Test Pattern

++ Triggerwarnung: Thema sexuelle Gewalt ++

Shatara Michelle Fords Debütfilm Test Pattern handelt von der Schwarzen US-Amerikanerin Renesha (Brittany S. Hall), die eines Abends zum Opfer sexueller Gewalt wird und unmittelbar danach nicht zur Ruhe kommt: Um den Vorfall sofort medizinisch untersuchen lassen, fährt ihr weißer Lebenspartner Evan (Will Brill) sie von einem Krankenhaus zum nächsten, auf der Suche nach einem rape kit – einer medizinisch durchgeführten Untersuchung nach erlittener Vergewaltigung. In eindrucksvollen Stimmungs- und Situationsbildern erzählt der Film die Geschichte einer Paarbeziehung, von fehlendem Konsens und dem Erleben sexueller Gewalt.

© Kino Lorber ___STEADY_PAYWALL___

Im texanischen Austin: Schönes Wetter, ausgelassene Stimmung, nette Menschen. Renesha und Evan lernen sich beim Tanzen kennen, sie daten, ziehen zusammen, sind miteinander glücklich. Die Szenen der Annäherung und Vertrautheit zwischen den zwei Partner:innen zu Beginn des Films haben das Potenzial, auch die Herzen von Nicht-Romantik-Fans zu erweichen. Selten werden wir in romantischen Spielfilmen mit solch ruhigen, subtilen Szenen konfrontiert, in denen der verbalen und non-verbalen Kommunikation der beiden Akteur:innen unspektakulär Raum gelassen wird. Auf die anfängliche Idylle folgt aber etwas Unheilvolles, das kann eins bald erraten. Nachdem Renesha während eines feucht-fröhlichen Abends mit ihrer besten Freundin Amber (Gail Bean) und zwei Barbekanntschaften „Gummibärchen“ zu sich genommen hat, verliert sie bald daraufhin ihre Handlungsfähigkeit, alles verschwimmt und ihr zaghaftes Abwehren von gefüllten Sektgläsern und aufgezwungen Küssen einer der Männer wird immer nutzloser.

Die anfängliche Romanze Test Pattern kippt in eine düstere, thrillerhafte Filmerzählung, in der das Publikum den veränderten Zustand seiner Protagonistin visuell miterlebt: verschwommene kurze Ausschnitte, der sich bewegende Oberkörper eines der Männer, düstere, orchestrale Musik und aufflammende Flashbacks (hier gibt es visuell-erzählerische Parallelen zu Michaela Coels Serie I May Destroy You) ergeben das Mosaik einer traumatischen Erfahrung. Nach dem Abend im social club erwacht Renesha konfus neben einem der beiden Männer in einem Hotelzimmer. Bald darauf, zu Hause angekommen, fühlt sich Renesha konfus und zu Unrecht schuldig. Während ihres Gesprächs mit Evan realisiert sie, dass sie vergewaltigt wurde. Voller Sorge fährt Evan sie sofort ins Krankenhaus, um Proben nehmen zu lassen – je eher, desto besser für die Effizienz der Untersuchung, wissen beide. Doch einfach ist die Sache nicht: Erst bei der dritten Anlaufstelle und viele Stunden später werden sie an medizinisches Personal vermittelt, das die Untersuchung mit einem rape kit überhaupt vornehmen kann. Während dieser Odyssee machen sich Verzweiflung und Dissens zwischen den beiden Partner:innen breit.

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Test Pattern erzählt nicht nur von verletztem Konsens, sexueller Übergriffigkeit und seinen Folgen, sondern macht darüber hinaus thematisch noch feinere Verflechtungen deutlich. Dass Renesha selbst ihren Fall der Polizei nicht sofort melden möchte, habe mit dem Kontext der Gewalt gegen People of Color zu tun, so die Regisseurin Shatara Michelle Ford, denn gerade in Texas, wo auch die Handlung situiert ist, sei die Gesellschaft aufgrund von rassistischen Strukturen innerhalb einer weißen Vormachtswelt sehr gespalten. Dass Evan als weißer Mann mit Selbstverständlichkeit die Polizei in den Fall einbeziehen möchte, während Renesha als Schwarze Frau diese Option sofort ablehnt, zeigt, wie wenig rassistische und geschichtliche Disparitäten Nicht-Betroffenen oft bewusst sind.

