Crossing Europe 2021: Mare + Hayaletler

Mare, Andrea Štaka (Schweiz / Kroatien 2020)

Mare – das Meer: In Andrea Štakas Film trägt die Protagonistin (Mirjana Karanovic) einen Namen, der für viele einen Ort der Sehnsucht symbolisiert. Analoge Aufnahmen mit geringer Sättigung, blendend einfallendem Sonnenlicht und dem Charme körniger Super 16-Bilder verbinden Gefühle der Sehnsucht mit Nostalgie. Situiert an der Küste von Dubrovnik ist Mare aber kein Reise-Sommermärchen, sondern dreht sich um den Alltag der gleichnamigen dreifachen Mutter und Hausfrau, die auf der Suche nach Mehr ist.

© Crossing Europe

Während ihr Mann Đuro (Goran Navojec) am Flughafen arbeitet, verkauft Mare zwischen den Haushaltstätigkeiten von Zeit zu Zeit Kräuter am Hafen und versorgt die Kinder mit Jausenbroten. Gewohnte Abläufe bestimmen die Interaktion zwischen ihr und ihrem Mann, der ihre Idee auch arbeiten zu gehen, nicht mit Begeisterung aufnimmt. Das Leben plätschert so dahin und Mare spürt, dass die nächsten Strömung Veränderung mit sich bringt. Als sie den Polen Piotr (Mateusz Kościukiewicz) kennenlernt, steht der Beginn einer neuen Episode an.  ___STEADY_PAYWALL___

Štaka gestaltet unaufgeregte Szenen, weder romantisch verblendend, noch allzu tragisch und schafft es trotzdem, genügend Spannung zu kreieren. Mit seinen Bildern vertrockneter, leerer Straßen untermalt mit einschlägiger Gitarrenmusik erinnert die Stimmung in Mare manchmal an einen Western, bis wieder an Autor:innenfilmdramen erinnernde Elemente einsetzen, z.B.  zahlreiche Close-Ups in stoischen Momenten. Die Kamera fängt die Gefühle und Bewegungen seiner Titelheldin nahe ein und weicht ihr selten von der Seite. Intime Szenen zwischen Mare und Piotr kreieren ein starke Körperlichkeit und einsame Momente der Ruhe lassen die Leere im Leben der Hauptfigur spüren. Das Familienhaus, in dem Mare zurückbleibt während Piotr zur Arbeit fährt, die Natur, in der sie mit den Kindern oder ihrem Liebhaber umher schreitet und der Flughafen, der wirtschaftliche Absicherung bringt, markieren Heimat, Freiheit und das Überwinden von Grenzen. Die während des gemeinsamen Familienessens hereinbrechenden Flugzeuggeräusche und Mares Sehnsucht nach einem gemeinsamen Kinoabend ohne Geldsorgen machen aber deutlich, dass das wortwörtliche Überschreiten von Grenzen auch eine finanzielle Frage ist. Mares Geschichte zeigt, dass die Möglichkeiten von Vergnügen, von Reisen und Lebensveränderungen unweigerlich mit den eigenen monetären Ressourcen verknüpft sind.

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In Mares Charakter spiegelt sich so die Identitätssuche einer Mutter wider, die sich einerseits nach Mehr im Leben sehnt als nur den Haushalt zu führen und andererseits wünscht, durch finanzielle Einnahmen der Familie ein lebenswerteren Alltag ermöglichen zu können. Piotr ist kein explizit herrischer Patriarch, doch zeigt er sich deutlich geprägt von konservativen Rollenvorstellungen. Er nimmt in Mare die Position eines unaufgeregten Beobachters an der Seite seiner Jugendliebe Mare an. Andrea Štakas Mare feierte bereits auf der Berlinale 2020 seine Weltpremiere, wo er wie am Crossing Europe 2021 in der Panorama Sektion lief. 

Hayaletler (Ghosts), Azra Deniz Okyay (Türkei / Frankreich / Katar 2020)

Grenzen und finanzielle Ressourcen treiben auch in Hayaletler (Ghosts) drei Frauen im Laufe eines Tages zwischen verschiedenen Mikrokosmen in Istanbul hin und her. Regisseurin und Autorin Azra Deniz Okyay kreiert in ihrem episodisch angelegten Debütfilm eine strukturell kunstvoll angelegte Erzählung. Die Wege von vier Personen in unterschiedlichen Lebenslagen und -altern kreuzen sich während eines Tages, an dem die Millionenstadt von einem offiziell unerklärlichen Stromausfall heimgesucht wird. Keine Figur, auch die in kurzen Sequenzen auftretenden Syrer, die in der Türkei einen vermeintlich temporären Zufluchtsort finden, kommt dabei je zur Ruhe. Die Suche nach Arbeit bzw. Geld, einem Schlafplatz oder der Erfüllung eines Traumes treiben sie von einem Platz zum nächsten, die Handkamera begleitet dabei stets lebhaft. Die Menschen in dieser belebten Stadt sind einander nah, doch auf sich allein gestellt, jede:r ist sich selbst am Nächsten, erzählt uns Hayaletler. Okyay schafft so ein pessimistisches Bild einer Gegenwart geprägt von Verfall und Intoleranz, in der die Geister vergangener Zeiten mit konservativen Haltungen ebenso präsent sind wie die Forderungen einer jungen Generation, die für Frauenrechte und Liberalität kämpft. Damit einher geht die zunehmende Gentrifizierung und Teilung der Gesellschaft.

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So übt die junge Didem (Dilayda Günes) keine zehn Minuten mit ihren Freundinnen in der Mitte eines Wohnblocks Choreographien für einen Tanzwettbewerb, als sich eine Anwohnerin bereits über das unsittliche Verhalten der Jugendlichen beschwert und die Polizei hinterher schickt. Um zum Protest feministischer Künstlerinnen zu gelangen, gibt sich die junge Frau wiederum vor einer weiteren Straßenkontrolle erfolgreich als Touristin aus. Zahlreiche weitere Punkte der Stadt erschweren ein problemloses Passieren und somit das Leben der Bewohner:innen, von denen viele ein Schattendasein am Rande der Mehrheitsgesellschaft führen. Auch die in Geldnot gelangte Iffet (Nalan Kuruçim) täuscht falsche Gründe vor, um einen Stadtteil betreten zu können, in dem sie ihren Auftrag erfüllt, junge, wohlhabendere Leute mit Partydrogen zu beliefern. Hier treffen sich überraschend die Figuren des Films wieder und der konfuse Anfang von Hayaletler findet hier seinen finalen  Aha-Moment. 

Mare und Hayaletler sind von 6. Juni bis 6. Juli, gemeinsam mit acht anderen Crossing Europe Filmen, als VOD in Österreich verfügbar.

 

 

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch
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