Beans, La Mif (The Fam), Fighter

Die Generation Wettbewerbe Kplus und 14plus der Berlinale 2021 präsentierten eine Auswahl von fünfzehn Filmen verschiedener Formate. Der Frauenanteil unter den Regisseur:innen in dieser Sektion lag in diesem Jahr erfreulicherweise bei 60 Prozent. Für diesen Text haben wir drei Spielfilme aus unterschiedlichen Ländern gewählt: aus Kanada, der Schweiz und Korea. Die Protagonist:innen aller drei Filme sind auf der Suche nach ihrer Identität und entdecken sich innerhalb einer Gemeinschaft selbst. Auch im Berlinale Generation-Film Stop-Zemlia steht die Erfahrung, auf der Schwelle zwischen Jugend und Erwachsenenalter zu sein, im Zentrum, wie Filmlöwin-Autorin Sophie Brakemeier beschreibt. 

© Sébastien Raymond ___STEADY_PAYWALL___

Beans (Tracey Deer, Kanada 2020)

In Tracey Deers Debütfilm macht das Mohawk Mädchen Tekehentahkhwa inmitten der Oka-Krise im Québec von 1990 Erfahrungen, die typisch für das Eintreten in die Adoleszenz sind. Gleichzeitig entspinnt sich ein starker Konflikt in ihrer Gemeinde. „Fight for our rights“ rufen Tekehentahkhwa und ihre viel jüngere Schwester auf dem Weg zur friedlichen Besetzung eines Mohawk-Landstreifens, der von der Gemeinde in eine Golfanlage umfunktioniert werden soll. Was danach passiert, ist zwar ohne Hintergrundwissen für das Publikum nicht immer verständlich, dennoch – oder erst recht durch die Herangehensweise des Films – voller Spannung. Der Coming-of-Age Sommer der Titelheldin erfährt eine gesellschaftspolitische Einbettung, die für ihre Identitätssuche essentiell wird.

Beans folgt der Perspektive seiner Protagonistin, für die sich die – auf realen Begebenheiten basierenden – Ereignisse der Oka-Krise genauso überschlagen wie für die Zuseher:innen: Nach dem Tod eines Polizisten beginnt eine 78-tägige bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Mohawk-Protestierenden und der regionalen Polizei von Québec, der schließlich die kanadische Armee und Polizei beikommen. Zwei Fronten verhärten sich. Struktureller Rassismus und einseitige Berichterstattung zeigen die Gräben zwischen Mohawk Community und Regierung auf. Ein Ausnahmezustand entflammt. Deer setzt zusätzlich einprägsame Archivaufnahmen von 1990 ein.

© Sébastien Raymond

Was Identität für sie bedeutet, erkundet die 12-Jährige Beans nicht nur beim aufgeregten ersten Kuss und in der niederschmetternden Erfahrung sexueller Belästigung. Die politischen Turbulenzen zwischen weißen Kanadier:innen und der marginalisierten Indigenen Community reißen die Protagonistin zwischen der Gegenwart ihrer Mohawk Freund:innen und ihrer möglichen Zukunft in einer weißen elitären Schule hin und her. Dort stellt Tekehentahkhwa sich beim Bewerbungsgespräch als Beans vor – denn die weiße Direktorin versagt wiederholt bei der Aussprache ihres Namens. In solchen Situationen erfährt die junge Mohawk wiederholt ein Othering von Außen, das ihre Identität als anders markiert. Das wird ihr im Verlaufe der Oka-Krise bewusst. Mit dieser Geschichte knüpfte die Regisseurin eng an ihre eigene Erfahrung an. Beans erzählt die Reise der anpassungswilligen, kindlich-gehorsamen Beans zur selbstbestimmten Tekehentahkhwa, die für ihre Rechte einsteht und sich ihrer Identität bewusst ist. Kiawentiios Performance als Beans ist mitreißend und berührend, ebenso die von Violah Beauvais als kleinere Schwester. Mit Beans ist Deer eine eindrucksvolle Filmmischung aus Spannung, Emotion und gesellschaftspolitischer Kritik gelungen.

La Mif (Fred Baillif, Schweiz 2021)

La Mif The Fam – die Familie – so nennen sich sieben Mädchen, die gemeinsam in einer französischen sozialen Einrichtung leben. Auch hier treffen sich, wie in Beans, Spiele wie Flaschendrehen mit Erfahrungen, die die Jugendlichen mit einer harten Lebensrealität konfrontieren. In La Mif  bestehen diese v.a. in problematischen Eltern-Kind Konstellationen bzw. in der Schwierigkeit staatliche Gesetze mit den realen Gegebenheiten eines Gemeinschaftslebens von jungen Menschen unterschiedlichen Temperaments und emotionalen Ballasts zu vereinen. Regisseur Fred Baillif teilt den fortlaufenden Erzählstrang in viele einzelne Episoden, die jeweils mit dem Namen eines der Mädchen betitelt sind. Die Kameraästhetik und die beobachtende, oft raue Momente herausgreifende Erzählperspektive erinnern an so manches britische oder französische Sozialdrama. Der Film entstand in enger Zusammenarbeit mit den Darsteller:innen und Sozialarbeiter:innen. Diese gemeinsame Entwicklung der Geschichte bringt eine facettenreiche Filmerzählung mit sich, dennoch bleibt der Erzählblick meist einer von Außen, der die Emotionalität der Charaktere schwer greifbar macht. Als Publikum bleiben wir so in einer observierenden, analytischen Perspektive, beobachten schwere Schicksalsschläge und wortgewaltige Auseinandersetzungen und werden am Ende ohne viel Hoffnung zurückgelassen.