Protagonistin Renesha wird während der gesamten Erzählung von ihren Mitmenschen zu Handlungen überredet, die sie selbst anfänglich ablehnt – ihre Freundin Amber überredet sie etwa zum Trinken, ihr Partner zum Krankenhausmarathon. Die Schwelle zwischen Nachgiebigkeit, Schüchternheit und Grenzverletzung zu erkennen, verlangt danach, einer anderen Person mit Empathie entgegenzutreten, diese Aussage findet sich in Test Pattern als feiner, roter Faden wieder. Aus den kleinen Details ergibt sich eine Struktur, ein Muster und das Private von Reneshas Geschichte wird politisch. Eine große Stärke des Films liegt in der schauspielerischen Leistung, die sich in langen, durchgehenden Aufnahmen beweisen kann und mit diesen Feinheiten im Einklang steht.

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Die ruhige, sich oft fahrend bewegende Kamera von Ludovica Isidori lässt zwischenmenschliche Dynamiken wie durch ein Vergrößerungsglas deutlicher werden und sprengt auf visueller Erzählebene klassische Konventionen. Besonders eindrucksvoll zeigt sich eine Szene im Wartesaal des dritten Krankenhauses: Das gestresste Paar sitzt und wartet, die Bewegungen verlangsamen sich, die fröhlichen, romantisch verspielten Töne vom Blumenwalzer aus Tschaikowskys Der Nussknacker verleihen der Situation absolute Absurdität und einen kritischen Kontrapunkt. Zweifelsohne ist diese Kombination ein Kommentar auf das gegenwärtige US-amerikanische Sozialsystem, in dem sich die Suche nach einfacher, schneller Versorgung teuer und belastend gestalten kann. 

Fords Film möchte keine moralischen Kerben einschlagen, oder einen bestimmten Weg zur Verarbeitung des traumatischen Ereignisses sexueller Gewalt als richtig markieren. Während Renesha, emotional aufgerüttelt, sich am liebsten ausruhen würde, ist Evan bestrebt, sofort nach Gerechtigkeit zu suchen und drängt seiner Partnerin seinen Willen auf. Renesha vertraut gleichzeitig den Entscheidungen ihres Freundes, während sie selbst noch keinen klaren Kopf hat. Dass die sofortige Suche nach dem Schuldigen nicht für jedes Opfer der erste Weg zur emotionalen Verarbeitung sein kann, wird deutlich.

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Gemeinsam mit ihrer Produzentin Pin-Chun Liu, einem ausschließlich aus weiblichen Departmentleiterinnen bestehenden Team und einem, laut Produktionsangaben, hohen Anteil an BIPoC und sich als LGBTQ+ identifizierenden Personen, realisierte Regisseurin Shatara Michelle Ford einen Spielfilm, der sich mit Elementen aus Romanze, Psychothriller und Sozialdrama als sehenswertes und nachdenklich stimmendes Erlebnis einprägt. Test Pattern zeigt, dass das Leben eben nicht nach einem Testmuster funktionieren kann – denn jeglichen, wie auch immer gestalteten, Maßstäben können nur exkludierende Strukturen zugrunde liegen. Erst ein sensibler Blick ermöglicht es, Aufmerksamkeit für Lebensrealitäten abseits der eigenen zu gewinnen.

Test Pattern ist ab 19.02.2021 über Kino Marquee in den USA online verfügbar.
Der internationale Starttermin steht noch nicht fest.

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch
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