey Weinstein hat mich vergewaltigt.“

Ava DuVernay. Jane Campion. Beeban Kidron. Mira Nair.

Da wir jetzt ein neues Narrativ einführen, was ist mit all dem Guten, das sich daraus ergibt, wenn man Frauen in den Mittelpunkt rückt? Es stimmt schon, ich bin seit 2011 in der Lehre tätig, und niemals zuvor wurde meine Art zu lehren auf so persönliche und ärgerliche Weise kritisiert. Aber bei meiner Entscheidung, mich auf das Werk von Frauen zu konzentrieren, ging es nie darum, neue Freund:innen zu gewinnen. Es ging darum, diese eine Frau im Raum anzusprechen, die nicht verstehen konnte, warum sie sich weiterhin Filme von Vergewaltigern anschauen musste; es ging um die eine Frau, der das nötige Selbstvertrauen fehlte, um im Unterricht ihre Gedanken auszusprechen; es ging um die Frauen, denen versichert werden musste, dass ihnen ein Platz in der Filmgeschichte zusteht, und dass die Zeit jetzt wirklich gekommen ist und sich die Dinge für sie ändern würden. Es ging darum, alle meine Studierenden darin zu bestärken, die Dinge in Zukunft anders anzugehen. Und wenn ich ehrlich bin, ging es auch um mich selbst. In Zeiten, in denen sich die Lehre auf die Studierenden fokussiert, möchte ich behaupten, dass auch ich, als Lehrperson, im Unterrichtsraum bedeutsam bin. Meine Gefühle und Ideen und moralischen Ansichten sind wertvoll.

Judy Garland. Helen Mirren. Reese Witherspoon. Kristen Stewart.

Und auch wenn mir all diese Negativität entgegenschlug, muss ich sagen, habe ich auch niemals zuvor so viele positive Rückmeldungen bekommen. Sie sind zu persönlich als dass ich hier im Detail darauf eingehen könnte, aber es ging um Sichtbarkeit, Sexualität, Kreativität (eine Studentin wurde dazu motiviert, ihren ersten Film zu drehen!), und auch wenn der Großteil von Frauen kam, meldeten sich auch Männer auf diese Art und Weise. Die Ankündigung, dass sich der Kurs um Regisseurinnen drehen würde, wurde bejubelt. Die meisten Vorlesungen wurden von Studentinnen mit Beifall bedacht, um ihren Support unmittelbar vor ihren Kommiliton:innen sichtbar zu machen. Im Unterricht kamen Frauen unentwegt zu Wort. Die den Diskussionen bis dahin innewohnende Geschlechterpolitik gestaltete sich neu, wurde umgekehrt. Ich möchte, dass alle Studentinnen, alle Kinogängerinnen, alle Frauen auf der ganzen Welt diese Erfahrung machen und erleben können, dass auch ihre Lebensrealität Beachtung finden kann. Ich möchte, dass sie alle ein Kino erleben, in dem sie sich wiederfinden können.

Lois Weber. Julie Dash. Mabel Normand. Dorothy Arzner.

Wir müssen dieses Gespräch weiterhin führen und uns schwierigen und unangenehmen Wahrheiten stellen, denn auch wenn die Zeit in der Filmbranche nun augenscheinlich gekommen ist, wurde vielen Frauen ihr Tag der Abrechnung bisher verwehrt. Wie #TimesUpAcademia gezeigt hat, gibt es immer noch Hunderte von Wissenschaftlern, die weiterhin an unseren Universitäten arbeiten und Vorlesungen in unseren Unterrichtsräumen halten, obwohl sie keine Berechtigung dazu haben sollten. Viele von uns haben ihre ganz eigene Geschichte über übergriffige Wissenschaftler zu erzählen. Wie wollen wir mit deren Werk umgehen? In der Goldsmiths-Bücherei, zum Beispiel, schreiben Frauen in die Ausleihbücher: Dieser Mann hat bekanntermaßen Frauen missbraucht. Zitiert ihn nicht.

