Final Girls Berlin Film Festival 2022

Der Januar zieht ins Land und es bleibt dunkel in den Nächten, in den Morgen- und in den Abendstunden. Die Zeit für Weihnachtsfilme und Wintermärchen ist vorbei und was überdauert ist die Sehnsucht nach dem was da lauert in den Schatten der Nächte – und in den Schatten des menschlichen Verstandes. Und seid vorsichtig mit euren Sehnsüchten und Wünschen, wie es heißt, denn es könnte das Final Girls Berlin Film Festival um die Ecke kommen und sie euch erfüllen. Vom 3. bis 6. Februar bringt das Festival zum siebten Mal das Horrorkino von Frauen und nicht-binären Menschen auf die Leinwand des City Kino Wedding – und ist dabei so kompromisslos, transgressiv und herausfordernd wie eh und je.

Kernstücke des Programms von Final Girls Berlin bilden sieben Langfilme und acht Kurzfilmprogramme. Außerdem wird es ein Rahmenprogramm aus Gesprächsveranstaltungen rund um den Festivalfokus geben. Die pointierte und dennoch vielschichtige Beschäftigung mit einem weiblichen und queeren Blick auf Horror – das Genre an sich, seine Tropen, Erzählweisen und Konventionen – zeugt deutlich von einer Erkenntnis, die viel Spielraum eröffnet für Filmemacher:innen und Filmfans; Horror ist ein Objekt der Aneignung. Horror ist transformativ, divergierend und hat durch und durch empowerndes Potenzial. 

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We’re all going to the World’s Fair //© Reel Suspects

Ein besonderes Juwel im diesjährigen Programm von Final Girls ist der Coming of Age-Horrorfilm We’re all going to the World’s Fair von Jane Schoenbrun. In diesem atmosphärischen Debütfilm beobachten wir die Teenagerin Casey bei ihren Bemühungen, eine Internet-Challenge zu bestehen. Casey – gespielt von Langfilmdebütantin und Offenbarung Anna Cobb – ist Vloggerin, also Produzentin von persönlichen Videos, mit denen sie sich und ihr Leben im Netz präsentiert. Außerdem ist sie großer Horror-Fan und deswegen motiviert die in der obskuren YouTube-Bubble beliebte World’s Fair-Challenge mitzumachen. Diese besteht aus der ritualisierten Sichtung eines mutmaßlich bewusstseinserweiternden Videos und der darauf folgenden Dokumentation körperlicher und psychischer Veränderungen für die Follower:innen. Casey ist fasziniert von den Resultaten, den Videos, derjenigen, die die Challenge vor ihr absolviert haben. Sie beginnt ihre eigene Entwicklung aufzuzeichnen und schnell den Sinn dafür zu verlieren, was Realität ist und was nicht. 

“I want to live in a horror movie.”, erklärt Casey ihre Motivation, während sich die Wirklichkeit um sie herum, in ihrem Kopf und in ihren Videos zu verändern anfängt. Und auch die Zuschauer:innen werden in diese Dynamik hineingezogen und finden sich unvermittelt im Horrorfilm wieder. Was wahr ist, was eingebildet, was von Casey selbst herbeigeführt und was vielleicht sogar nur geschauspielert ist, ist undurchdringbar – fürs Publikum ebenso wie für die junge Protagonistin, die sich nach der Reise zu dieser nie wirklich ausformulierten Idee der World’s Fair so sehr sehnt, dass der Wunsch vielleicht ein bisschen zu sehr Mutter des Gedankens wird. Und dabei merkt sie kaum, wie die Welt um sie herum – die Realität – eigentlich schon genug Horror für sie bereithält. We’re all going to the World’s Fair erschafft eine vor Einsamkeit berstende Atmosphäre, dessen Dreampop-lastiger Soundtrack zum Verweilen einlädt. Denn das Jane Schoenbruns Horror-Konzept ist mitnichten abschreckend oder beängstigend, sondern beeindruckend sphärisch in den Bemühungen, zu verstehen zu geben, dass dringend neu gedacht werden muss, ob es wirklich so schlimm wäre, in einem Horrorfilm zu leben.

MonsterDykë // © Kaye Adelaide und Mariel Scammel

Denn wie gesagt: Horror ist Empowerment. Die Kurzfilmprogramme des Final Girls Berlin Film Festival formulieren das in mannigfaltigen Facetten. Sie gehen dabei visuell und performativ an jede Grenzen und zeigen, dass die Herausforderung von Sehgewohnheiten und die Herausforderung von Geschlechterkonventionen und Binarität sehr gut zusammen funktioniert. “There are only two genders: monster fuckers and cowards.”, mockieren ironisch im Vorspann ihres Films MonsterDykë, der in der Kurzfilmrolle Queer Horror läuft. Mit den Konventionen des Body Horrors, der angsteinflößenden Körperlichkeit und den Vorstellungen von “normalen” und “unnormalen” Körpern und Verhaltensweisen zu spielen, eröffnet gerade für queere Filmemacher:innen viele Möglichkeiten des Ausdrucks.

Aber auch die thematischen Fixpunkte des Horrorgenres – z.B. Ängste, soziale Extremsituationen, religiöser Wahn – bieten viel Potenzial um transgressiv und ohne Rücksicht auf regressive Empfindsamkeiten, Geschichten zu erzählen und Phantasmen auszuformulieren. Die Welt, in der Lust bestraft (wie in Itch von Susannah Farrugia) und Essgewohnheiten – von Frauen besonders – kontrolliert und sanktioniert werden (wie in einigen Filmen den Kurzfilmrolle Gluttony) muss konfrontiert werden, mit den Auswüchsen des Schreckens, die sie selbst ermöglicht hat. Vielen Dank Final Girls Berlin Film Festival, dass ihr darin partizipiert.

 

Autor

  • Sophie Brakemeier hat Medienwissenschaft studiert und sich währenddessen lange im kommunalen Kinobetrieb engagiert. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet sie redaktionell in der Medien- und Kulturbranche, schreibt über Film und an ihrem ersten Buch. Kino liebt sie seitdem sie im Alter von vier vor Aufregung den Saal bei Free Willy 2 leergeschrien hat. Die Emotionalität für Filme blieb ihr, den kritischen Blick hat sie allerdings geschärft.

Sophie Brakemeier