Crossing Europe 2021: The Wire

Malerisch schlängelt sich der Fluss namens Kupa durch ein grünes Tal zwischen Slowenien und Kroatien. Täglich passieren viele Bewohner:innen über Brücken zwischen den Grenzen oder baden im Naturschutzgebiet  zusammen mit erholungslustigen Tourist:innen, während nachts Wildtiere durch das Nahrungsgebiet streifen. Als die Balkanroute im Jahr 2015 ins Interesse der Öffentlichkeit gelangte, als die sogenannte „Flüchtlingskrise“ begann Schlagzeilen zu machen, errichteten slowenische Autoritäten entlang der Kupa von einem Tag auf den anderen einen Stacheldrahtzaun, um Flüchtenden die Überquerung Kroatiens in das Schengen-Land Slowenien zu erschweren. The Wire war nach seiner Weltpremiere auf dem DOK.fest München nun auf dem Crossing Europe 2021 erstmals vor Publikum auf der Leinwand zu sehen.

© Crossing Europe  ___STEADY_PAYWALL___

In The Wire erzählt die kroatische Regisseurin Tiha K. Gudac vor allem die Geschichte der Bewohner:innen des plötzlich umzäunten Grenzgebietes, von ihrem  Kampf gegen diese Einschränkung, ihrer Solidarität oder Feindseligkeit gegenüber den Migrant:innen und den damit verbundenen ausbleibenden Lösungsansätzen der Europäischen Union. Ein Draht gegen Menschen und für mehr Konflikte. Wenn ich aus meiner fernen Heimat einen so langen Weg hinter mich gelegt habe, werden mich ein paar Meter Stacheldrahtzaun auch nicht mehr aufhalten, sagt ein Bewohner im Treffen mit der örtlichen Polizei, die sich eher widerwillig dem Meinungspool der Anrainer:innen aussetzt. Deren Einwände gegen die Errichtung des Drahtes hören die Polizist:innen zwar an, lassen sie aber eher unbeeindruckt abprallen als sich wirklich auf Diskussionen einzulassen. Wie über eine unsichtbare, unheimliche Bedrohung sprechen die Polizisten während dieser Versammlung über die jungen Männer aus Pakistan, Afghanistan, Syrien und anderen Ländern, die örtliche Autoritäten gleich einer verfeindeten Kriegspartei einstufen. The Wire zeigt die tragische Absurdität von politischen Maßnahmen anhand eines mikrokosmischen Exempels.

© Crossing Europe

Regisseurin Gudac lässt im Verlauf des Films viele verschiedene Personen zu Wort kommen. In Unkenntnis der Sprachen und beim fleißigen Lesen der Untertitel, erschließt sich nicht immer ganz, wo nun Kroatien, wo Slowenien ist und welche der gefilmten Personen während der täglichen Arbeitsgänge, Schulwege oder Besorgungen über die Kupa wohin muss. In Landschaftsaufnahmen des Grenzgebiets setzt The Wire oft direkt Beschriftungen über die Bilder, die diese Wirrungen etwas klären sollen: „Croatia“,  „Slovenia“ stehen dann einander in weißen Schriftzügen gegenüber. Diese Teilung, die auf der zweidimensionalen Fläche absurd wirkt, ist in Realität ein wahres Desaster, zumal die Region in der Vergangenheit von Kriegen gebeutelt wurde während eine freundschaftliche Nachbar:innenschaft immer das eigentliche Anliegen der meisten Leute gewesen ist. Kriegsparteien und politische Entscheidungsträger:innen setzten die Menschen ungefragt vor vollendete Tatsachen, errichteten Zäune auf deren Grundstücken, finanziellen Ausgleich gab es kaum. Bloß für die Aufrechterhaltung des Tourismus gewährt die Regierung eine kleine drahtfreie Zone – die Urlauber:innen sollen schließlich nicht von dieser Realität verschreckt werden, sind sie doch eine wichtige Einnahmequelle und sichern Arbeitsplätze.

Während Gudac die Bewohner:innen meist in Außenaufnahmen begleitet, treten Migrant:innen erst viel später vor die Linse. Im ersten Teil des Films sind jene für das Publikum wie für die meisten Bewohner:innen unsichtbar, aber stets präsent. Aus dem Off hören wir so immer wieder Erfahrungsberichte über die Flucht und über die Gewaltsamkeit der Polizei, während die Kamera durch verlassene Wälder streift. Im letzten Drittel folgt The Wire schließlich den Spuren einiger Geflüchteter an die bosnische Grenze, wohin die Überlebenden, die an der Grenze zu Slowenien von der Polizei aufgegriffen werden, zurück transportiert werden. Dort in verfallenen Häusern wohnend, sind sie auf freiwillige Hilfen in Form von Kleidung und Essen angewiesen. Mit Traumata und klaffenden Wunden bereiten sich viele auf den nächsten Fluchtversuch vor. Es ist ein gewaltsamer Teufelskreis, dessen Ausmaße von den Medien gern ausgeblendet werden, genauso wie die damit einhergehende Polizeigewalt (von den Verhältnissen an der bosnisch-kroatischen Grenze erzählt eindrücklich Katharina Simunics Dokumentation Europa, Kannst Du Mich Sehen?, AT 2020).

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The Wire präsentiert verschiedene Positionen, indem er sowohl politisch links als auch rechts situierte Personen zu Wort kommen lässt. Während einige Bewohner:innen eigenhändig mit Messern bewaffnet nach den „Illegalen“ suchen, bemühen sich andere um Zusammenhalt und versuchen nachzuempfinden, in welcher prekären Lage sich die Geflüchteten befinden müssen. Die Dokumentation entlässt ihr Publikum mit einem beklemmenden Gefühl der Ausweglosigkeit. Wiederholte Aufnahmen des Zaunes mit dramatischer Musik verstärken diese Emotion, genauso wie der Einsatz der „Mama“, die Geflüchtete in Bosnien mit Nahrung und Kleidung beliefert.

Einmal mehr kann eins den Kopf schütteln und fragt sich zugleich: Werden uns in Zukunft immer mehr Zäune und Grenzen trennen? EU-Außengrenzen, der Eiserne Vorhang mit der Berliner Mauer, die Grenze zwischen Mexiko und den USA diese Grenzen scheinen leider keine Einzelfälle, denn vielerorts wird zunehmend abgeriegelt. Widerstand, Informationen und Filme wie The Wire tragen einen wichtigen Teil dazu bei, Diskussionen anzuregen und die Schattenseiten innerhalb der Europäischen Union selbst ins Licht zu rücken.

 

 

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch
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