FFMOP 2022: Ladybitch

“Feminismus ist ja irgendwie so … Titten und so alles …”. Da haben wir es. Feminismus ist durchgespielt, wurde endlich gesamtgesellschaftlich verstanden und dürfte sich jetzt endlich auf dem Siegeszug befinden. Könnte es anders sein? Dass Feminismus Titten und so alles ist, glaubt zumindest Benny (Benny Claessens). Aber Benny glaubt auch daran, dass es Menschen mit dem Sternzeichen Waage grundsätzlich schwieriger hätten, in der Theaterbranche zu arbeiten. Vielleicht würden ihm bei beiden Themen ein bisschen mehr Differenzierung ganz guttun. Benny könnte sich beispielsweise die filmgewordene, feministische Aufklärungsarbeit Ladybitch von Paula Knüpling und Marina Prados anschauen. Und er würde viel lernen – auch über sich selbst.

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Ladybitch spielt in der Theaterbranche und ist auch aus ihr entstanden. In der filmischen Umsetzung der gleichnamigen theatralen Inszenierung sucht die Berliner Schauspielerin Ela (Celine Meral) ihren Weg im darstellenden Großstadtdschungel und kann es kaum glauben, als sie ein Engagement in einem Stück vom angesagten Theaterregisseur Franz Kramer (Christoph Gawenda) zugesagt bekommt. Sie erhält die Rolle der promisken Lulu in der Inszenierung von Frank Wedekinds Tragödie Erdgeist und muss sich neu in ein Ensemble integrieren, das schon oft zusammengearbeitet hat. Sie hofft, mit dieser Rolle ihre Schauspielkarriere nachhaltig vorantreiben zu können und ist dementsprechend nervös und gleichzeitig voller Motivation, eine beeindruckende Leistung abzuliefern. Auch weil sie natürlich einen bleibenden Eindruck bei Kramer hinterlassen möchte und von seinem Mitwirken zunächst stark imponiert zu sein scheint.

© Ladybitches Productions

Doch nur bis zur ersten Probe. Schnell stellt sich heraus, dass Kramer kein mutiges Theatergenie, sondern vielmehr ein überhebliches Arschloch ist, das auf “der Welle der Möglichkeiten surfen” will und damit eigentlich meint, dass er keine Idee und keine Vision für die Umsetzung des Stückes hat. Er redet viel und sagt wenig, wirft mit leeren, unzusammenhängenden Worthülsen um sich und steigt selbstsicher darin ein, seinen Schauspielerinnen und weiblichen Crew-Mitgliedern zu erklären, was Empowerment und Feminismus bedeutet. Paula Knüpling und Marina Prados haben in Kramer die Karikatur eines problematischen Typen angelegt, wie wir sie nicht nur in den Branchen der darstellenden Künste, sondern in allen Bereichen, von denen wir denken würden, sie seien offen für gesellschaftlichen Fortschritt – ganz besonders natürlich dezidiert linke und feministische Räume – finden. Performative Lippenbekenntnis-Feministen, die ganz stark darin sind, ihr Macker-Verhalten mit zu viel Gerede zu retuschieren. 

Bis dahin ist Ladybitch herrlich amüsant. Paula Knüpling und Marina Prados hatten sichtlich Spaß daran, Kramer und andere Figuren nach den alltäglichen Erfahrungen zu entwerfen und zu orchestrieren, die Feminist:innen in ihrem Umfeld und Alltag machen und denen wir oft nur noch mit Zynismus begegnen können. Vielleicht sogar etwas zu viel Spaß, denn gerade in der ersten Hälfte des Films, hat Christoph Gawenda, der Franz Kramer wirklich sehr pointiert spielt, dann doch zu viel Raum, um zu erkennen, dass es in Ladybitch eigentlich um Elas Position und um ihre Perspektive geht. Kramer nervt – das soll er ja auch –, und wie es mit diesen Typen dann auch oft im echten Leben ist, drückt er sich gekonnt und selbstbewusst ins Zentrum der Aufmerksamkeit. 

Der Film ändert seinen Ton final in dem Moment, in dem Kramer Ela gegenüber sexuell übergriffig wird. Im Alkoholrausch fängt er an sie zu küssen, ignoriert ihr “Nein!” und versucht ihr einzureden, dass sie es doch auch wolle. Aus der Karikatur wird auf einmal bitterer Ernst und das Lachen bleibt einem plötzlich im Halse stecken. Kramers destruktives und übergriffiges Verhalten wird besonders für Ela danach immer deutlicher. Sie fängt an sich Fragen zu stellen und das Dilemma zu analysieren, in dem sie sich befindet: Wie geht sie damit um? Ist sie in der Position, sich gegen ihn aufzulehnen? Welche Konsequenzen kann es für ihre Schauspielkarriere haben, sollte sie nicht ernst genommen werden? Und welche für ihre feministische Integrität, sollte sie weiter schweigen?

© Ladybitches Productions

Ladybitch – und hier kommt der aufklärerische Charakter des Films besonders zum Vorschein – macht Elas Gedankenprozess sehr transparent und formuliert in starken und gut geschriebenen Dialogszenen wichtige feministische Argumente und Probleme. Elas Empowerment, ihre feministische Epiphanie, ist nahbar, fürs Publikum nachvollziehbar und inspirierend. Dafür darf Paula Knüpling und Marina Prados nicht nur Lob, sondern auch ein Dank ausgesprochen werden. Für Menschen, die sich in gleichen oder ähnlichen Zwickmühlen befinden, ist dieser dramaturgische Ansatz hilfreich und motivierend. Doch für die beiden Regisseurinnen scheint der Film auch mehr als nur eine feministische Gabe zu sein. Ladybitch präsentiert sich auch als Ventil für ironisches Amüsement ebenso wie für berechtigte Wut. Das lässt sich deutlich spüren, ist mitreißend und tonal passend. 

Selbst Benny hat zum Ende des Films dazugelernt und sich von seiner undifferenzierten Bewunderung Kramers emanzipiert. Ladybitch wirkt. Und lässt als Langfilmdebüt der beiden Regisseurinnen nur hoffen, dass noch viele ebenso wirkungsvolle Inszenierungen nachkommen – egal ob auf der Bühne oder auf der Leinwand.

Ladybitch könnt ihr im Programm des Filmfestival Max Ophüls Preis sehen.

Autor

  • Sophie Brakemeier hat Medienwissenschaft studiert und sich währenddessen lange im kommunalen Kinobetrieb engagiert. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet sie redaktionell in der Medien- und Kulturbranche, schreibt über Film und an ihrem ersten Buch. Kino liebt sie seitdem sie im Alter von vier vor Aufregung den Saal bei Free Willy 2 leergeschrien hat. Die Emotionalität für Filme blieb ihr, den kritischen Blick hat sie allerdings geschärft.

Sophie Brakemeier