Gast-Löwin: Drei Gedanken zu DREI GESICHTER von Jafar Panahi

Ein Text von Gast-Löwin Nilufar Karkhiran Khozani

Die berühmte iranische Schauspielerin Behnaz Jafari, die sich wie alle Protagonist_innen im Film selbst spielt, hat das Video einer jungen Kollegin erreicht: Marziyeh Rezaei möchte Schauspielerin werden, hat bereits die Aufnahmeprüfung für das Studium in Teheran bestanden, aber ihre Eltern stellen sich ihr in den Weg. Sie hat anscheinend vergeblich versucht, Behnaz auf sich aufmerksam zu machen, damit diese zwischen ihr und ihren traditionellen Eltern vermittelt. Nun hat Marziyeh angeblich keinen anderen Ausweg gesehen, als sich das Leben zu nehmen, und ihren vermeintlichen Suizid gefilmt. Hätte Behnaz die Tat vielleicht verhindern können? Oder handelt es sich um ein Fake-Video? Behnaz ist untröstlich und bittet Regisseur Jafar Panahi (Offside, Taxi Tehran) um Hilfe. Gemeinsam machen sie sich auf in die iranische Provinz Aserbaidschan, um herauszufinden, was es mit dem mysteriösen Video auf sich hat. Für Panahi und Jafari beginnt ein Roadtrip in die Heimat des iranischen Regisseurs fernab von der Millionenmetropole Teheran.

  1. Abziehbilder statt Portraits

Der mit Berufsverbot belegte Regisseur Jafar Panahi ist mittlerweile ein Meister darin, seine Filme derart zu verdichten und symbolisch aufzuladen, dass sich auch in Drei Gesichter nicht nur  zahlreiche Referenzen an das iranische Kino, sondern auch viele subtile Verweise auf iranische Gesellschaften und  seine eigene Situation als Filmemacher herauslesen lassen.

Obwohl sie mit ihren “Drei Gesichtern” dem Film den Titel geben, funktionieren die Frauen*figuren eher als vordergründige Brücke, um einen Blick auf die aserbaidschanische Gesellschaft fernab der Hauptstadt mit ihren Sitten und Strukturen zu werfen. Dabei offenbaren sich teilweise archaisch anmutende Konzepte von Maskulinität*. Gerade die nur schlaglichtartig präsentierten Frauen*figuren bieten im Film jedoch hohes Entwicklungspotenzial: Behnaz Jafari, die kurz von ihrer Arbeit, ihren schwierigen Erfahrungen mit einem Regisseur erzählt, darf die allermeiste Zeit nur ratlos im Auto sitzen. Auch Marziyehs Perspektive auf die Schauspielkunst wäre spannend. Die Fähigkeit, das Dorf, ihr Zuhause, und die 9 Millionen-Stadt Teheran, in der sie ihre Zukunft sieht, in ihrem Kopf zu vereinen, macht sie zu einer sehr facettenreichen Person, über die viel zu wenig erzählt wird. Die Künstlerin Shahrzad, das dritte Gesicht, taucht gar nicht erst auf, ihre Figur wurde geschickt ins Off ausgelagert. Damit spiegelt der Film adäquat patriarchale Gesellschaftsstrukturen wider, die Frauen*stimmen bewusst überhören.  

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Zudem kommt keine der (sichtbaren) Frauen*figuren, die Panahi portraitiert, ohne Klischees aus. Während Behnaz und Marziyeh um ihre Fassung ringen und sich als Nervenbündel präsentieren, scheint Panahi als einziger in der Lage, vernünftig zu bleiben. Er schaut aus sicherer Entfernung auf die streitenden Frauen herab. Zwar lässt sich die Auseinandersetzung der beiden auch als Hinweis auf stark präsente Klassenunterschiede in Iran interpretieren, trotzdem ist der Gewaltexzess, mit dem Behnaz Marziyeh offen attackiert, eher zum Fremdschämen. Auf diese Weise werden vor allem nicht-weiße Frauen* häufig dargestellt, um einen exotisierenden Blick auf Kulturkreise zu bedienen, die nicht abendländisch-christlich geprägt sind. Im Kontrast zu den beiden hoch emotionalen Figuren Behnaz und Marziyeh, setzt sich Panahi auf narzisstisch anmutende Weise selbst als betont besonnen und gönnerhaft in Szene. Interessanterweise ist dies der Moment, in dem der Film am wenigsten funktioniert. Ein Changieren zwischen Dokumentation und Fiktion gelingt Panahi nicht immer reibungslos. So wirkt die Eskalation zwischen den beiden seltsam deplatziert. Dadurch, dass die Tiefe der Charaktere fehlt, wird der Zugang zu den weiblichen* Figuren so eher erschwert. Die vom Filmtitel suggerierten drei Frauen*portraits entpuppen sich also als platte Abziehbilder, die letztlich doch nur wieder benutzt werden, um als stereotype Dekoration dem Film einen Rahmen zu geben.

