Berlinale 2022: Klondike

“Dedicated to women.” Ebenso unpräzise wie signifikant schließt Maryna Er Gorbach mit dieser Widmung ihre emotionale und visuelle Tour de Force namens Klondike, mit dem sie bereits in Sundance den internationalen Spielfilmwettbewerb gewonnen hat und der nun im Panorama-Programm der Berlinale zu finden ist. Alles andere als unpräzise, aber ebenso signifikant verwebt die ukrainische Regisseurin hier das Schicksal zweier Menschen, einer werdenden Kleinfamilie, mit dem einer ganzen Region im Kriegszustand. 

Irka (Oxana Cherkashyna) und Tolik (Sergiy Shadrin) leben in einem kleinen Dorf, einer kleinen Ansammlung von Häusern und Ställen, an der ukrainisch-russischen Grenze. Sie   erwarten ihr erstes Kind und müssen sich die üblichen Gedanken werdender Eltern machen. Gleichzeitig sehen sich jedoch auch mit den immer intensiver werdenden kriegerischen Handlungen zwischen separatistischen Milizgruppen und der ukrainischen Armee konfrontiert. Während eines Angriffs verlieren sie die Wohnzimmerwand ihres beschaulichen Hauses und leben fortan ohne. Allen Widrigkeiten zum Trotz weigert sich Irka jedoch ihr Zuhause zu verlassen, obwohl Tolik sie drängt, in der Stadt Sicherheit zu suchen. Die Schwangere ist stolz und stur und durchsetzungsfähig und denkt nicht daran, die Geburt ihres Kindes und das Leben danach, woanders zu verbringen als in ihrem Haus.

© Kedr Films

Als in unmittelbarer Nähe ihres Hauses die Passagiermaschine MH-17 abgeschossen wird, spitzt sich die Lage sowohl für die Kriegsfraktionen, als auch für Irka und Tolik zu. Separatisten setzen Tolik unter Druck, sich ihrer Seite anzuschließen, während Irkas Bruder ihn des Landesverrats bezichtigt. Wo vorher der Konflikt außerhalb ihrer Hausmauern stattgefunden hat, kann er fortan – fast schon, als wäre ein großes Loch in der Wand – in die Privatsphäre des Paares, in ihr Zusammenleben und ihre Zukunftspläne eindringen – und hinterlässt auch hier Zerstörung und Wut. 

Dass Krieg eine zutiefst frauenfeindliche Realität ist, wissen wir nicht erst seit dem Ukraine-Konflikt. Sexualisierte Gewalt als Kriegsmittel, Zwangsarbeit, Todesgefahr – in politischen Extremkonflikten setzen sich oft die widerwärtigsten Ausformungen misogyner Ideologie durch. Maryna Er Gorbachs filmische Widmung – “Dedicated to women.” – nimmt einen Aspekt hiervon in den Fokus, von dem vermutlich weniger in Geschichtsbüchern zu lesen sein wird; die Doppelbelastung aus Mutterschaft und Krieg. 

Klondike ist ein Film des gekonnten Spagats. In den Schnittstellen zwischen einfühlsamen Familiendrama und schonungslosen Anti-Kriegsfilm siedelt Maryna Er Gorbach die empfindsame Darlegung des Psychogramms einer Frau an, deren Schicksal nicht nur exemplarisch von der Unmöglichkeit erzählt, sich im Kriegsgebiet auf die Mutterschaft vorzubereiten, sondern das auch Entscheidungen und Wegen geprägt ist, die so fremd und gleichzeitig so nachvollziehbar sind aus der Perspektive werdender Mütter. Der englische Begriff “gut-wrenching”, für den es unglücklicherweise keine passende, deutsche Übersetzung gibt, beschreibt den narrativen Modus und die visuelle Richtung dabei besonders gut. Zerstörung bestimmt das Gros der Bildgestaltung und die Schutzlosigkeit, der Irka und Tolik ob ihres kaputten Hauses ausgeliefert sind, schlägt sich sowohl ästhetisch als auch in der Erzählung nieder. Unruhe und Bedrohung bestimmen das filmische Klima und erdrücken die Zuschauer:innen quasi in ihrer Intensität. 

© Kedr Films

Klondike versammelt das kriegerische Geschehen, Irkas unbeirrte Care-Arbeit und Toliks Ärger mit den Separatisten nicht nur gekonnt im gleichen Ton, sondern inszeniert sie oft sogar im gleichen Bild. Lange, langsame Kamerafahrten und – einstellungen modellieren die Allgegenwärtigkeit einer Situation im immerwährenden Zustand von Vereinbarkeitsbemühungen. Wenn im Hintergrund das große Kriegsgerät durch die Gegend fährt, während Irka und Tolik versuchen im Vordergrund ihren Alltag beieinander zu halten, wirkt es stellenweise grotesk. Aber es sind Lacher mit dem Potential im Halse stecken zu bleiben, denn nur allzu schnell wird deutlich, dass hier keine überspitzte Gegenüberstellungen dargeboten wird, sondern das realistische Bild eines Lebens, das gar nicht mal so weit weg von uns stattfinden würde – und außerhalb von Klondikes Diegese auch stattfindet. 

Denn – “Dedicated to women.” – es ist alles so wahr, so berührend und so erschreckend nüchtern seziert. Maryna Er Gorbach kennt ihr Heimatland und dessen Frauen und natürlich das Patriarchat, das sich im Krieg erfolgreich durchsetzen kann. Klondike erzählt davon in einer Wucht, wie sie selten zu finden und schwer zu ertragen ist.

Hier läuft der Film während der Berlinale.

 

Autor

  • Sophie Brakemeier hat Medienwissenschaft studiert und sich währenddessen lange im kommunalen Kinobetrieb engagiert. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet sie redaktionell in der Medien- und Kulturbranche, schreibt über Film und an ihrem ersten Buch. Kino liebt sie seitdem sie im Alter von vier vor Aufregung den Saal bei Free Willy 2 leergeschrien hat. Die Emotionalität für Filme blieb ihr, den kritischen Blick hat sie allerdings geschärft.

Sophie Brakemeier