Berlinale 2018: Der Buchladen der Florence Green (The Bookshop)

Die Magie des geschriebenen Wortes ist eine ganz besondere, die – da bin ich sicher – niemals durch die Magie des Kinos verdrängt werden wird und kann. Denn im Gegensatz zum audiovisuellen Medium beflügeln Bücher unsere Fantasie auf einzigartige Weise, lassen eigene Filme im Kopf entstehen, in denen wir sogar selbst die Hauptrolle spielen können. Und so sind auch Buchläden magische Orte, deren Atmosphäre nicht umsonst immer wieder auch in filmischen Erzählungen eine Rolle spielt. Ich denke da zum Beispiel an den ersten Buchladen in meinem persönlichen Kinoleben: von Karl Konrad Koreander in Die unendliche Geschichte. Ein Ort so geheimnisvoll und zugleich auch unheimlich, dass er mich sofort in seinen Bann zog. Daher hoffte ich wohl in einem Film, der das Wort „Buchladen“ im Titel trägt, eine Spur eben jener Magie zu finden, die mich schon bei Herrn Koreander und vielen anderen Leinwandbüchereien bezaubert hatte. Doch Fehlanzeige.

© Lisbeth Salas

Isabel Coixets Der Buchladen der Florence Green (The Bookshop) ist eine Adaption des Romans Der Buchladen von Penelope Fitzgerald und erzählt die Geschichte der titelgebenden jungen Witwe, die sich einen Lebenstraum erfüllt. Florence Green (Emily Mortimer) kauft in ihrem kleinen Heimatort Hardborough an der britischen Küste ein altes Haus und eröffnet darin ihre eigene Buchhandlung. Das gesamte Unternehmen ist jedoch in der kleinen Stadt nicht gern gesehen. Manch eine_r glaubt, als Frau* könne Florence unmöglich ein erfolgreiches Geschäft führen. Andere hegen eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Buchstaben und intellektuellem Geschwafel. Und wieder andere wollen das bislang ignorierte Haus für eigene Zwecke nutzen. Doch Florence, so erzählt uns das Voice Over, lässt sich nicht einschüchtern und geht frohen Mutes an die Arbeit.

Und schon hier beginnt das Problem. Der Mut und Enthusiasmus, den die weibliche Erzählstimme behauptet, ist der Figur selbst kaum anzusehen, die so sanft, engelsgleich und emotional gemäßigt durch die Geschichte schwebt wie der Seenebel durch den Spielort. Aber nicht nur Florence rinnt uns durch die Finger wie Sand. Auch sonst ist nichts und niemand in diesem Film richtig greifbar. Isabel Coixet verzichtet an vielen Stellen auf Totalen, die uns einen Überblick über die Szenerie liefern könnten. Wo sich in der Stadt beispielsweise der Buchladen befindet oder wo die Stadt wiederum geographisch verortet ist, können wir nur erahnen oder – ganz wie bei der Lektüre eines Buches – mit Hilfe unserer Fantasie selbst erfinden. Nicht einmal von den Räumlichkeiten des Geschäfts selbst lässt sie ein klares Bild entstehen. Ist das nun ein bewusst eingesetztes Stilmittel der Regisseurin, die auf Teufel komm raus unsere Fantasie entfachen will, oder doch eher ein handwerkliches Versäumnis?

© Lisbeth Salas

Problematischer noch als die fehlende Etablierung der Schauplätze gestalten sich die Figuren, die ebenso schwer zu fassen und einzuordnen sind wie der Ort, an dem sie sich befinden. Da ist der alte, geheimnisvolle Bücherwurm Edmund Brundish (Bill Nighy), zu dem Florence eine zärtliche Freundschaft eingeht, ein Eremit, über den zahllose Gerüchte kursieren. Denn auch wenn die Menschen dieser Geschichte niedergeschriebenen Fantastereien oft skeptisch begegnen, praktizieren sie mit Begeisterung die orale Erzähltradition der üblen Nachrede. Und dann wäre da die wohlhabende Violet Gamart (Patricia Clarkson), die aus nicht besonders ersichtlichen Gründen ein Netz aus Intrigen spinnt, um den Buchladen zu boykottieren und darin ein Kulturzentrum zu gründen. Und natürlich die Schülerin Christine (Honor Kneafsey), die Florence an den Nachmittagen zur Hand geht, obwohl sie selbst für Bücher keinerlei Interesse hegt. Anbei: Wo soll denn da Magie für das geschriebene Wort aufkommen, wenn selbst die Angestellten sie weder sehen noch empfinden?

Die obig genannten Figuren sind putzige Gestalten, doch stets mehr Typen denn überzeugende Charaktere. Vor allem die immer gütige Florence, die einen Tiefschlag nach dem anderen geduldig und mit Engelsmine hinnimmt, kann sich nur schwerlich zu einer glaubhaften Heldin entwickeln. Zu makellos ist die Frau*, die ohne jemals irgendwem irgendein auch noch so zartes Haar gekrümmt zu haben, all die Gehässigkeit der Welt wie eine tapfere Märtyrerin erträgt. Und makellos ist selten spannend.

© the producers / Lisbeth Salas

So schleppt sich auch die Handlung dahin wie der omnipräsente Nebel. So wie das Wetter immer gleich trüb, niemals freundlich sonnig oder bedrohlich stürmisch wäre, bleibt auch die Erzählung von der ersten bis zur letzten Minute demselben Tonfall treu. Schon frühzeitig deutet die melancholisch-pathetische Musikuntermalung daraufhin, dass die Hauptfigur auf die eine oder andere Weise scheitern wird, womit der Geschichte bereits bei ihrem Auftakt jegliches Spannungspotential geraubt wird. Dabei wird die vermeintliche Tragik der folgenden Ereignisse vornehmlich über eben jene dominante Filmmusik, nicht aber durch die Dramaturgie, das Schauspiel oder irgendeine Form audiovisueller Atmosphäre vermittelt.

Unbeantwortet bleibt am Ende für mich vor allem die Frage nach dem Sinn des Ganzen. Steht der Buchladen vielleicht symbolisch für etwas anderes? Geht es um Fortschrittsfeindlichkeit der Gesellschaft oder um irgendein anderes, vergleichbar sozialpolitisches Thema? Da der Film so oberflächlich agiert, insbesondere was seine Figurenzeichnung angeht, erweckt er den Eindruck eines formelhaften pädagogischen Lehrstücks, einer Parabel. Nur mag zumindest mir partout nicht einfallen, worin die Moral von der Geschicht’ bestehen könnte. Und auch nach der Magie des geschriebenen Worts suchte ich bis zur letzten Filmminute vergebens.

Kinostart: 10. Mai 2018

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