Jackie – Und es geht doch!

Über das Drama des weiblich* besetzten Bio-Pics habe ich mich im letzten halben Jahr wiederholt geäußert. Ob Marie Curie oder Paula Modersohn-Becker, irgendwie will das Kino keiner dieser Frauen den gebührenden Respekt entgegenbringen, lieber von ihren amourösen Verwicklungen als ihren beruflichen Leistungen erzählen. Aber jetzt wird alles anders und vor allem besser: Ausgerechnet ein Film über Jackie Kennedy, die ja vornehmlich für ihren Ehemann bekannt war, setzt neue Maßstäbe für das weibliche* Bio-Pic.

© Tobis

Regisseur Pablo Larraín und Drehbuchautor Noah Oppenheim beginnen Jackies Geschichte mit dem Tod ihres Ehemannes John F. Kennedy. Somit steht die weibliche* Hauptfigur hier von Beginn an auch dramaturgisch auf eigenen Beinen, agiert nicht in Abhängigkeit von einer männlichen* Figur und wird dementsprechend auch nicht über sie charakterisiert. Selbst in den folgenden Rückblenden bleibt JFK eine Randfigur. Niemals verliert sich der Film auf dem Nebenschauplatz Kennedy, sondern ist seinem Thema, seiner Heldin auf beeindruckende, weil ungewohnte Weise treu. Marie Curie beispielsweise beginnt die Geschichte seiner Heldin ebenfalls mit dem Tod des Ehemannes*, hält aber diesen sowie seinen „Nachfolger“ derart präsent, dass die Hauptfigur niemals für sich stehen kann.

Beeindruckend ist Jackie in dieser Hinsicht deshalb, weil die First Lady, atemberaubend und oscarverdächtig verkörpert von Natalie Portman, im Gegensatz zu anderen filmisch portraitierten Frauen* eben nicht primär für sich selbst, sondern für ihren Gatten erinnert wird. Indem Larraín und Oppenheim ausgerechnet diese Figur vom männlichen* Signifikanten ablösen, strafen sie all die misslungenen Bio-Pics Lügen, denen es nicht gelingt, ihre Heldinnen um ihrer selbst Willen und ohne hetero-amouröse Verwicklungen zu inszenieren.

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Darüber hinaus ist die Jackie Kennedy dieses Films weit mehr als eine trauernde und traumatisierte Witwe. Die Präsidenten-Gattin tritt als ungemein komplexe, manchmal gar schwer greifbare Figur auf, die zwischen Fragilität und Härte oszilliert. Mal empfindsam, mal berechnend lässt sich Jackie in keine Schublade einordnen, sondern springt von einer zur nächsten. Diese charakterliche Dynamik ist die Triebfeder des Plots. Die durch den Film erzählten Tage zwischen Attentat und Beerdigung bieten auf der Handlungsebene nur wenig dramaturgisches Potential. Es ist die Heldin, die den Film alleinig auf ihren Schultern trägt, deren Entscheidungen den Verlauf der Dinge bestimmen, ja deren Auftreten und Bewegungen die Kamera zu dirigieren scheinen.

Das Publikum kommt der Heldin fast unangenehm nah. Als Zuschauer_innen sind wir Eindringlinge in einen immens privaten Moment der Trauer und Verzweiflung, der Orientierungslosigkeit und Sinnsuche. Pablo Larraín minimiert die Distanz zwischen Publikum und Heldin, macht Jackie Kennedy erfahrbar, ohne sie zu vereinfachen und gerät dabei niemals in Versuchung, eine voyeuristische Perspektive zu kreieren. Die Frau* auf der Leinwand ist zwar in gewisser Weise unseren Blicken schutzlos ausgesetzt, doch sie ist kein Anschauungsobjekt, sondern eine Identifikationsfigur. Wir sollen und wollen sie nicht bemitleiden, nicht auf sie herabsehen, sondern sie ergründen und verstehen.

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Aber Jackie weckt nicht nur Empathie, sondern auch Skepsis. Unser kritischer Geist ist in konstanter Bewegung, darum bemüht, die Figur auf der Leinwand zu fassen und einzuordnen. Doch ein Fazit ist unmöglich. Jackie Kennedy bleibt eine ambivalente Figur, lässt sich weder den Stempel der Heiligen, noch den der Hure aufdrücken, weckt mehr Fragen als sie beantwortet und gewinnt gerade dadurch an Größe und Faszination.

Also: Ja, es geht doch! Filmische Portraits von Frauen* können gelingen. Und für diesen erheblichen Hoffnungsschimmer erhält Jackie ohne Einschränkung mein Prädikat „emanzipatorisch wertvoll“.

Kinostart: 26. Januar 2017

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