  1. Frau* muss sich erst einen Strick um den Hals legen, damit ihr jemand zuhört.

Marziyehs vermeintlicher Suizid dient lediglich als Opener für das Roadmovie, das sich als Gesellschaftsportrait versteht. An Marziyeh entlädt sich die Spannung eines Systems, in dem die Kontrolle durch Staat und patriarchale Strukturen dem Leben der Menschen längst nicht mehr gerecht werden kann. In ihrem Heimatdorf, in dem Schauspielerinnen noch despektierlich als “Gauklerinnen” bezeichnet werden, bleibt kein Platz für junge Frauen*, die mit ihrem Freiheitsanspruch ernst genommen werden wollen.

Die  drastische Konsequenz, ein Suizid als Hilfeschrei, wird im Film ganz offen thematisiert. Weder die Umgebung, noch die Adressat_innen ihres Videos haben zuvor von Marziyehs Verzweiflung Notiz genommen. Dieses Filmmotiv ist ein zentrales Statement über die Situation von Frauen* in der patriarchalen Gesellschaft, und auch darüber, wie wenig sie außerhalb davon wahrgenommen werden. Panahis Reise zu ihr schafft somit schlagartig Aufmerksamkeit für die zahllosen jungen Leute, die den Zwängen entkommen und in die Hauptstadt oder ins Ausland emigrieren wollen. Eine Marziyeh aus der Provinz wird letztlich nur beachtet, wenn sie sich an einer Klippe erhängt. Panahi streift mit seiner Darstellung ihres Hardliner-Bruders auch die Frage nach dem Wiedererstarken archaischer Gesellschaftsstrukturen. Der Blick geht indirekt auf eine Gesellschaft mit alten und neu belebten patriarchalen Strukturen, in der vor allem auch junge Männer* ihre Identität in einer postkolonialen Welt neu definieren müssen.

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Die Tat der jungen Schauspielerin steht außerdem symbolisch für das Scheitern der Kunst am System. Während sich Menschen in eurozentrisch geprägten Diskursen oft den Kopf darüber zerbrechen, wie Frauen* sich in traditionellen Gesellschaften behaupten können, sind es gerade Menschen wie Marziyeh, die die krassen Gegensätze jeden Tag selbstverständlich leben. Es wäre also längst an der Zeit, Frauen* wie Marziyeh das Feld zu überlassen und ihre Geschichten in den Mittelpunkt zu rücken. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit Stimmen von Frauen* aus marginalisierten Gesellschaften. Der western gaze (Panahis Filme genießen gerade im Ausland Kultstatus) verführt leider dazu, alles, was im eigenen Haus an patriarchalen Strukturen und Sexismus schlummert, bequem in die „fremde Kultur“ auf der Leinwand auszulagern. Die Kritik begnügt sich zu oft damit, sie als Übergangsobjekte zur “fremden” Kultur zu betrachten und ihnen keine individuellen Perspektiven zuzugestehen.

So wie Marziyeh erst Gehör findet, nachdem sie sich das Leben genommen hat, tappt Drei Gesichter in dieselbe Falle, die der Film vordergründig kritisiert: Interessant wird die Frauen*figur vornehmlich auf Grund ihrer dramatischen Situation, und ihre eigentliche Geschichte bleibt unerzählt.