Wenn Frauen Fehler unterlaufen, werden sie nicht mehr zitiert. In einer früheren Version dieses Artikels zitierte ich Asia Argento, die von Weinstein vergewaltigt worden war. In der Zwischenzeit hat sie sich wegen eines Falls der sexuellen Belästigung außergerichtlich geeinigt und wurde im Anschluss zu einer problematischen Personalie innerhalb der #MeToo-Bewegung. Aufgrund dessen entschied ich mich, ihre Worte hier nicht wiederzugeben. Die mittlerweile zu Tage getretene Transphobie von Rose McGowan macht aus ihr eine mehr als ungeeignete Sprecherin eines intersektionalen Feminismus, der für alle Frauen, die sexualisierte Gewalt und ihre Folgen erleben, einstehen und für jede von ihnen repräsentativ sein muss. Und dann ist da Judith Butler, eine für ihre feministische Philosophie bekannte Gelehrte, die aufgezeigt hat, dass sie ihre Theorie nicht in die Praxis umsetzt, als sie eine Wissenschaftlerin unterstützte, die einen Studenten sexuell belästigt hatte.

Wir müssen anerkennen, dass auch Frauen falsch liegen können. Aber es ist nun mal auch so, dass die Arbeit von Frauen, auch wenn sie keine Vergewaltigerinnen sind, seltener bevorzugt zitiert wird. Und dabei dürfen wir auch nicht vergessen, dass die meisten Verursacher:innen sexualisierter Gewalt Männer sind und dieses Problem im Patriarchat begründet liegt.

Muriel Box. Carrie Fisher. Lana Wachowski. Sally Potter.

Natürlich wurden bereits von vielen Leuten ganz großartige Aktionen ins Leben gerufen, um den perfiden Auswirkungen der patriarchalen Kultur entgegenzuwirken, entweder mit lauter Stimme oder im Stillen, und um weiblichen, PoC, nicht-binären, queeren und behinderten Filmemacher*innen, Wissenschaftler*innen und Kreativen Raum zu verschaffen. Aber wir müssen mehr tun. Wir dürfen jetzt nicht aufhören. Denn das Problem des systematischen Machtmissbrauchs durch Männer ist allgegenwärtig und wird nicht einfach verschwinden.

Wie also löst man ein Problem wie von Trier?

Meine Antwort darauf ist das Treffen schwieriger Entscheidungen. Keine Entscheidungen, die von jeder Person zu treffen sind – die Filmkritik, die Branche des Filmverkaufs und die Filmwissenschaft, bei alldem handelt es sich um ein abgekartetes Spiel, und meine Anstellung ist weniger prekär als die vieler Kolleginnen – sondern Entscheidungen, die viele von uns treffen können oder schon treffen. Wir können uns für das Nicht-Aufführen, für das Nicht-Zitieren und gegen das endlose „Problematisieren“ entscheiden, wenn es doch noch so viel weibliche Geschichte und Werke von Frauen gibt, die es zu erforschen gilt.

Agnés Varda. Vera Chytilová. Amy Heckerling. Octavia Spencer.

Daher: Fuck the canon, scheiß auf ihren Kanon. Denn die Männer haben niemals gezögert, auf uns zu scheißen, unsere Arbeit kleinzureden und sie zunichte zu machen. Und es ist ja nicht mal so, dass sie jemals um unsere Erlaubnis gebeten hätten. Es ist an der Zeit – sofern die Zeit jetzt wirklich gekommen ist – dass wir ihrem Privileg die Stirn bieten. Es ist an der Zeit, dass wir neue Geschichten kreieren. Und, um es mit den Worten von Lupita Nyong’o auszudrücken: Es ist an der Zeit, dass wir unsere Stimmen erheben, „um klar zu machen, dass ein solches Fehlverhalten keine zweite Chance verdient.“ Warum geben wir stattdessen nicht einer Frau eine Chance? Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, etwas Radikales zu unternehmen: dem me too, diesem „ich auch“-Gedanken einmal keinen Vorrang einzuräumen, sondern darauf zu bestehen, dass wir es sind, wir selbst, die Vorrang haben – dass wir es sind, die an erster Stelle stehen sollten.


Rebecca Harrison

Rebecca Harrison

Über die Gast-Löwin: Rebecca Harrison ist Filmkritikerin und Akademikerin in Großbritannien. Ihre feministische Analyse von Das Imperium schlägt zurück könnt ihr hier vorbestellen. Und ihr könnt ihr bei Twitter folgen: @beccaeharrison.

Autor

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