Wenn Fliegen träumen

Die Grundidee von Wenn Fliegen träumen ist simpel: Der Tod ihres Vaters bringt die beiden Halbschwestern Naja (Thelma Buabeng) und Hannah (Nina Weniger) zusammen. Die beiden haben weder miteinander, noch zu ihrem Vater eine Beziehung. Doch um ihr Erbe – bestehend aus einem Feuerwehrauto und einem Haus in Norwegen – anzutreten, begeben sich die beiden auf einen gemeinsamen Road Trip.

© Résistefilm

Katharina Wackernagel bedient in ihrem Regiedebüt alle Elemente eines guten Roadmovies. Die Fahrt im Oldtimer wird für die beiden Halbschwestern zu einem Selbstfindungstrip, bei dem Traumata offengelegt und überwunden werden. Hannah flieht vor ihrer Krebsdiagnose und der ärztlichen Behandlung. Naja will krampfhaft eine Verbindung zur Familie ihres Vaters finden. Die Angst vor Tod und Einsamkeit, mit denen sich beide Protagonistinnen auseinandersetzen, sind grundsätzlich menschlich nachvollziehbar, bleiben aber so oberflächlich, dass sie die Zuschauer_innen kaum bewegen. Statt der in den Figuren angelegten Tragik dominiert das durch Soundtrack und Landschaftsaufnahmen vermittelte genre-typische Gefühl von Freiheit und Abenteuerlust die Inszenierung.

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Wenn Fliegen träumen ist in erster Linie ein Film über Einsamkeit. Naja leitet als Psychotherapeutin eine Gruppentherapie mit dem Titel „Gemeinsam einsam“, Hannah ist so verzweifelt, dass sie einen Suizidversuch unternimmt, ihr Partner (Sebastian Schwarz) hat eigentlich keine Verbindung zu ihr. Katharina Wackernagel führt die einzelnen Personen in voneinander losgelösten Szenen ein, die ihre Verlorenheit illustrieren. Bei einer Trauerfeier, zu der niemand erscheint und bei der unklar ist, wessen Tod betrauert wird, begegnet Naja einer geister- beziehungsweise engelhaften Figur. Hannah wiederum führt in einem Moment Tourist_innen an der Berliner Mauer entlang, befindet sich dann wieder in der Arztpraxis oderwie in einer Traumsequenz über eine Wiese direkt auf die Kamera zu.

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Die Szenen bleiben teils schemenhaft und wirken assoziativ statt chronologisch oder narrativ montiert, womit Katharina Wackernagel ihrem Publikum den Einstieg in ihre Geschichte deutlich erschwert. Auch ihr anschließender Versuch, die einzelnen Personen und deren Storylines miteinander zu verbinden, wirkt leider sehr (vergeblich) bemüht.

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Während Naja und Hannah zunehmend zu sich selbst und einander finden, verläuft sich die Nebenhandlung ins Groteske. Die Gruppe „Gemeinsam einsam“ (Niels Bormann, Tina Amon Amonsen, Robert Glatzeder, Zoltan Paul), Hannahs Partner und die Anästhesistin ihrer Arztpraxis (Katharina Wackernagel) folgen den Halbschwestern nach Norwegen. Diese Vielzahl an Figuren (es kommen noch ein spanischer Hippie, ein Arzt und Hannahs Mutter hinzu) droht den Film zu überfrachten: Sie bleiben platte Stereotypen, da es nicht ausreichend Raum gibt (oder geben kann), um all diesen Charakteren gerecht zu werden. Einzig die in Leopardenprint gekleidete Nymphomanin bricht aus ihrem Klischee aus, als sie ihren männlichen* Begleitern klarmacht, dass sie nicht länger von ihnen objektiviert werden will.

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Katharina Wackernagel möchte als Regisseurin bewusst mit den Konventionen des deutschen Kinos und Fernsehfilms brechen. Ihren Debütfilm Wenn Fliegen träumen finanzierte und produzierte sie unabhängig von Förderungen oder Sendern. Dadurch musste sie keine Kompromisse eingehen und konnte ihre Kreativität voll ausleben. Die Inspiration durch skandinavische Produktionen, insbesondere surreale Tragikomödien, ist ihrem Werk dabei deutlich anzumerken.

Es ist bedauerlich, dass Katharina Wackernagel ihre Freiheit als Filmemacherin und den Bruch mit Konventionen nicht auch inhaltlich nutzt. Wenn Fliegen träumen arbeitet mit großen Themen wie “Tod” und “Einsamkeit” und suggeriert durch seine unkonventionelle Inszenierung eine tiefere Bedeutungsebene. Doch weder findet eine tatsächliche Auseinandersetzung mit diesen Themen statt, noch löst Wackernagel das Versprechen einer tieferen Bedeutung ein. Das Ende des Films kommt insgesamt zu plötzlich, um die auf der Handlungsebene stattfindende Verwirrung noch aufzuklären und lässt die Zuschauer_innen ähnlich verloren zurück wie die Protagonist_innen.

Kinostart: 27. Juni 2019

Lea Gronenberg

Lea Gronenberg ist Politikwissenschaftlerin und Nerd. Filme und Serien sind für sie ein Ort der Zuflucht und zugleich ein Ort für Gesellschaftsanalyse und -kritik.
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