Roamers – Follow your Likes

Im Jahr 1964 hat der Philosoph und Medientheoretiker Marshall McLuhan mit “Understanding Media” ein Grundlagenwerk der Medienwissenschaft veröffentlicht, mit dem sich Studierende aller Coleur heute noch rumärgern müssen. “Das Medium ist die Botschaft”, “Erweiterungen des Selbst”, “heiße und kalte Medien” – Konzepte und Kokolores, die uns in unserem alltäglichen Mediengebrauch nicht weiterhelfen, aber eifrig in der Uni abgefragt werden, um dann letztendlich in den hintersten Verwölbungen den Großhirnrinde wieder zu versauern. Im Zusammenhang mit dieser großspurigen Medientheorie hat McLuhan allerdings auch eine interessante These über die Zukunft (jetzt) der Medien aufgestellt. Er beschwört ein Zeitalter der Automation herauf, in dem die Menschen “plötzlich zu nomadischen Informationssammlern” werden, “informiert wie noch nie” und “jede menschliche Erfahrung sinnvoll einordnen können[d]”. Moment! Kommt ja bekannt vor. Leben wir nicht genau so zur Zeit? Mit den digitalen Medien, den weltumspannenden Informationsnetzwerken, mit sozialem Leben im Internet, Homeoffice und vor Allem mit einem: Reiseinfluencer_innen!?

Am ehesten ließe sich McLuhans Zukunftsvision, die sich sowohl dystopisch als auch utopisch interpretieren lässt, wohl an der Existenz sogenannter Digital Nomads festmachen. Von ihnen handelt auch Lena Leonhardts Dokumentarfilm Roamers – Follow Your Likes. Die deutsche Dokumentarfilmerin porträtiert hier verschiedene Menschen, die ihr geregeltes und örtlich gebundenes Leben aufgegeben haben, um ein Leben zu führen, das einerseits auf einer immerwährend andauernden Weltreise und andererseits auf ihren digitalen Plattformen stattfindet. So begleitet sie eine ehemalige Managerin, die auf einem kleinen Boot um die Welt segelt und währenddessen Content für ihre Follower:innen produziert oder einen israelischen Influencer, der um die Welt reist und sich dabei vorgenommen hat, jeden Tag ein Video zu produzieren. Oder ein argentinisches Pärchen, das ihre gut bezahlten IT-Jobs aufgegeben hat, um fortan Pornos On Demand zu drehen (über eben die hat Lena Leonhardt auch den Kurzfilm Fuck Corona gedreht, der bereits vor Roamers veröffentlicht wurde).

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©2021 – Camino Filmverleih

Auf den ersten Blick handelt es sich bei den porträtierten Lebensentwürfen um spannende Alternativen zu den allseits gehassten 8-Stunden-Tagen des westlichen Kapitalismus-Alltags. Die digitalen Nomad:innen werden als Freigeister stilisiert, die normative Grenzen der Vita sprengen und ihre Erfahrungen in ihrer unendlichen Großzügigkeit mit ihrer Millionenschweren Follower:innenschaft teilen. Ihre Begründungen, sich für dieses Leben entschieden zu haben beinhalten Schlagworte wie “Freiheit”, “Träume” und “Offenbarung”, ihren Sinn im Leben finden sie zwischen Erfahrungssuche und digitaler Präsenz – und in ihren Ausführungen schwingt deutlich eine intendierte Kritik an neoliberalen Lohnarbeits- und Kapitalismusstrukturen mit. Lena Leonhardt trägt diese Inszenierung bereitwillig mit. Mit der passenden Bildgestaltung und die Stimmung unterstützender Musik gibt sie den Protagonist:innen eine affirmative Bühne für ihre Lebensphilosophien. Und doch scheut sie sich auch nicht davor, Widersprüche aufzudecken. Momente des Zweifelns und der Überforderung bestimmen die Peripetie des Films. Momente, in denen die Protagonist:innen drohen an ihren eigenen Ansprüchen zu scheitern und die Schattenseiten der Freiheit offengelegt werden sollen.

Doch die wahren Widersprüche liegen woanders und vor denen verschließt Roamers die Augen. Im Laufe des Films wird stets manifester, dass die Abgrenzung der Protagonist:innen zu den Abhängigkeitsverhältnissen die der neoliberalen Ordnung inhärent sind, eigentlich nur Fassade sind. Sie selbst haben dieses Denken in ihren “vorherigen Leben” verinnerlicht und scheitern daran, es abzulegen. Sie sprechen eines Sprache des Business, sie reden von harter Arbeit, von Erfolg, Effizienz und Produktivität auf ihren Reisen. Sie wollen eine Mission erfüllen und nicht ihr Leben verschwenden, sie wollen “die Liga der Nichtstuer hinter sich lassen”. Ob sie dabei merken, dass sie das kapitalistisch geprägte Leben nicht verlassen haben, sondern in der Tasche mit sich tragen und zusammen mit ihren Erfahrungen an ihre Follower:innen weitergeben? Eher nicht. Ob sie merken, dass sie sich selbst und andere belügen, wenn sie behaupten, jeder könnte ein Leben wie sie führen und dabei ihre eklatanten Privilegien ausblenden? Sie meinen das richtige Leben im falschen für sich gefunden zu haben und predigen ihr Freiheitsdiktum so lange und so oft, bis ihnen gar nichts mehr übrig bleibt, als selbst daran zu glauben. Das ist so herrlich offensichtlich und bleibt im Film leider gleichzeitig so offensichtlich unhinterfragt, sodass sich die Metapher des lachenden und weinenden Auges geradezu aufdrängt. 

Sind sie das also? Die Propheten des neuen Zeitalters, welches McLuhan prophezeite? Natürlich nicht. Die digitalen Nomad:innen in Lena Leonhardts Roamers sind nichts anderes als neoliberale und kapitalistische Symptome im neuen Gewand. Sie zementieren die Allgegenwärtigkeit von Leistungsgedanken und Wertschöpfungsdrang, die sich wahrlich nicht mit dem Anspruch an ein freies, ungebundenes Leben vereinbaren lassen. Roamers schafft es leider nicht ansatzweise diesen Widerspruch zu entschleiern. Stattdessen verschafft er seinen Protagonist:innen ein nahbares und fast schon intimes Imagevideo und wird somit selbst zum Teil des Problems.

Kinostart: 22.07.2021

 

Autor

  • Sophie Brakemeier hat Medienwissenschaft studiert und sich währenddessen lange im kommunalen Kinobetrieb engagiert. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet sie redaktionell in der Medien- und Kulturbranche, schreibt über Film und an ihrem ersten Buch. Kino liebt sie seitdem sie im Alter von vier vor Aufregung den Saal bei Free Willy 2 leergeschrien hat. Die Emotionalität für Filme blieb ihr, den kritischen Blick hat sie allerdings geschärft.

Sophie Brakemeier
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