  1. Freiheit hinter verschlossenen Türen

In den abgelegenen Dörfern in den Bergen, wo eine Kuh auf der Straße den Betrieb lahmlegt (ein kleiner Hinweis auf den Klassiker und Genrebereiter Die Kuh von Dariush Mehrjui), materialisieren sich in den unzugänglichen Räumen und verwinkelten Gassen des aserbaidschanischen Dorfes, in die die Kamera niemals richtig hinein findet, Schutzmechanismen vor einer Außenwelt, die Frauen* alles abverlangt. So bekommen wir eines der Drei Gesichter, die Schauspielerin und Dichterin Shahrzad (wie dt. Scheherazade), niemals zu Gesicht. Kaum jemand interessiert sich nach ihrem Rückzug aus der Gesellschaft noch für sie, die seither unter den misstrauischen Blicken der Nachbarn allein in ihrer Berghütte lebt und ihre Zeit mit Malen verbringt. Shahrzad (bürgerlich Kobra Saeedi), die für ihre Kunst vor allem nach der Machtübernahme der Mullahs immer wieder stark angefeindet wurde, hat der Welt einfach konsequent den Rücken gekehrt und scheint damit gar nicht so viel falsch zu machen.

Es ist interessant, wie sich gerade Shahrzads Verbannung in die Berghütte als Möglichkeit entpuppt, ihr Leben so zu leben, wie sie es möchte. Eine hochambivalente Geschichte: Die sozialen Normen, die ihr den öffentlichen Raum verbieten, benutzt Shahrzad nun, um sich der sozialen Kontrolle zu entziehen. In Iran finden sich zahlreiche dieser kleinen Refugien: Autos, in denen heimlich telefoniert wird, Gebetsräume, Ferienhäuser in den Bergen, Frauen*parties, auf denen Männern* der Zutritt strikt untersagt ist.

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Auch für Panahi bleibt die Tür zu. Sein wehmütiger und etwas neidischer Blick richtet sich auf das nächtliche lustige Treiben im Inneren, das sich vollständig der männlichen* Kontrolle entzieht. Die vielversprechende Figur Shahrzad verschwindet damit vollständig im Off, wo Frauen* ausgelassen tanzen und lachen, während der Alltag ihre Existenz ständig untergräbt. Eine bezeichnende, angesichts der Verhältnisse relativ pragmatische, aber auch durchaus funktionale Lösung. Shahrzad, die Geschichtenerzählerin, gewährt uns dennoch eine seltene Audienz mit ihrer Stimme und ihren Gedichten (wie 1963 die einflussreiche Dichterin Forough Farrokhzad in Das Haus ist schwarz) – unsichtbar hinter verschlossenen Türen.  

Die Stärke des Films ist die Vielschichtigkeit. Insgesamt ist Drei Gesichter vollgepackt mit Verweisen, Anekdoten, interessanten Bildern und Geschichten. Im gesamten Film ist Panahi spürbar präsent. Das Interesse und die Annäherung an eine Gesellschaft, die vielen verschlossen ist, ist unter den für Panahi geltenden Restriktionen eine der aufwendigsten Arbeiten des Regisseurs. Auch an den Frauen*, die im Film auftreten, weckt der Film Interesse. Jedoch hätten sie es verdient, noch stärker ins Zentrum zu rücken. Es ist an der Zeit, dass ein Film nicht nur vordergründig von patriarchalen Gesellschaftsstrukturen erzählt, sondern Frauen* auch selbst den ihnen zustehenden  Raum überlässt.

Über die Gast-Löwin

Nilufar Karkhiran Khozani

Nilufar Karkhiran Khozani ist Psychologin und Literaturwissenschaftlerin in Berlin und genießt dort die Nähe zur vielfältigen Indie-Filmszene. Nilufar wünscht sich mehr queere und intersektionale Kritik, denn sie glaubt, dass sich im Film die widersprüchlichsten Perspektiven verstehen lassen. Sie liebt Iranian New Wave Cinema und interessiert sich besonders für Filme außerhalb des europäischen Kulturraums. Bisher schrieb sie Gastbeiträge für Sissy über die Lesbisch-schwulen Filmtage Hamburg. In nicht allzu ferner Zukunft möchte sie ein eigenes Dokumentarfilmfestival gründen.

Autor

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