© Stéphane Gros/Lumière Noire

Dass das Sozialsystem starke Lücken aufweist, wird in La Mif  immer wieder deutlich. Ein Gespräch der Managerin des Heimes (Claudia Grob) mit Personen der Verwaltung fungiert als roter Faden der Gesamterzählung. Räumlich wie eine Gerichtssituation anmutend, sitzt die Managerin vor einem Gremium aus Männern, die Entscheidungen über das Heim und ihre Schützlinge treffen und dabei sichtbar entkoppelt sind von der Realität, die die Bewohner:innen und Betreuer:innen der Sozialeinrichtung täglich erleben. Baillif war selbst als Sozialarbeiter tätig und hat die Problematiken persönlich miterlebt. La Mif schneidet viele Themen an – darunter tabuisierte Themen wie sexuelle Handlungen zwischen Minderjährigen, sexualisierte Gewalt, die veränderte Asylantragssituation für eine Person bei Eintritt der Volljährigkeit – und punktet v.a. durch diese Vielfalt und die Dynamik zwischen seinen Figuren. La Mif erhielt in diesem Jahr den Großen Preis der Internationalen Jury (bestehend aus Schauspielerin Jella Haase, Regisseur Mees Peijnenburg und Regisseurin/Autorin Melanie Waelde) für den Besten Film im Wettbewerb Generation 14plus. 

Fighter (Jéro Yun, Republik Korea 2021)

Nach ihrem Aufenthalt im „Re-Education“ Center für Nordkoreaner:innen beginnt Jina ein neues Leben in Seoul. Mit ihren Gelegenheitsjobs steht sie ganz unten in der Hierarchie. Gegenüber den expressiveren Südkoreaner:innen, denen sie hier und dort begegnet, verhält sie sich still und bedacht. Jinas Haltung und Mimik lässt erahnen, dass die Protagonistin eine schwere Vergangenheit hinter sich hat. Wiederholt kämpft sie gegen Vorurteile an, denen zufolge Nordkoreaner:innen – überspitzt gesagt – abgestumpft und militärgehorsam seien. Regisseur Jéro Yun stellt feine Momente her, in denen solche Diskriminierungen zutage treten und entkräftet werden. Fighter lässt seine Underdog-Protagonistin eine chancenreiche Reise nach Oben antreten: In einer Mischung aus Sportdrama und American – oder eher Korean – Dream Narrativ beginnt Jina sich durch ihre Fähigkeiten als Boxerin Chancen auf ein besseres Leben aufzubauen. Doch im Gegensatz zu Million Dollar Baby oder Gipsy Queen nehmen Boxszenen und Wettbewerbskämpfe in Fighter weniger Raum ein. Denn hier gibt es u.a. auch Platz für eine Liebesgeschichte und Zeit für die Entdeckung von Jinas Vergangenheit.

© Haegrimm Pictures

Fighter zeigt Jinas Wandlung von einer unnahbaren und verschüchterten Schattenfigur zu einer langsam aufblühenden, sich emotional öffnenden und selbstbewussten Person – ohne sich dabei auf Oberflächlichkeiten zu beschränken, denn ihr Äußeres verändert sich nicht mit (anders, als wir es aus Mainstreamnarrativen kennen). Auch wenn manche Wendungen der Geschichte bald erahnbar werden, gelingt Yun es, die Reise seiner Heldin nicht platt werden zu lassen, indem er immer wieder zwischenmenschlich fein gestrickte Momente gekonnt fokussiert. Solche Szenen zentrieren etwa die dialogarme Interaktion zweier Figuren, in der die feine Körpersprache der Darsteller:innen mehr erzählt als gesprochene Worte – z.B. zwischen Jina und dem Boxer Tae-soo (Baek Seo-bin). Wenn Jina zum ersten Mal im Film lächelt, kann sich das Zuschauer:innen-Herz nur erwärmen. Hier holt uns der Film ab und generiert Empathie für seine Hauptfigur, eine Frau, die abseits von Geschlechterstereotypen gezeichnet ist und eine inspirierende Stärke zeigt – eben nicht nur physisch als Boxerin. Bedauernswert ist nur, dass Fighter – mit einer Ausnahme – keinen Platz für Solidarität zwischen seinen Frauenfiguren ermöglicht: Die südkoreanischen Frauencharaktere begegnen Jina gegenüber unmissverständlich mit Missgunst und verharren bis zum Ende in dieser feindlichen Haltung. Diese ist einerseits durch ihren Klassen- und Herkunftsunterschied begründet, andererseits durch Konkurrenzverhältnisse bzw. Eifersucht um die Gunst eines anderen Menschen. Solidarität unter Frauen ist eben leider nicht selbstverständlich.

Beans, La Mif (The Fam) und Fighter werden zwischen 9. und 20. Juni 2021 im Rahmen der Publikumsausgabe der diesjährigen Berlinale gezeigt.

Bianca Jasmina Rauch
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