Die immerwährende Misere mit der Männlichkeit: Matthias & Maxime

Es ist nur ein Zufall, dass ich mich kurz bevor ich diesen Text anfing zu schreiben, durch das unsinnige Gezeter auf einem bedauerlicherweise einigermaßen populären, neurechten Onlineblog durchgemartert habe, in dem ein pseudonymer Autor erfolgreich alle Klischees verletzter Männlichkeit bedienen wollte und die “Feminisierung der gesellschaftlichen Mentalität” als Ursache für eine fehlgeleitete Entwicklung quasi aller Bereiche des öffentlichen Lebens auszumachen versuchte. Obwohl … Zufall? Männlichkeit ist ein heißes Thema zur Zeit und in unzählbaren Diskursen allgegenwärtig. Jaja, sie steckt immer noch in einer großen Krise und langsam wird es eng für das starke Geschlecht – einen Moment nicht aufgepasst und der Feminismus krempelt alles auf links und bevor sie sich versehen, ist Männlichkeit gesetzlich verboten. Dabei predigen wir Hobby- und Berufsfeminist:innen doch schon lange: Nicht Männlichkeit per se ist das Problem, sondern ihre hegemoniale Ausformung in unser aller Leben. 

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Film war natürlich stets ein Vehikel für den Weitertransport, aber auch oft genug für den Abtransport dieser Ausformung. Der profilierte frankokanadische Autorenfilmer und Schauspieler Xavier Dolan unternimmt in seinem neuen Film Matthias & Maxime einmal mehr den Versuch ein ambivalentes Männerbild zu zeichnen. Hier erzählt er die Geschichte der beiden titelgebenden Freunde, die sich bereits seit jüngster Kindheit kennen. Ihr innige Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt, nachdem sie sich für ein Kurzfilmprojekt küssen sollen und dabei Gefühle füreinander entdecken, die sie anscheinend vorher unterdrückt hatten. Nach I Killed My Mother und Sag nicht, wer du bist! ist es bereits der dritte Film Dolans, in dem die Homosexualität eines oder mehrerer Protagonisten der Auslöser und Mittelpunkt sozialer oder familiärer Konflikte ist. Seine schwulen oder bisexuellen Männerfiguren sind komplex, verletzlich, nahbar – und decken damit ein Spektrum von Männlichkeit ab, das ganz und gar nicht in die beschränkte Dichotomie von rationalen Männern und emotionalen Frauen passen will. 

© Cinemien

Dabei ist es nicht mal die gleichgeschlechtliche Zuneigung, die sich in Matthias & Maxime als Basis für eine ausgewogene Darstellung männlichen Seins hergibt, sondern vor allem das präzise Zusammenspiel diverser Emotionen und Konflikte, die sich aus diesem kurzem Moment der Intimität für die beiden Freunde ergeben. In einem überaus sensiblen Schauspiel transportieren die Hauptdarsteller Gabriel D’Almeida Freitas (Matthias) und Xavier Dolan (Maxime) selbst, Unsicherheit und Impulsivität, Ehrgeiz und Überforderung, Stärke und Verletzlichkeit. Diese emotionale Bandbreite ist das Fundament einer Geschichte, in der eigentlich gar nicht viel passiert und die dennoch aufwühlt. Die ungeklärten Gefühle platzen nämlich vollkommen unpassend in die eh schon anspruchsvollen Umbruchsphasen beider Leben rein. Matthias, fest mit beiden Beinen im Leben stehend, steht kurz vor einer Beförderung in seiner Anwaltskanzlei, während Maxime, der als Barkeeper arbeitet und sich gleichzeitig um seine alkoholkranke Mutter kümmern muss, sich darauf vorbereitet, nach Australien zu ziehen. Wo sich die äußeren Lebensumstände zu ändern drohen, kippen nun auch die inneren – und legen dabei eben diese gefühlvolle Mentalität frei, die das Arschloch des ersten Absatzes als Symptom der Männlichkeits-Krise ausmachen dürfte. 

Doch die Krise ist natürlich eine andere und schon wieder ist es ein frankokanadischer Film, der sich diesen Vorwurf gefallen lassen muss: “statt Bilder von Männlichkeit zu hinterfragen, zementiert [der Film] einen feministisch angestrichenen Androzentrismus, der in letzter Instanz kaum als Gegenentwurf zu ordinären Verhandlungen von Männlichkeit im Film gelten kann.”, schrieb ich schon über das Drama Souterrain von Sophie Dupuis und gleiches lässt sich auch in Matthias & Maxime beobachten. Jenseits Xavier Dolans liebevoll ausgearbeiteten Männerfiguren ist kein Platz mehr – nicht für Frauen, nicht für soziale Ungerechtigkeit, nicht für Lebensrealitäten außerhalb der weißen Vorstadt. Männlichkeit – sei sie noch so frei von traditionellen Grenzen angelegt – wird so wieder zum Hegemon in der erzählten Geschichte und in der Wahrnehmung der Zuschauenden. Und so sind Männer, die Gefühle zeigen, zwar eigentlich eine wünschenswerte Trope, um den Hass gegen “Feminisierung” entgegenzuwirken, aber auch sie können die geschlechterhierarchischen Dynamiken der Gesellschaft und der Kunst nicht durchbrechen. 

© Cinemien

Unmissverständlich: Xavier Dolan ist ein begnadeter Filmemacher und Matthias & Maxime zehrt wie die meisten seiner Filme von seinen persönlichen Erfahrungen und seinem eigenen Schmerz, den er vermag in ekstatische Geschichte umzuwandeln. Den Film an dieser Stelle als reines Symptom eben dieser hegemonial auftretenden Männlichkeit wahrzunehmen, tut ihm auch einiges an Unrecht, doch die Augen sollten vor den Entwicklungslinien dieser immerwährenden Krise so lange nicht verschlossen bleiben, bis wir endlich ein Männlichkeitskonzept verinnerlichen konnten, das eine geschlechtergerechte Gesellschaft vorantreibt und nicht leise und subtil an ihren Grundfesten nagt.

 

Kinostart: 29.07.2021

 

Autor

  • Sophie Brakemeier hat Medienwissenschaft studiert und sich währenddessen lange im kommunalen Kinobetrieb engagiert. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet sie redaktionell in der Medien- und Kulturbranche, schreibt über Film und an ihrem ersten Buch. Kino liebt sie seitdem sie im Alter von vier vor Aufregung den Saal bei Free Willy 2 leergeschrien hat. Die Emotionalität für Filme blieb ihr, den kritischen Blick hat sie allerdings geschärft.

Sophie Brakemeier