Ballade von der weißen Kuh

Die kleine Prinzessin Shirley Temple tanzt und trällert mit ihrer eindringlichen hellen Stimme über den Bildschirm des Fernsehers. Auf dem Sofa seitlich halb eingerollt liegt die siebenjährige Bita und verfolgt das Geschehen. Die Bilder ziehen das gehörlose Mädchen in ihren Bann und die Tonspur erfüllt das Wohnzimmer, in der ihre Mutter verschiedenen Tätigkeiten nachgeht. Der Vater sei weit gereist und studiere, erklärt Mina (Maryam Moghaddam), um die Tochter von der bitteren Realität fernzuhalten. Tatsächlich wurde ihr Mann ein Jahr zuvor aufgrund einer tödlichen Auseinandersetzung selbst zum Tode verurteilt und hingerichtet – zurück blieben Mina und Bita. Die Arbeit in der Milchfabrik und die Witwenrente reichen gerade so und indem sie das traurige Geheimnis vor ihrer Tochter verbirgt, spielt Mina wie aus Selbstschutz in manchen Momenten auch sich selbst etwas vor.

© Amin Jafari

Das wendende Ereignis in Ballade von der weißen Kuh ließe sich durch die symbolische Bedeutung des Titels bereits erahnen. Das Weiß der Unschuld verbindet sich mit der Funktion der Kuh als Opfer in religiösen Zeremonien. Auch spielt der Titel an die längste Sure des Koran die „Die Kuh“ an, so das Regie-Duo Maryam Moghaddam und ihr Mann Behtash Sanaeeha in einem Interview mit Marc Hairapetian. Die ersten Zeilen der Sure, die die Funktion der Kuh als Sündenbock suggerieren, leiten den Film ein. Mina erhält eines Tages den Bescheid des Gerichts, dass ihr Mann zu Unrecht verurteilt, da der eigentliche Täter identifiziert wurde. Ein kaum fassbarer Justizirrtum, auf den eine Entschädigungszahlung folgt – „Es war wohl Gottes Wille“, fügt der Beamte seiner Entschuldigung hinzu. Schmerzerfüllt versucht Mina den Richter zu Gesicht bekommen, um den Verantwortlichen und somit das Geschehene für sich selbst greifbarer machen, doch der lässt sich nicht blicken. „Du musst einen Weg finden, um das alles zu vergessen“, „ob schuldig oder nicht, der Arme ist tot“ – Ratschläge und Zusprüche von Freund:innen und Verwandten können Minas Trauer nicht mindern.  ___STEADY_PAYWALL___

Es ist ein unglaublich schweres Schicksal, das die Protagonistin ereilt, doch keinen Moment zweifeln wir an der emotionalen Stärke und dem Überlebenswillen dieser Frau als Witwe, als alleinerziehende Mutter, als Kämpferin in einem diskriminierenden System, dem sie zum Opfer fällt,  dabei aber nicht passiv und ohne agency bleibt. Moghaddam und Sanaeeha stellen zwar dar, welche toxischen Mechanismen eines rigiden patriarchalen Systems das Leben von Mina noch erschweren, präsentieren ihre Protagonistin dabei aber keine Sekunde eindimensional als Opfer eines bekanntermaßen misogynen Systems. Genauso nimmt sich auch ihre gehörlose Tochter Raum und verschafft sich stets selbst Aufmerksamkeit bei ihren Mitmenschen. Mina nimmt die Dinge hin, findet jedes Mal einen neuen Weg, schreitet erhobenen Hauptes voran, trägt Tränen in den Augen und zugleich ein Lächeln auf den Lippen, auch wenn auf ein Unglück das nächste folgt. 

© Amin Jafari

Nachdem ein fremder Mann, ein angeblicher Freund des Verstorbenen, in Minas Wohnung zu Gast war, wirft ihr Vermieter sie kurzerhand hinaus. Die Begründung und die Macht des Vermieters kommen für Mina nicht überraschend, auch nicht, dass dieser die Kündigung über seine eigene Frau kommunizieren lässt, die dessen Entscheidung selbst bedauert, aber als Rädchen in patriarchalen Mechanismus fungieren muss. Eine Wohnung zu finden, ist wie so vieles andere für eine alleinerziehende Witwe kaum möglich – genauso wie einen Gerichtsprozess zu gewinnen. Denn zu allem Überdruss klagt auch noch Minas Schwiegervater um das Sorgerecht für die kleine Bita. Hier kommt der neue Bekannte ins Spiel, in dem Mina einen Freund findet, jemanden, der sie ablenkt vom Vergangenen, ihr Trost spendet und Hilfe leistet in Belangen, in denen Mina als Frau kaum eine Chance hat. Es scheint eine warme aufrechte Beziehung zwischen den beiden zu entstehen, doch auch die Verbindung zu diesem neuen Mann in Minas Leben ist vorbelastet.

© Amin Jafari

Der Film Ballade von der weißen Kuh feierte seine Premiere auf der 71. Berlinale 2021, hat aber weder fürs iranische In- noch fürs Ausland eine Zulassung zur Aufführung erhalten. Um nicht der Zensur zum Opfer zu fallen, gingen und gehen Moghaddam und Sanaeeha als Filmemacher:innen Risiken ein, die dem Film noch einmal ein anderes Gewicht verleihen. Interviews und Gespräche mit Personen, die ähnliche Situationen wie Mina erlebten, lieferten die Grundlage für das Drehbuch. Als Hauptdarstellerin berührt Co-Regisseurin Moghaddam in jeder Szene (sie wurde u.a. bekannt durch Jafar Panahis Closed Curtain, Die Ballade von der weißen Kuh ist ihr Debüt als Regisseurin) und zugleich punktet der Film indem er die Menschlichkeit in jeder seiner Figuren zum Vorschein bringt. Die Gesetze der Scharia sind im Hintergrund des Narrativs omnipräsent, drängen sich aber nicht aus einem eurozentrischen Blick heraus vor den Fokus auf die Protagonistin innerhalb dieses Systems. 

So serviert der Film auch seine Szenen und Konflikte nicht im üblichen Tempo von Reaktionsschemata und Reibflächen, sondern gibt den Figuren Raum zu reagieren und Emotionen in andauernden Einstellungen zu entwickeln. Als Zuseher:innen transportieren uns die Aufnahmen emotional vor allem in Minas Nähe, unser Blick auf die hier repräsentierte iranische Gesellschaft ist der einer alleinerziehenden Witwe. Moghaddam und Sanaeeha zeigen nicht mit dem Finger und drücken nicht aufs Auge. So verdeutlicht die filmische Ballade, dass ein misogynes, totalitäres System Menschen trennt, die unter anderen Bedingungen wertschätzende und enge Beziehungen miteinander teilen könnten. Ein rührender Film über Menschlichkeit, Trauer und Ungerechtigkeit.

Kinostart 04.02.2022

 

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch