The Lodge

Anlässlich der stetig sinkenden Temperaturen lohnt es sich, einen Blick auf die düstere Seite dieser ohnehin nicht sonderlich hellen Jahreszeit zu werfen und ihren eher verwehten kinematografischen Spuren nachzugehen. Denn besonders viel Aufmerksamkeit hat der anspruchsvolle Horrorstreifen The Lodge nach seiner Veröffentlichung im Jahr 2019 nicht bekommen. Die Vermutung liegt nahe, dass er von all den bunt schillernden und leicht verdaulichen Weihnachtsromanzen und -komödien völlig überschattet wurde. Was bedauerlich ist und daher ein wiederholtes Review mehr als verdient. Immerhin handelt es sich dabei um den zweiten Geniestreich des österreichischen Regieduos aus der preisgekrönten Drehbuchautorin Veronika Franz, deren unverkennbare Handschrift zahlreiche Kollaborationen mit Ulrich Seidl tragen (Paradies-Trilogie, Im Keller u.a.) und Severin Fiala, einem aufstrebenden Jungregisseur und Drehbuchautor.

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Wie bereits in ihrem vielfach prämierten Debüt Ich seh Ich seh liefern Franz und Fiala auch in The Lodge ihre ahnungslose Protagonistin, Grace (Riley Keough), inmitten einer abgeschiedenen Landschaft, einem auf Rache sinnenden Geschwisterpaar, Mia und Aidan (Lia McHugh, Jaeden Martell), aus und führen in zugleich subtilen wie verstörenden Bildern vor, zu welchen Grausamkeiten Kinder imstande sind, wenn sie sich von einem zweifelhaften, christlich gefärbten Gerechtigkeitsgefühl zur Selbstjustiz veranlasst fühlen. Den Stein des Anstoßes legt für Mia und Aidan der unerwartete Selbstmord ihrer Mutter (Alicia Silverstone), den sie als Reaktion auf die neuen Heiratspläne des Noch-Ehemanns, Richard (Richard Armitage), begeht. An seiner Seite steht nun die sichtlich jüngere Grace, die wiederum als Kind ihren Vater durch einen Kollektivselbstmord der von ihm angeführten christlichen Sekte verlor. Gleichwohl ist für das Geschwisterpaar die Schuldige am Suizid der Mutter schnell ausgemacht und als die beiden die Weihnachtstage allein mit der rätselhaften Fremden im Familienferienhaus verbringen sollen, beginnt für Grace eine re-traumatisierende Tortur.

© Square One Entertainment

Dass der gesamte Film mit christlicher Symbolik regelrecht überfrachtet ist und die Frage von Schuld, als zentrales Thema der Handlung, in einem religiös-familiären Kontext verhandelt wird, erscheint vor dem Hintergrund der stark katholisch geprägten Heimat der beiden Regieführenden als symptomatisch. Auch dass die Schuld der weiblichen Hauptfigur zufällt, überrascht in dem Sinne nicht, zumal Frauen in der christlichen Tradition konstant mit dem Begriff der Sünde in Verbindung gebracht werden. Obendrauf wird Grace mit einer posttraumatischen Belastungsstörung und einer gewissen mysteriösen Aura ausgestattet, die sie von der ersten Szene an umgibt, in der sie nur flüchtig als Silhouette durch das Bild huscht. Wir erfahren lediglich häppchenweise aus alten Videoaufnahmen, Zeitungsausschnitten und Gesprächsfetzen anderer Figuren, um wen es sich bei der neuen Freundin des Vaters handelt und bekommen dadurch ein vorgefertigtes Fremdbild einer psychisch labilen Frau, mit zwielichtiger Vergangenheit serviert, die in eine gutbürgerliche Familie einfällt und sie komplett aus den Angeln hebt.

Dieses Bild bleibt auch nach Graces erstem, richtigen Auftritt, im Ferienhaus der Familie, dank einer aufwendig konstruierten, falschen Fährte weiterhin bestehen. Es sind zunächst Kleinigkeiten, wie ihre Medizin, die sie vor dem Freund versteckt, ihre unheilschwangeren Albträume oder der geradezu selbstverständliche Umgang mit dem Revolver, den sie für den Notfall von Richard bekommt. All diese verdächtigen Puzzleteilchen erscheinen umso stimmiger, wenn Grace und die beiden Kinder allein zurückbleiben und der eigentliche Horror unaufhaltsam an Fahrt gewinnt. Plötzlich verschwinden alle Essensvorräte, Kleidung, Graces Medikamente, sogar von ihrem kleinen Hund fehlt jede Spur. Es tauchen Botschaften auf dem beschlagenen Badspiegel auf, „tu Buße“, Türen öffnen sich von selbst, so, als würden nun alle erdenklichen Horrorfilmregister gezogen. Und während die Geschwister vorgeblich ahnungslos ob der rätselhaften Ereignisse durch das gespenstische Haus streifen, wird Grace zunehmend gereizter und kämpft gegen den schleichenden Realitätsverlust. Bis sie vollkommen in den Wahn verfällt. Somit geht auch der minutiös und von langer Hand vorbereitete Plan der beiden Kinder auf. Grace, die aus ihrer Sicht durch die Trennung der Eltern und den Tod der Mutter eine zweifache Sünde auf sich geladen hat, soll ebenso leiden. Gleichzeitig werden sowohl die Mutter, die, nüchtern betrachtet, ihre Kinder wegen einer gescheiterten Ehe im Stich gelassen hat, als auch der Vater, der allem Anschein nach eine Faszination für psychisch gezeichnete, junge Frauen hegt (denn zum Ehebruch gehören schließlich immer zwei dazu), unhinterfragt von ihrer Schuld freigesprochen.

