Daphne Charizani im Interview zu IM FEUER

Rojda (Almila Bağrıaçık) ist Bundeswehrsoldatin und gebürtige Kurdin. Während ihre Eltern mit der Schwester Dilan (Gonca de Haas) zurück in den Irak gingen, wuchs Rojda in Deutschland auf und schuf eine Distanz zwischen sich und dem anhaltenden Konflikt im Heimatland ihrer Eltern. Im Feuer erzählt, wie sie nach dem Angriff von Daesh (die sich selbst als “Islamischer Staat” bezeichnen) auf Şengal dorthin zurückkehrt, um die Ausbildung der Peschmerga zu unterstützen und ihre Schwester zu finden.

Filmlöwin Lea Gronenberg sah Im Feuer beim Kurdischen Filmfestival. Zum Kinostart des Dramas traf sie nun die Regisseurin Daphne Charizani zum Interview.

Wie bist du auf die Idee zu Im Feuer gekommen?

Daphne Charizani: Ich habe damals als dieser Konflikt ausbrach eine Studie von Amnesty International gelesen. Parallel dazu habe ich auch bei der Bundeswehr für ein anderes Thema recherchiert. Dort habe ich Soldaten und Soldatinnen getroffen, die aus Afghanistan oder dem Irak kamen. Da ist mir zum ersten Mal in den Sinn gekommen, dass diese jungen Leute quasi mit der Uniform der neuen Heimat Deutschland in die alte Heimat ihrer Eltern zurückgehen. Ich fand das für unsere Zeit und für die Immigration ein gutes Sinnbild. Dann bin ich auch in den Irak gefahren und habe dort recherchiert.

© Pallas Film

Im Feuer ist ein sehr emotionaler Film. Wie ist es dir gelungen einen Zugang zum Kampf der Êzîdî zu finden?

Ich habe einen persönlichen Bezug. Mein Großvater hat gegen die Deutschen gekämpft im Zweiten Weltkrieg und ich verstehe daher, was es heißt, wenn man für sein Volk in den Widerstand geht. Hier bei mir sind es eher Frauen, die in den Widerstand gehen. Auch sie verteidigen ihr eigenes Volk und darüber hinaus verteidigen sie ihre Identität, ihr Dasein als Frauen. Da geht es um Leben und Tod. Ich dachte, das ist eine Geschichte, die es wert ist zu erzählen.

Der Film handelt beinahe ausschließlich von Frauen.

Am Anfang war das gar nicht so, dass ich nur über Frauen schreiben wollte, aber ich habe bei meiner Recherche gemerkt, dass die Frauen viel mehr von dem Konflikt betroffen sind. Ihre Existenz wird nicht nur als Volk angegriffen, sondern sie werden auch als Frauen angegriffen.

Ist es entscheidend, dass du diese Geschichte als Frau erzählst?

Jeder geht eine Geschichte mit dem an, womit er ausgerüstet ist. Ich würde mir nicht anmaßen zu sagen, ein männlicher Kollege kann das nicht nachvollziehen. Das wäre auch schade, denn es geht ja um Empathie zwischen Menschen. Aber wenn man mitbekommt, dass Frauen versklavt und vergewaltigt werden, fühlt man sich auf eine andere Weise betroffen. Es werden noch 2,5-3 Tausend Frauen vermisst. In dem Zusammenhang finde ich auch interessant, dass in Düsseldorf ein deutsches Gericht erstmals eine Frau verurteilt hat, die beim IS war und andere Frauen versklavt hat.

Ich habe Im Feuer im Rahmen des Kurdischen Filmfests gesehen. Würdest du selbst sagen, dass es ein kurdischer Film ist?

