Die Blüte des Einklangs

von Sophie Charlotte Rieger

Die Blüte des Einklangs ist einer der sehr wenigen deutschen Verleihtitel, die ich tatsächlich besser finde als das Original. Vision lautet das übrigens. Und auch, wenn dieses hier herrlich zweideutig ist, nämlich einerseits ein mysteriöses Heilkraut bezeichnet und andererseits in der wortwörtlichen Bedeutung eine geisterhafte oder prophetische Erscheinung, transportieren die Worte Die Blüte des Einklangs für mich die Stimmung des Films von Naomi Kawase doch treffender.

© Neue Visionen

Zum Einen ist mit der Blüte gleich ein Symbol der Natur erwähnt, die eine wichtige Rolle, wenn nicht gar die Hauptrolle spielt. Die japanischen Yoshino-Berge sind nämlich nicht nur der Schauplatz der Handlung, sondern selbst Akteure in der Geschichte um das geheimnisvolle Kraut „Vision“, dem die französische Reisejournalistin Jeanne (Juliette Binoche) nachjagt. Es soll ihren inneren Schmerz stillen, dessen Ursprung uns Kawase zwar immer wieder andeutet, doch erst im Finale gänzlich offenbart. In den Bergen begegnet Jeanne dem Eremiten Tomo (Masatoshi Nagase), der sich auf Grund einer depressiven Erschöpfung vor zwanzig Jahren in die Natur abgesetzt hat. Seitdem lebt er weitgehend alleine. Nur gelegentliche Besuch bei der blinden Kräuterfrau* Aki (Mari Natsuki) durchbrechen seine selbstgewählte Einsamkeit.

Aber was genau ist nun dieses „Vision“? Es ist die titelgebende Blüte des Einklangs, die den Menschen mit sich und seinem inneren Schmerz aussöhnt, die ihm ermöglicht, Vergangenheit und Zukunft loszulassen und in der Gegenwart Frieden zu finden. Aber ob es eine Blume ist, ein Pilz, eine Person oder etwas ganz anderes – das bleibt ein Geheimnis.

Wie überhaupt Vieles in Naomi Kawases Inszenierung überaus mysteriös und geheimnisvoll wirkt und das leider auf sehr kalkulierte Art und Weise. Kryptische Dialoge, ekstatische Tänze, Geister von Verstorbenen und auf visueller Ebene das ausgiebige Spiel mit Gegenlicht pfropfen der Erzählung um Schmerz und Verlust ein prätentiöses Kleid tiefer Bedeutung auf. Dabei will ich dem Film seine tiefere Bedeutung keinesfalls absprechen, doch ist sie zumindest für mich unter der dicken Schicht fantastischen Kitsches kaum mehr zu erschließen.

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Schade, denn eigentlich braucht es diese Überdosis gar nicht. Die Blüte des Einklangs beginnt mit atemberaubenden Naturaufnahmen der Yoshino-Berge, die allein so viel magische Sogwirkung entfalten, dass wir die Faszination der französischen Hauptfigur für diese Umgebung ohne Einschränkung nachvollziehen können. Überhaupt ist Naomi Kawases Inszenierung dann am stärksten, wenn die Kamera von Arata Dodo durch die Natur schweift, ihr allein durch extreme Nahaufnahmen eine mystische Aura verleiht, und wenn das Sound Design von Boris Chapelle und Roman Dymny diese visuellen Eindrücke auf der akustischen Ebene mit verstärkten Umweltgeräuschen zu einem erlebbaren Eindruck des Waldes komplettiert. Auf eben diese Weise sind übrigens auch jene Dialoge am stärksten, die ohne Worte auskommen, die sich ausschließlich auf den in Close-Ups beobachteten Gesichtern und ihren Emotionen abspielen. Dieses Erspüren von Orten, Menschen und Geschichten spiegelt sich auch in der Aussage der blinden Aki wider, ihre Umwelt mit dem Herzen zu sehen.

Doch leider gibt es eben auch die anderen Momente, die aufdringlichen und überfrachteten, in denen selbst Texte von Juliette Binoche wie aufgesagt klingen, Szenen, die mit ihrer Künstlichkeit in die maximale Distanz zum Spielort der Natur treten. Es ist, als würde Die Blüte des Einklangs auf den Ebenen von Form und Inhalt den Gegensatz von Kultur und Natur nachempfinden wollen: Das von den Figuren angestrebte Verschmelzen mit der Natur steht in einem äußerst harten Kontrast zur artifiziellen Inszenierung. Nur wozu? Wo sich auf der narrativen Ebene am Ende ein Kreis schließt, Vergangenheit und Gegenwart heilsam ineinander fließen und einen Weg in die Zukunft ebnen, da bleiben Form und Inhalt des Films seltsam voneinander geschiedene Elemente. Prätentiös wirkt die dramatische Inszenierung, in der die Spezialeffekte stets als solche sichtbar bleiben, immer eine künstliche zweite Ebene darstellen, wie eine verfremdende Folie über dem eigentlichen Bild.

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Rein filmästhetisch betrachtet, sind diese Brechungen und Widersprüche durchaus interessant, doch zu der „Blüte des Einklangs“, die ja für die Einheit gegenüber der Spaltung steht, mag das nicht so recht passen. Vielleicht liegt hier die Ursache dafür, dass mich Naomi Kawase mit ihrem Film vollkommen kalt gelassen hat, dass schließlich kein Funken Magie, kein Funken Emotion bei mir ankommen wollte, dass ich nicht in der Lage war, Die Blüte des Einklangs mit dem Herzen zu sehen.

Kinostart: 14. Februar 2019