© Square One Entertainment

Dass die leidgeplagte und als Sünderin an den Pranger gestellte Grace sich schließlich als die Gnadenbringerin am Ende des Films erweist, führt den christlichen Begriff der Gnade vollends ad absurdum. Franz und Fiala verleihen ihrer Protagonistin eine Eigenschaft, die im theologischen Sinne lediglich Gott vorbehalten ist, womit gleichzeitig eine doppelte Machtumkehr stattfindet. Nun sind es nicht mehr die Geschwister bzw. eine vermeintlich höhere Macht, die das Geschehen lenken, sondern Grace selbst, von deren Gnade fortan das Leben aller Familienmitglieder abhängt. Zwar könnte es kritisch betrachtet werden, dass sie ausgerechnet unter einer verzerrten Realitätswahrnehmung von einer passiven zu einer handelnden Figur wird. Wodurch über dem Moment ihrer Selbstermächtigung weiterhin ein religiöser Impetus hängen bleibt. Doch soll gerade dadurch die Gefährlichkeit einer religiösen Indoktrination verdeutlicht werden, anstatt durch eine geläuterte weibliche Hauptfigur die Kritik daran in Wohlgefallen aufzulösen.

© Square One Entertainment

So zeichnen Veronika Franz und Severin Fiala mit einem guten Gespür für das Ungesagte, das sich aus den Blicken und Gesten der Figuren ablesen lässt, eine vielschichtige und erschütternde Parabel auf das menschliche Unvermögen, zwischen moralischen und egoistischen Handlungen zu unterscheiden. Dabei entlarven die falschen Hinweise, die sie entlang des Plots streuen, nicht nur gängige Horrorfilmklischees, sondern lassen auch die Zuschauer:innen angesichts der bitter realistischen Pointe des Films fassungslos zurück. Alles, was kurzfristig eine erlösende Antwort auf das Geschehen verspricht, sei es die eventuelle Rückkehr der Mutter aus dem Jenseits, die nun Rache an der jungen Rivalin übt, oder doch die Launen der unzurechnungsfähigen Freundin des Familienvaters, ja selbst die kurze Hommage an solche Klassiker wie The Sixth Sense oder The Others, erweist sich letzten Endes als das perfide Werk zweier mit dem Tod der Mutter überforderter Kinder. Hier führen Franz und Fiala eindrucksvoll vor, welches Gewaltpotenzial in missbräuchlicher Instrumentalisierung von Religion liegt. Grace, die zweimal Opfer einer extremen Auslegung der christlichen Religion wird, vollendet nur konsequent den dieser Auslegung inneliegenden Anspruch, den Menschen mit seinen Verfehlungen aus dem Diesseits zu erlösen. Doch zwischen dieser letzten angedeuteten Handlung und den ersten Szenen liegen unzählige, mutige und behutsame Versuche, einen Zugang zu den ebenfalls traumatisierten Geschwistern zu finden und sich aus dem Sog der eigenen traumatischen Vergangenheit zu befreien. Der jedoch so wie der gesamte Familienausflug kläglich scheitert. Worin vielleicht auch der eigentliche Horror liegt: In jeder ungenutzten beziehungsweise verweigerten Chance auf einen Neuanfang.

The Lodge könnt ihr auf Amazon Prime Video streamen.

über die Gast-Löwin

Julia Turbina hat an der deutschen Ostküste Slawische Literaturwissenschaften und Migration & Diversität studiert und versucht nun, in der Verlagshochburg Leipzig, als freie Übersetzerin Fuß zu fassen. In Mußestunden verarbeitet sie auf ihrem Blog über alles und nichts in Bild und Wort die charmanten Banalitäten des Lebens und ihre migrantischen Erfahrungen, die sie ohne Filme und Literatur wohl kaum unbeschadet überstanden hätte. Als Dank seziert sie diese nun schonungslos hinsichtlich ihrer blinden sexistischen Flecken.

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