Niemand ist bei den Kälbern

Es ist Hochsommer in Schattin, einem Kaff im Norden von Mecklenburg-Vorpommern. Die 24-jährige Christin (Saskia Rosendahl) lebt hier mit ihrem ein Jahr älteren Freund Jan (Rick Okon) auf dem Milchviehhof seines Vaters mitten in der Provinz. Hier gibt es fünf Häuser, eine Bushaltestelle, Kühe und jede Menge Felder.” So beginnt der Verleihtext zu Sabrina Sarabis Drama Niemand ist bei den Kälbern. Das Setting des Films wird beschrieben, die Atmosphäre angedeutet. “Von der Aufbruchstimmung der Nachwendejahre, die die Jugend von Jan und Christin prägte, spüren sie schon seit langer Zeit rein gar nichts mehr. Hinzu kommt, dass auch ihre Liebe zueinander weitgehend erloschen ist. Christin hat dieses Leben mehr als nur satt und will aus der provinziellen Enge Schattins verschwinden.”, geht es weiter. Der Konflikt des Films wird vorgestellt, Motivationen ausgelotet und die Anlage der Stimmung intensiviert. “Wohin, weiß sie noch nicht. Als eines Tages der 46-jährige Windkraftingenieur Klaus (Godehard Giese) aus Hamburg auftaucht, wird ihr Leben auf den Kopf gestellt.”. Und hier? 

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Die Andeutung am Ende dieses textlichen Teasers ist natürlich ein windiger Kniff. Was genau mit einem “auf den Kopf gestellten Leben” gemeint sein soll, bleibt den Erwartungen und der Vorstellungskraft des Publikums überlassen. Wie diese Leerstelle zu füllen ist, bleibt natürlich kaum dem Zufall überlassen. Eine unzufriedene, in einer glücklosen Beziehung gefangene junge Frau ‒ ein neuer Mann in ihrem Leben. Sowohl geschlechtsspezifische Rollenerwartungen, als auch Erfahrungswerte mit filmischen Geschichten erwecken sofort Gedanken an eine Affäre. Doch Niemand ist bei den Kälbern geht durchaus komplexer mit der Thematik der Rollen und vor allem der Erwartungen um, als es der Teasertext nahelegt. 

© Filmwelt

Christin hat große Schwierigkeiten damit, ihre Rolle in der überschaubaren Gemeinschaft zu finden, in deren Mitte sie lebt. Jans Vater, mit dem sie unter einem Dach leben muss, hat keine Sympathien für sie übrig. Ihre einzige Freundin Caro (Elisa Schlott) ist kaum erreichbar, die Aufnahme ihrer Mailbox-Ansage brennt sich wie ein Ohrwurm in den Kopf. Die Arbeit auf dem Hof ist anstrengend und wenig erfüllend, nur der Kontakt und die Nähe zu den Nutz- und Haustieren scheint Christin etwas Freude zu bereiten. Einfacher wird es auch nicht dadurch ‒ und der Film scheut sich in keiner Form dies eindeutig zu inszenieren ‒ dass die ganze kleine Mikrogesellschaft und ihre Umgangs- und Arbeitskultur stark patriarchal geprägt ist. 

Die Frauen auf dem Hof sind die “Freundinnen von”, toxische Männlichkeit wird ungebremst ausgelebt und glorifiziert und die Geschlechterverhältnisse und -rollen sind klar definiert und gefestigt. Christin nimmt dies wortlos hin. In  Saskia Rosendahls stoischem Schauspiel manifestiert sich einerseits der Wunsch des Ausbruchs der Protagonistin und andererseits der leider oft notwendige Abwehrmechanismus des Aushaltens. Und dann zeigt sich, dass Klaus, der 46-jährige Windkraftingenieur ihr Leben doch nicht so auf den Kopf stellt, wie die Werbung suggeriert. Denn das vielerorts romantisch aufgeladene und befreiende Versprechen einer Affäre löst Niemand ist bei den Kälbern mitnichten ein. Christin kann sich durch sie nicht aus den patriarchalen Strukturen der Viehhof-Gemeinschaft retten, sondern gerät nur noch tiefer in sie herein. Das Ende des Films spricht da eine radikale und konsequente Botschaft aus: Kein Mann kann dich vor dem Problem, das toxische Männlichkeit heißt, beschützen.

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Sabrina Sarabi rechnet streng ab mit den idyllischen und kulturkritischen Bildern, die das Leben und Lieben auf dem Land oft begleitet. Trist, bedrückend, ganz und gar langweilig und perspektivlos charakterisiert die Regisseurin Christins Perspektive auf ihre Lebenssituation, während ‘die Stadt’ im Film immer wieder als Sehnsuchtsort ins Spiel gebracht wird und vage in den Köpfen bleibt als ein Raum, in dem sich Christin endlich entfalten könnte, wenn sie nur hinkäme. Inszeniert wird dies nüchtern, farblos und langsam. Selbst die großen Paukenschläge der Erlebnisse ‒ hier von einer Erzählung zu sprechen, würde dem Begriff nicht gerecht werden ‒ orchestriert der Film kaum auffällig. Spannung kommt dabei in Niemand ist bei den Kälbern so gut wie nie auf und an manchen Stellen wirkt der Film so substanzlos, dass er droht auseinanderzufallen. Das mag dem Thema angemessen sein, denn die Omnipräsenz des bedrückenden und jeden Fortschritt aufhaltenden Systems von manifesten Machtstrukturen überträgt sich so direkt auf die Filmsprache. Aber letztendlich droht es den Film genauso farblos aus wieder aus dem Gedächtnis verschwinden zu lassen. 

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Niemand ist bei den Kälbern kann im Fazit zwar nicht als ambitioniertes Werk beschrieben werden, aber er ist ein Statement und in seiner monotonen Konsequenz stellenweise kraftvoll. Saskia Rosendahl rettet durch ihre Präsenz viele Momente der Langeweile und Ziellosigkeit in die Chance sie mit eigenen Erfahrungen von Verzweiflung und Ausweglosigkeit abzugleichen. Was dem Film an Expressivität mangelt, gleicht er mit Performativität wieder aus. Schade nur, dass die Relevanz der Aussagen, die Sabrina Sarabi trifft somit an dem Publikum vorbei geht, das für ein performatives Filmerlebnis schwer zu begeistern ist.

Kinostart: 20.01.2022

 

Autor

  • Sophie Brakemeier hat Medienwissenschaft studiert und sich währenddessen lange im kommunalen Kinobetrieb engagiert. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet sie redaktionell in der Medien- und Kulturbranche, schreibt über Film und an ihrem ersten Buch. Kino liebt sie seitdem sie im Alter von vier vor Aufregung den Saal bei Free Willy 2 leergeschrien hat. Die Emotionalität für Filme blieb ihr, den kritischen Blick hat sie allerdings geschärft.

Sophie Brakemeier