Berlinale 2021: Stop-Zemlia

Als Passageritus wird ein Konzept bezeichnet, das den Übergang zwischen zwei Stadien des Lebens markiert. Diesem Übergang inhärent ist die Phase der Liminalität, des Dazwischenseins, das einen Schwellenzustand beschreibt und in dem die Passagier:innen – die  Schwelle Übertretenden –  besonders anfällig sind für äußere Einflüsse. Denn hier sind sie losgelöst von jeglicher Ordnung. Die Jugend lässt sich so als liminale Phase zwischen Kindheit und Erwachsensein fassen. Sie ist eine Zeit, in der die Erfahrungen, die mensch macht, einen starken Einfluss, nicht nur auf die Gegenwart, sondern auch auf die Zukunft – die Phase der Integration im Passageritus – nehmen. Deswegen ist die Jugend eine Zeit des Lebens, die nie an Faszination verliert – egal wie viele Geschichten darüber erzählt oder Filme darüber gedreht werden. Stop-Zemlia, das Langfilmdebüt der ukrainischen Regisseurin Kateryna Gornostai, ist ein weiterer Beweis dafür.

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Der Film spielt im Umfeld einer Schulklasse, die sich kurz vor dem Abschluss befindet. Im Zentrum der Handlung stehen die 16-jährige Masha (Maria Fedorchenko), ihre beste Freundin Yana (Yana Isaienko) und ihr bester Freund Senia (Arsenii Markov). Ihre Freund:innenschaft ist harmonisch, konfliktarm und zeugt von viel Ehrlichkeit und gegenseitigem Respekt. Auch im erweiterten Umfeld geht es ungewohnt einträchtig zu; der Film erzählt keine Geschichte von Rivalitäten, wie sie sonst oft in Teenie- oder Coming of Age-Stories zu finden sind, sondern zentriert das Kollektive, den gemeinsamen liminalen Prozess. Er entwirft das Psychogramm einer Generation im Dazwischensein. Die einzelnen Handlungsstränge befassen sich unter anderem mit Mashas Zuneigung zu ihrem Klassenkameraden Sasha (Oleksandr Ivanov), von dem sie nicht weiß, ob er ihre Gefühle erwidert. Oder mit Sashas Beziehung zu seiner alleinerziehenden Mutter, die durch unterschiedliche Bedürfnisse ans Familienleben auf eine harte Probe gestellt wird.

©Oleksandr Roshchyn

Doch der Film wird nicht von einer übergeordneten Handlung oder einer Dramaturgie vorangetrieben –  viele der kleinen Erzählungen verlieren sich ohne Auflösung in der Atmosphäre des Films. Es sind vor allem die brilliant gespielten Figuren, die den Film tragen und das Interesse der Zuschauer:innen hochzuhalten vermögen. Regisseurin Kateryna Gornostai setzt in Stop-Zemlia komplett auf Laiendarsteller:innen, mit denen sie im Vorfeld der Dreharbeiten ein neunwöchiges Schauspiel- und Kennenlernprogramm durchgezogen hat, um eine Basis für die familiäre Stimmung zu erzeugen, die im finalen Film eine große Rolle spielt. Dass die Schauspieler:innen Figuren darstellen, die nah an ihrer eigenen Lebensrealität angesiedelt sind, verleiht dem Film eine einzigartige, schon fast dokumentarische, Authentizität. Das Dokumentarische ist auch konzeptuell im Film angelegt: Die Handlung wird regelmäßig unterbrochen durch Interviewszenen, in denen die Figuren von der Regisseurin, als sie selbst auftretend,  zu ihren Gefühlen und Gedanken befragt werden. Das Ergebnis dieser Vermischung von authentischem Lai:innenschauspiel und persönlicher Dokumentation hat ein ungeheuerliches, immersives Potenzial, das Stop-Zemlia zu einer bemerkenswerten Filmerfahrung macht. 

Doch auch die sensible Bildsprache des Films trägt dazu bei, das Publikum stark zu involvieren. Kameramann Oleksandr Roshchyn fängt immer wieder flüchtige Momente, Mimiken und Bewegungen ein, die unmissverständliche Gefühle transportieren. Das kann die Unsicherheit sein, nicht genau zu wissen, wie mensch sich in einer großen Runde zu verhalten hat. Das kann die Sorge um den besten Freund sein, wenn dieser unter seiner posttraumatischen Störung leidet. Oder es kann die Anspannung sein, die nach dem Versenden einer entblößenden Nachricht auf Instagram entsteht. Was die Protagonist:innen im Film fühlen, geht konsequent durchs Bild unter die eigene Haut. Und somit braucht Stop-Zemlia keine große Geschichte und keinen gefertigten Spannungsbogen, um fesselndes Kino zu sein, denn er schafft eine berstende Intensität durch eine Immersion, die fast schon sinnlich wahrnehmbar ist. Der Film braucht auch keine originellen Fragen zur Lebensrealität von Heranwachsenden zu stellen, denn er aktualisiert die Fragen, die jeher das Leben von Jugendlichen bestimmen, mit viel Respekt. 

©Oleksandr Roshchyn

Stop-Zemlia zu sehen ist eine Erfahrung des Schwebens zwischen der eigenen Realität und der so greifbaren emotionalen Wirklichkeit von Masha, Yana und co. Der Film lädt die Zuschauer:innen in seine Liminalität ein, lässt sie eintreten in diesen Raum, der nichts bietet außer Erfahrbarkeit und löst sie am Ende wieder los –  allerdings ohne sie als rites de passage zu anderen Menschen zu machen. Das ist ein Privileg, das den Figuren des Films vorbehalten bleibt. Die Figuren die so wahrhaftig und präsent wirken, dass der Abschied von ihnen fast schmerzt.

 

 

Autor

  • Sophie Brakemeier hat Medienwissenschaft studiert und sich währenddessen lange im kommunalen Kinobetrieb engagiert. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet sie redaktionell in der Medien- und Kulturbranche, schreibt über Film und an ihrem ersten Buch. Kino liebt sie seitdem sie im Alter von vier vor Aufregung den Saal bei Free Willy 2 leergeschrien hat. Die Emotionalität für Filme blieb ihr, den kritischen Blick hat sie allerdings geschärft.

Sophie Brakemeier
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