The Trouble With Being Born

Schattenhafte Umrisse, flirrende Geräusche, Grillenzirpen. Eine freundliche Kinderstimme aus dem Off, das Kamerabild bewegt sich sanft vorwärts durch einen sommerlichen Wald. Wir schweben auf einen Garten zu, aus der Ferne sehen wir ein Mädchen, dem wohl die Off-Stimme gehört, und seinen Vater. Gleich zu Beginn von The Trouble With Being Born vermittelt sich die Stimmung, die auch den weiteren Filmverlauf dominieren wird: Bilder, Ton und Erzählung lösen gemischte Gefühle und Erwartungen in uns aus. Wer zu wem spricht und mit welcher Zeitlogik bedarf ebenso der Reflexion wie moralische Grenzen. Mit ihrem zweiten Spielfilm konfrontiert die österreichische Regisseurin Sandra Wollner ihr Publikum mit Szenarien, die nicht immer verständlich sind. Gerade das mag es auch erschweren, eindeutige moralische Urteile über ihre Figuren zu fällen. Zweifelsohne ein einprägsames Filmerlebnis, das eine:n herausfordern kann.

© eksystent Filmverleih

The Trouble With Being Born beginnt mit Ellis (Lena Watson) Erzählungen recht gewöhnlicher Erinnerungen. Bald wird aber klar, dass die Grundkonstellation der Geschichte für die meisten von uns gar nichts Gewöhnlichem entspricht: die Zehnjährige ist eine Androidin. Ihrem „Vater“ (Dominik Warta) vertreibt sie an diesen langen Sommertagen die Einsamkeit, ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit ist ihm stets gewiss. Außer einer herausnehmbaren Zunge, einem schwarzen Loch anstelle einer Vulva und einer untrübsamen Laune scheint Elli wie ein menschliches Kind zu sein. Zuerst umso unangenehmer, bald richtig verstörend, wirken die wiederholten Annäherungen zwischen ihr und ihrem „Vater“. In dieser Hinsicht wäre eine Pädophilie Triggerwarnung sinnvoll. Wir werden wiederholt Zeug:innen sanfter und scheinbar fürsorglicher Berührungen zwischen den beiden, bis der Verdacht nicht mehr aus dem Weg zu räumen ist und wir die Anspielungen auf ein sexuelles Verhältnis klar einordnen können.  ___STEADY_PAYWALL___

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Aber Elli ist ja kein Mensch, sondern bloß eine Maschine, oder? Wo fängt die Moral in diesem Falle an und wo hört sie auf? Pädophil ist der namenlose Mann jedenfalls – ob das Kind nun eine Puppe ist oder nicht. Verhärtet wird die Situation außerdem, weil die Androidin auch als Ersatz für seine reale Tochter, die seit zehn Jahren als vermisst gilt, dient. Wir bekommen keine eindeutigen Antworten aber wenn die beiden über gemeinsam Erlebtes sprechen, wird klar, dass der Roboter die menschliche Tochter ersetzen soll. Im zweiten Teil des Films dient die Androidin als Platzhalter für den Jahrzehnte zuvor verstorbenen Bruder einer älteren Frau (Ingrid Burkhard). Hier vollzieht sich zuvor ein erzählerischer Wechsel: Ein Autofahrer liest die alleine auf der Straße spazierende Ellie auf und nimmt sie mit. Dieser schaltet sie aus, bringt sie seiner Mutter und gestaltet sie um: Name, tiefere Stimme und kurze Haare markieren die Wandlung zum kleinen Emil.

