FilmlöwinKINO: Rape Culture

ACHTUNG: Der folgende Text enthält Trigger zu sexualisierte Gewalt.

 

Es gibt wohl kaum einen stärkeren Trigger als den Begriff “Rape Culture”. Einerseits kann er durch die explizite Einbindung des Wortes “rape”, auf deutsch “Vergewaltigung”, Retraumatisierungserfahrungen bei Betroffenen auslösen. Andererseits triggert er auch die Fraktion #notallmen regelmäßig dazu, Kommentarspaltendiskussionen mit ihren unsensiblen und reflexartigen Beiträgen zu fluten. “Vergewaltigungskultur? Hier in Deutschland doch nicht!” – “Der Feminismus und seine ewige Opfermentalität mal wieder …” – “Ich hab noch nie wen vergewaltigt und kenne auch niemanden!”. Und vielleicht stimmt das auch. Vielleicht haben diese Menschen noch nie jemanden vergewaltigt und kennen auch niemanden, der dieses Verbrechen schon mal begangen hat, doch mit allergrößter Sicherheit kennt jede:r wen, der oder die der Meinung ist, dass Vergewaltigungen “manchmal okay” sind. Klingt übertrieben? Laut einer EU-Studie denkt ein Viertel aller EU-Bürger:innen (und ja auch Deutsche), dass sexuelle Handlungen ohne Zustimmung in manchen Fällen gerechtfertigt seien. Jede vierte Person. Und noch schlimmer: Eine andere Studie hat offenbart, dass mindestens jede zehnte Frau in Europa in ihrem Leben einen sexualisierten Übergriff erlebt hat. Keine Vergewaltigungskultur also, Herr Kommentarspalte? 

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Doch der Begriff umfasst viel mehr als das. Er umfasst mehr als blanke Zahlen und Statistiken und mehr als sexualisierte Übergriffe, Angriffe und Vergewaltigungen an sich. Rape Culture beschreibt das Klima in einer patriarchalen Gesellschaft, die sexualisierte Gewalt verharmlost und duldet, die Opfern nicht glaubt und sie selbst für den Übergriff verantwortlich macht, die die  Länge des Kleides direkt in ein Maß für sexuelle Verfügbarkeit umrechnet und die das juristische Vorgehen gegen Vergewaltigungen abschreckend, retraumatisierend und herbwürdigend gestaltet.

#metoo

Photo by Mihai Surdu on Unsplash

Verankert sind diese Mechanismen in patriarchalen Machtverhältnissen, die  den (meist) weiblichen oder weiblich gelesenen Körper unter der Kontrolle eines chauvinistischen Systems halten. Denn in der Rape Culture geht es nicht um Sex, sondern es geht um Macht. 

Rape Culture im Film und Filmbusiness

Rape Culture ist – wie der Name schon sagt – in der Gesellschaft und in der Kultur inskribiert. Deswegen dürfte es auch niemanden verwundern, dass sie sich auch im Film und im Filmbusiness manifestiert. Spätestens seit den Enthüllungen um Harvey Weinstein und die darin wurzelnde #MeToo-Bewegung ist klar, dass sexualisierte Gewalt und Einschüchterung in Hollywood und anderen Filmproduktionskontexten ein verbreitetes Phänomen darstellen, unter dem vor allem, aber nicht ausschließlich, Schauspielerinnen und Frauen in der Filmwirtschaft zu leiden haben. Die Harvey Weinsteins der Filmwelt haben sich über Jahre ein System geschaffen, in dem sexualisierte Übergriffe nicht nur an der Tagesordnung stehen, sondern das diese auch konsequent totschweigt. Seit 2016 sind viele Details dieses Systems ans Licht gekommen und diskutiert worden, Harvey Weinstein wurde zu 23 Jahren Haft verurteilt und die Aktivist:innen der #MeToo-Bewegungen wurden zur “Person of the year” des Time-Magazin gewählt. Doch von einem Aufbrechen der Rape Culture in der Filmindustrie kann nicht die Rede sein. Sie ist nach wie vor allgegenwärtig und dem System inhärent, das es nicht schafft die Vergewaltiger angemessen zu bestrafen. Und damit ist nicht nur eine juristische Strafe gemein – nein, es muss auch eine kulturelle Strafe damit einhergehen: Streicht die Menschen, die sexualisierte Gewalt ausüb(t)en, aus dem Kanon und schafft Raum für Filmkunst, die ohne dieses Machtgefälle entsteht!

