Pleasure

Manchmal müssen wir uns eingestehen, dass die besten, wichtigsten und eindrücklichsten Filme diejenigen sind, bei denen wir absolut keine Freude beim Schauen empfunden haben. Dass wir uns eingeklemmt finden, zwischen dem Drang zur uneingeschränkten Empfehlung – “Ja, schaut diesen Film! Er schlägt in euer Bewusstsein wie ein rasender Komet!” – und der expliziten Warnung vor den filmischen Bildern, die wir uns einbilden aussprechen zu dürfen der unbegründeten Überzeugung geschuldet, in einer Position zu sein, diese Verantwortung übernehmen zu müssen. Aber diese Überzeugung gründet auf einer falschen Annahme über filmisches Begehr. Natürlich machen Filme nicht immer nur Spaß und wollen unterhalten, natürlich müssen sie von Zeit zu Zeit auch weh tun, aufwühlen und mit einem scharfen Pfeil ins Mark treffen. Und wir sollten dankbar sein für jeden Film, der das heutzutage schafft – vor allem dann, wenn er wie Pleasure von Ninja Thyberg auch noch verwertbar sind für einen feministischen Diskurs.

© Plattform Produktion

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Der Film der schwedischen Regisseurin, die damit ihren eigenen Kurzfilm (zu dem Sophie Charlotte Rieger bereits 2014 ein Interview mit ihr führte) als Langfilm umsetzt, erzählt die Geschichte der 19-jährigen Linnéa (Sofia Kappel). Unter ihrem Künstlerinnennamen Bella Cherry reist Linnéa von Schweden nach Kalifornien mit dem eisernen Willen, der nächste große Pornostar zu werden. Zusammen mit einer handvoll anderer Frauen, unter anderem der schon erfahrenen Joy (Revika Reustle), im Haus ihres Agenten unter und sammelt bedenkenlos und motiviert erste Erfahrungen am Set und mit den Akteur:innen der Porno-Branche. Ihren Werdegang hält sie dabei schamlos für ihre Follower:innen in den sozialen Netzwerken fest. Schnell wird ihr bewusst, dass sie ihr Repertoire über ihre eigenen Grenzen hinaus erweitern muss, um großen Erfolg zu haben. 

Grenzen und ihre Überschreitung werden in dieser ungeschönten Abhandlung der Dynamiken der Pornobranche intensiv thematisiert. Linnéa und ihre Kolleginnen finden sich stetig in Situationen wieder, in denen sie sich den Manipulationen der zum größten Teil männlichen Regisseuren, Produzenten und Pornodarstellern ausgesetzt sehen. Wird ihnen vor und während des Drehs noch versichert – sogar rechtlich – dass sie den Dreh zu jeder Zeit abbrechen dürfen, wird ihr “Nein”, das nicht selten auch als schmerzerfülltes “Stopp!” formuliert ist, eigentlich nie akzeptiert. Sie seien doch so stark, wird ihnen gesagt, sie hätten es doch fast geschafft und wollten doch das bisher Gedrehte nicht umsonst gemacht haben und überhaupt, was ist denn mit dem Geld, das in die Produktion geflossen sei. Ninja Thyberg schafft es diese teilweise subtilen und teilweise sehr deutlichen Mechanismen der Machtausübung und die nicht enden wollende Spirale der Entwürdigung, in die Linnéa dadurch gerät, schmerzhaft erfahrbar zu machen.

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Wie Pleasure Schmerzen transportiert – körperliche, als auch seelische –, wie er die Nebensächlichkeiten der Pornobranche in Bezug auf weibliche Sexualität und die Arbeit von Frauen thematisiert, zeugt von einer authentischen und wichtigen weiblichen Perspektive auf das Feld. Mit einer schonungslosen Selbstverständlichkeit legt der Film eine oft verschleierte Seite pornografischer Kultur offen, die das von männlichen Interessen dominierte Gewerbe nicht gerne sehen möchte, denn sie widerspricht der Wunschvorstellung von der immer verfügbaren, immer auf männliche Befriedigung ausgerichtete und immer den Ansprüchen an das glattgeschliffene Körperideal entsprechende Sexualität von Pornodarstellerinnen. Und viel wichtiger: Er verliert dabei nie die Gefühlswelt seiner Protagonistin aus den Augen, die sich in einem ambivalenten Verhältnis zu den (ungeschriebenen) Regeln der Industrie bewegt – selbstbewusst agierend und trotzdem immer wieder mit Zweifeln hadernd, als Opfer von körperlichen Übergriffen bis zu als Vergewaltigung am Set und aber auch als Täterin. Meisterlich inszeniert Ninja Thyberg wie Linnéa die Strukturen und die damit einhergehende Frauenfeindlichkeit verinnerlicht und reproduziert, statt sich, wie wir es ihr von außen gerne nahe legen würden, von ihnen lossagt. Immer wieder entscheidet sie sich bewusst dazu, diesen Weg zu gehen – selbst nachdem sie sich zwischen einem Engagement und ihrer besten Freundin entscheiden musste, selbst nachdem sie sich selbst unerträgliche Schmerzen zufügen musste und selbst nachdem sie vergewaltigt und im Nachgang nicht ernst genommen wurde.

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Die Mischung aus der expliziten Darstellung des Geschehenen und der Beobachtung von Linnéas bewusstem Werdegang macht Pleasure zu einer Herausforderung für das Publikum – trotz oder gerade wegen einer Bildsprache, die durch ein helles und poliertes Ambiente das Hochglanz-Image, das der Pornobranche durchaus inhärent ist, perfekt transportiert. “In freundlichen Farben gefilmt, ist Pleasure also keine Verurteilung der Pornoindustrie, sondern eine ernstgemeinte Auseinandersetzung, die sichtlich von Ninjas aufrichtigem Interesse für diese Welt genährt ist. Pleasure erzeugt kein Mitleid für die Heldin, sondern Respekt!”, schreibt Filmlöwin Sophie Charlotte Rieger 2014 über Thybergs gleichnamigen Kurzfilm, der Pleasure vorausging. Respekteinflößend ist Linnéa als Protagonistin noch immer und auch die Auseinandersetzung mit der Industrie ist nicht weniger ernst. Die Regisseurin geht mit den Strukturen, mit dem “Verhältnis zwischen Macht und Körpern”, wie sie ihren Fokus im Interview beschreibt, allerdings deutlich härter ins Gericht. Sie benennt und zeigt die sexistischen, für Darstellerinnen gefährlichen und rassistischen Grundpfeiler der Branche ohne Scheu und gleichzeitig verliert sie nie Linnéa und ihre Kolleginnen aus den Augen. Ninja Thybergs jahrelange und intensive Beschäftigung mit Pornografie lässt dabei eine Authentizität vermuten, die dem Film eine noch erschreckendere Note gibt. Denn wie können wir – ja, auch wir Feminist:innen – die Produkte dieser Industrie mit einem besseren Gefühl konsumieren, als dieses intensives und nachdrückliches filmisches Werk namens Pleasure?

Kinostart: 13.01.2022

 

Autor

  • Sophie Brakemeier hat Medienwissenschaft studiert und sich währenddessen lange im kommunalen Kinobetrieb engagiert. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet sie redaktionell in der Medien- und Kulturbranche, schreibt über Film und an ihrem ersten Buch. Kino liebt sie seitdem sie im Alter von vier vor Aufregung den Saal bei Free Willy 2 leergeschrien hat. Die Emotionalität für Filme blieb ihr, den kritischen Blick hat sie allerdings geschärft.

Sophie Brakemeier
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