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Im Sommer 2020 warf das Melbourne Filmfestival Regisseurin Sandra Wollner vor, in The Trouble With Being Born Pädophilie zu verharmlosen, da ein klarer kritischer Kommentar im Film fehle. Sie zogen den Film aus dem Programm, nachdem ein Psychologe zu dieser Einschätzung gekommen war. Es trat damit genau der verunsichernde Effekt ein, der in der beabsichtigten Wirkungsweise des Films liegen mag: Als Zuseher:innen fühlen wir uns unwohl, wir wissen nicht, wie wir die Situation einordnen sollen. Das erinnert an Filme von Jessica Hausner oder Michael Haneke, in denen die Verunsicherung des Publikums Programm ist. Vielleicht ist das Zeigen eines solchen Films im virtuellen Format auch problematischer, da eins als Publikum nicht einfach im Kinosaal sitzen bleibt und an einer anschließenden Auseinandersetzung, einem Gespräch teilhaben kann. Denn das Bedürfnis nach Austausch über das Gezeigte ist nach der Sichtung von The Trouble With Being Born groß. Ethische Fragen im Bereich der Künstlichen Intelligenz sind ein riesiges Feld. Doch sind Diskussion in der Öffentlichkeit noch viel zu wenig angekommen, obwohl unser Alltag bereits maßgeblich von K.I. geprägt ist – auch wenn die meisten Menschen noch kaum mit humanoiden Robotern zu tun haben. Dokumentarisch beschäftigte sich Maria Arlamovsky im 2019 erschienenen Robolove mit den Möglichkeiten und Abgründen von androiden Sexpuppen und Frauen. 

Während in Robolove Android:innen stereotype Mann-Frau Konstruktionen verbildlichen, ist Ellis Geschlechtsidentität in The Trouble With Being Born fluide: Erst funktioniert sie als Mädchen, dann als Junge. Es kommt lediglich auf die äußerlichen Attribute an, mit denen sie versehen wird sowie auf ihre Programmierung. Ihr auf K.I. Technologie basierendes Erinnerungsvermögen ist sozusagen die Sozialisation des Roboters, sein Gender, sein soziales Geschlecht. Dieser Gedanke bringt durchaus utopische Momente mit sich. Aber auch der zweite Teil des Films bleibt nicht unproblematisch: als der Androide Emil seiner neuen Besitzerin einen Kuss auf den Mund drückt und diese empört reagiert, stellt sich die Frage: liegen doch noch Reste von Elli auf Emils Memory Card oder hatte der echte Emil eine inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester, die der humanoide Roboter nun wiederholt? Wenn Künstliche Intelligenzen ihr Eigenleben beginnen, fängt auch der dystopische Science-Fiction Film an. Doch so weit geht Wollner nicht. Bei ihr verlagern sich viel mehr die Ebenen der Erinnerung, der Memory Card der androiden Figuren (der englische Begriff ist hier bezeichnender als der deutsche „Speicher“) und des Tagtraums, ohne zu klar erzählten Horrorszenarien zu werden. 

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Diese Überlagerung führt über moralische Fragen auch zu philosophischen Gedanken: Sind wir als Individuen im Hier und Jetzt stets Produkte unserer eigenen Erzählungen, die eigentlich nur aus Fragmenten von halb-erdichteten Erinnerungen bestehen? Sollten humanoide Roboter jeder:m einfach zugänglich gemacht werden, obwohl sie doch Potenziale bergen, zur Zielscheibe missbräuchlicher Täter:innen zu werden? Die 10-jährige Darstellerin jedenfalls wird in den Credits unter einem Pseudonym geführt (Lena Watson), um ihre Persönlichkeit zu schützen. Silikonmaske (Maske von Gaby Grünewald) und spätere VFX (engl. visual effects) Effekte sorgten für eine Verfremdung des Gesichtes der jungen Schauspielerin und für einen kindgerechten Umgang. Das geht klar aus der Produktionsnotiz hervor. 

Sandra Wollner schafft einen ganz eigenen Film, der Elemente von Thriller, Science-Fiction und Drama vereint. Elli ist wie die moderne Version von Pygmalions Galatea, die bei jeder Bewegung leicht surrende Geräusche von sich gibt und durch das junge Alter mehr moralische Fragen aufwirft. Dass wir die Geschichte nicht durch einen männlichen Erschaffer erzählt bekommen, sondern meist durch die des Roboters, macht The Trouble With Being Born so vielschichtig und zugleich undurchsichtig. Auf der Berlinale 2020 erhielt der Film in der Encounters Sektion den Spezialpreis der Jury, im selben Jahr den Großen Diagonale-Preis. Der Kinostart in Deutschland steht noch aus.

The Trouble with being born kann im Rahmen des Lichter Filmfests Frankfurt noch bis zum 9. Mai ausgeliehen werden.

 

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch
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