Berlinale 2020: Ein Fisch, der auf dem Rücken schwimmt

Als wäre sie nicht von dieser Welt schwebt Andrea (Nina Schwabe) durch das surreal sterile Eigenheim ihres neuen Lebensgefährten. Ist das noch IKEA Katalog oder schon luxuriöser Minimalismus? Geld, so lernen wir, gibt es in diesem Hause zu Genüge, denn Philipp (Henning Kober) macht irgendwas mit Zahlen, das ihn auf viele Geschäftsreisen schickt. Währenddessen ist Andrea zuhause mit dem fast erwachsenen Stiefsohn Martin (Theo Trebs), dessen Leben sich auf die eigenen vier Wände, Joggen in Wald und Wiese sowie den Pool im Vorgarten beschränkt. So richtig lebendig scheint hier niemand und selbst wenn Sonderpädagogin Andrea auch im Privatleben ihr kindlich-verspieltes Naturell an den Tag legt, wirkt sie doch niemals tatsächlich fröhlich.

Andrea im Badeanzug treibt auf dem Rücken im Swimming Pool - wie ein Fisch, der auf dem Rücken schwimmt

© Constanze Schmitt/dffb

Alles ist Schein in Ein Fisch, der auf dem Rücken schwimmt von Regisseurin Eliza Petkova. Insbesondere das Set Design des Einfamilienhauses, indem sich die Handlung fast vollständig abspielt, sorgt für ein diffuses Gänsehautgefühl. Die in kühlen Farben gehaltene Inneneinrichtung bietet im Grunde nichts Ungewöhnliches und doch haftet ihr in der Sterilität etwas Unheimliches an. Irgendetwas stimmt hier nicht. Mit nichts und niemandem. Auch die Figuren bewegen sich einen Tick zu langsam durch die einen Tick zu aufgeräumten Räumlichkeiten. Die Ruhe ist ganz offenbar eine Scheinbare: Hinter der Fassade der Ordnung lauert das Chaos. Stille Wasser sind tief und dreckig.

___STEADY_PAYWALL___

Philipp hat vor einigen Jahren seine Ehefrau, Martins Mutter, verloren. Sie verstarb im Schlaf, ohne dass es ihr Gatte bemerkte. Nun trainiert der Witwer meditativ mit seinem Samurai-Schwert und lässt sich durch nichts und niemanden, nicht einmal den spätpubertierenden Sohnemann, aus der Ruhe bringen. Der wiederum ist für seine Altersgruppe unverhältnismäßig häuslich. Selbst den besten Kumpel trifft er nur am eigenen Pool. Die jugendliche Rebellion fokussiert sich auf Andrea, welche diese wiederum mit Engelsgeduld erträgt.

Bis dann irgendwas – und was eigentlich? – passiert und Andrea und Martin miteinander Sex haben. Und aus der Vater-Mutter-Kind-Aufstellung plötzlich eine ziemlich verquere Dreiecksgeschichte wird, die gerade deshalb so verstört, weil Ein Fisch, der auf dem Rücken schwimmt – wie seine Figuren – einfach niemals aus der Ruhe zu bringen ist. Die Irritation hat System. Eliza Petkova enthält dem Publikum auf fast schmerzhafte Weise jenes Drama vor, dass diese Geschichte doch eigentlich produzieren müsste. Auch die Kamera verharrt immer wieder penetrant auf Ausschnitten, die dem Voyeurismus der Zuschauer:innen entgegenlaufen.

Handwerklich hat all das Kontinuität. Die Handschrift der Regisseurin ist in der Gestaltung von Kulisse und Kostüm sowie in der Führung der Schauspieler:innen deutlich spürbar. Dass die Funktion der einzelnen Stilelemente dabei nicht immer auf der Hand liegt, macht den Film eher stärker als schwächer: Ein Fisch, der auf dem Rücken schwimmt profitiert von seiner Rätselhaftigkeit, den Ambivalenzen und Zwischentönen.

Doch wo Petkova handwerklich überzeugt, drängen sich moralische Zweifel auf. So verlockend sich die Ambivalenz für den intellektuellen Zuschauergeist gestaltet – hach, wie ist das nur zu lesen? – so gefährlich droht sich in Ein Fisch, der auf dem Rücken schwimmt Sex und sexualisierte Gewalt zu vermischen. Martins Alter bleibt bis zum Ende unklar. Doch selbst wenn es sich um einen volljährigen Mann handelte, so sähen wir hier dennoch keinen Erwachsenen. Schlüsselbegriffe wie „Kinderzimmer“ und alberne Tobespiele verweisen immer wieder darauf, dass zwischen ihm und Andrea eigentlich ein Machtgefälle besteht – ein Machtgefälle, dass die Erwachsene zu ihren Gunsten ausnutzt.

Andrea und Martin sitzen gemeinsam in der Badewanne

© Constanze Schmitt/dffb

Nun macht Ein Fisch, der auf dem Rücken schwimmt keinen Hehl aus seiner Antipathie gegenüber der weiblichen Hauptfigur, der ja nicht einmal eine Persönlichkeit vergönnt ist. Sie ist durch und durch die böse Stiefmutter, ihr Weg, die neue Familie zu zersetzen, gar nicht mal so weit weg vom klassischen Märchennarrativ. Ein Motiv benötigt sie dabei ebenso wenig wie eine Hintergrundgeschichte. „Ich habe keine Vergangenheit“, sagt sie schließlich selbst, als Martin um eine Anekdote aus ihrer Kindheit bittet. Das moralische Urteil über dieses Wesen, das nur schwerlich Person zu nennen ist, fällt Eliza Petkova also eindeutig. Doch wo jegliche Emotion, übrigens auch jede Form des Begehrens, unsichtbar und unspürbar bleibt, kann auch die Tragweite des Missbrauchs für das Kinopublikum nicht erfahrbar werden.

Der Vergleich mit May El-Toukhys Königin drängt sich hier zu sehr auf, als dass dieser Film unerwähnt bleiben könnte. Wo in der schwedischen Version Menschen aus Fleisch und Blut echte Emotionen verhandeln, zeigt Petkova Figuren in einem Gedankenexperiment und bietet in der kalkulierten Ambivalenz von Ein Fisch, der auf dem Rücken schwimmt Raum für eine große Bandbreite an Fragen und Antworten, ohne sich selbst klar zu verorten. Damit bleibt die Regisseurin dem Thema sexuellen Kindesmissbrauchs gegenüber letztlich ähnlich unbeteiligt wie ihre „blassen“ Figuren.

Vielleicht aber gibt es Themen, die nicht in der Ambivalenz bleiben dürfen, sondern als Dramen erzählt werden müssen. Vielleicht ist es genau das, was Ein Fisch, der auf dem Rücken schwimmt so verstörend macht, dass wir wissen, dass diese Geschichte nicht auf diese Weise erzählt werden sollte. Und vielleicht, nein hoffentlich, will uns Eliza Petkova genau das vor Augen führen.

Autor

Sophie Charlotte Rieger
Letzte Artikel von Sophie Charlotte Rieger (Alle anzeigen)