© 20th Century Fox // Red Sparrow

Doch wie kann diese Filmkunst aussehen, bzw. wie sollte sie gerade nicht aussehen? Die Produkte einer Filmwirtschaft, die  sexualisierte Gewalt alltäglich entlang von Hierarchien praktiziert, sind – oh Wunder – auch oft Produkte, die eben diese Gewalt banalisieren, funktionalisieren und ästhetisieren. Vergewaltigung wird im Film oft zu einem Stilmittel für Grausamkeit degradiert. Sie wird dargestellt ohne Kontexte oder die Perspektive der Betroffenen zu berücksichtigen, wie in Clockwork Orange oder Irreversibel. Oder sie wird zu einem billigen Erzählkniff, der Charakterentwicklungen vorantreiben soll, wie in Kill Bill oder Red Sparrow. Im schlimmsten Fall wird sie als Selbstzweck dargestellt, als authentisches, ästhetisches Mittel. Während der Dreharbeiten zu Der letzte Tango in Paris entschlossen sich Regisseur Bernardo Bertolucci und Hauptdarsteller Marlon Brando dazu, eine geplante Vergewaltigungsszene umzukonzeptionalisieren, ohne Hauptdarstellerin Maria Schneider darüber zu informieren. Ihr Ziel war, es Schneider zu überrumpeln, sie zu demütigen, sie die Vergewaltigung ‘wirklich’ fühlen zu lassen. Sie zwangen ihr den Körper von Brando auf eine Weise auf, zu der sie nie zugestimmt hatte, handelten also ohne ihr Einverständnis.  Das Aufzwingen von Körperlichkeit ohne Einverständnis einer der beteiligten Personen – das ist Vergewaltigung. Bertolucci und Brando haben Maria Schneider also vergewaltigt, gefilmt und die Szene in einen Film geschnitten, der später für mehrere Oscars nominiert wurde. Weder in Marlon Brandos, noch in Bertoluccis Wikipedia-Artikel wird diese Tat erwähnt. Stattdessen lesen wir über Brandos “vielseitiges gesellschaftspolitisches Engagement” oder Bertoluccis marxistische Einstellung. 

Der Kampf um das Narrativ

Können wir einer Filmwirtschaft, die so etwas zulässt und auch noch mit Auszeichnungen und guten Kritiken honoriert, wirklich zutrauen aus Harvey Weinstein und #MeToo gelernt zu haben? Oder sollten wir nicht lieber besonders gut und kritisch hinschauen, wenn es um Vergewaltigung und sexualisierte Gewalt im Film geht? Rape Culture zwingt uns, uns mit sexualisierter Gewalt auseinanderzusetzen, auch filmisch. Durch ihre Allgegenwärtigkeit wäre es fatal sie aus der größten audiovisuellen Kunst der Gegenwart auszuschließen und die Augen vor einer Realität zu verschließen, die potentiell alle betrifft. Betroffene müssen ihre Geschichten erzählen, ihre Perspektiven visualisieren und ihre Bewältigungsprozesse offenlegen dürfen, wenn sie das Bedürfnis dazu haben. Doch Täter:innen, Mittäter:innen und Menschen, die von den Machtverhältnissen der Rape Culture profitieren, muss die Kontrolle über das Vergewaltigungsnarrativ entrissen werden, denn ihre Werke tragen direkt dazu bei, das gesellschaftliche Klima der Rape Culture aufrechtzuerhalten.

© NFP

Was wir brauchen sind Filme, die aus der Betroffenenperspektive erzählen. Was wir brauchen sind Filme, die mit den Mythen, um die Vergewaltigung in der dunklen Gasse aufräumen. Was wir brauchen sind Filme, die sensibel und mit Haltung das Thema sexualisierte Gewalt angehen. Und was wir brauchen sind Ausdauer und Kraft, um den Kampf um das Narrativ und die Deutungshoheit auszutragen und zu gewinnen. Mit dem Film Alles ist gut von Eva Trobisch wollen wir euch am 29.10. zum nächsten Termin der Filmreihe FILMLÖWINkino einen Film vorstellen, der sich genau das vornimmt. Im Rahmen der Veranstaltung kommt außerdem Dr. Mithu Sanyal zu Wort, die mit ihrem Buch Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens eine überzeugende Analyse über den Umgang mit Vergewaltigung in unserer Gesellschaft veröffentlicht hat und als Expertin unseren Blick und unsere Waffen im Kampf um das Narrativ schärfen kann.

Autor

  • Sophie Brakemeier hat Medienwissenschaft studiert und sich währenddessen lange im kommunalen Kinobetrieb engagiert. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet sie redaktionell in der Medien- und Kulturbranche, schreibt über Film und an ihrem ersten Buch. Kino liebt sie seitdem sie im Alter von vier vor Aufregung den Saal bei Free Willy 2 leergeschrien hat. Die Emotionalität für Filme blieb ihr, den kritischen Blick hat sie allerdings geschärft.

Sophie Brakemeier
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