Er behandelt auf jeden Fall eine kurdische Thematik. Er befasst sich damit aber mit dem Blick einer Deutsch-Kurdin. Dieses Mädchen ist als Flüchtling hierhergekommen, ist hier aufgewachsen, hat weitgehend auch die Werte hier übernommen und geht als Deutsche in diesen Konflikt. Ich würde nicht sagen, dass der Film eine interne kurdische Sicht zeigt. Aber er zeigt natürlich einen Blick auf diesen Konflikt von jemandem, der über die Herkunft einen bestimmten Blick hat. Dennoch muss Rojda ähnlich wie ich am Anfang erstmal recherchieren, um den Konflikt und die Gesamtsituation zu verstehen. Sie ist in der Bundeswehr und jetzt geht sie da runter und ist konfrontiert mit ihrer Herkunft und auch einer Armee, die anders funktioniert als das, was sie gelernt hat.

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Ist Im Feuer dann eher ein Film über das Leben in der Diaspora?

Rojda ist Deutsche. Sie lebt in Deutschland und kämpft sogar für dieses Land. Nur ihre Geschichte ist eben (noch) fremd. So wie viele andere Geschichten der Migranten in Deutschland – hoffentlich werden sie nach und nach zum Teil der deutschen Geschichte. Die familiäre Situation dieser jungen Frau, ihrer Schwester und ihrer Mutter kann jeder empathische Mensch nachvollziehen, hoffe ich. Natürlich werden ihre Gefühle wie unter einem Brennglas angeschaut, weil es durch die Kriegssituation sehr existentiell wird.

Viele der Schauspielerinnen sind Kurdinnen. War dir das wichtig für die Repräsentation?

Zübeyde Bulut, die die zweite Hauptrolle Berivan spielt, ist selbst Jesidin. Mir war das ganz wichtig, weil ich nicht zwei Jahre vorbereiten konnte, dass jemand diese Rolle übernimmt und die Dimension dieser Rolle versteht. Es sind manchmal die subtilen Dinge, die unter dem liegen, was man sagt. Das ist bei ihr sehr präsent gewesen. Sie hat eigentlich eine sehr ähnliche Geschichte wie die Hauptfigur und man hat das im gesamten Dreh gemerkt, wie unterstützend, wie engagiert sie war. Sie war sehr gut vorbereitet und reflektiert. Es ging dabei für sie auch um sehr viel und fand toll, wie sie das nachempfunden hat.

Du hast auch Laienschauspielerinnen eingesetzt, die Kurdinnen sind.

Ich wollte nicht einfach irgendwelche Komparsen haben, weil mir wichtig ist, dass die Geschichte die Geschichte dieser Menschen ist. Sie sollen nicht nur in der Theorie oder als eine Hülse dargestellt werden. Die Laiendarstellerinnen haben wir in griechischen Flüchtlingslagern gefunden. Das war für die Produktion auch nicht einfach, weil die zum Teil keine Arbeitserlaubnis hatten. Das war schon sehr kompliziert. Unter diesen Laienschauspielerinnen sind auch drei Kämpferinnen. Die haben auch ihre Geschichten mitgebracht. Wir haben zum Beispiel in einem Massengrab gedreht und dann hat eine junge Frau erzählt, dass ihre Mutter die Überreste ihrer Cousine zusammengesammelt hat. Da merkt man dann wiederum, wie nah der Film an der Realität ist.

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Du behandelst mit Im Feuer ein aktuelles politisches Thema. War es dein Anspruch einen politischen Film zu machen?

Das sind die Geschichten der Menschen, die zu uns kommen und wir müssen diese Menschen kennenlernen. Jeder bringt eine Geschichte mit. Sie müssen unsere Geschichte lernen und wir ihre, das ist ein Miteinander. Nur so können wir zusammenleben. Aber ich wollte keinen politischen Film machen in dem Sinne, dass ich eine Message transportieren will. Godard hat einmal, sinngemäß gesagt: Macht keine politischen Filme, sondern Filme politischer. In dem Sinne ist mein Film über eine junge Deutsch-Kurdin auch politisch, weil unser Leben und Schicksal eben auch immer von politischen und ökonomischen Ereignissen mitbestimmt werden.

Du hast auch Politikwissenschaft studiert.

Es sind für mich immer diese beiden Pole: Einerseits die Regie, das Künstlerische und andererseits hat mich das Politische mein Leben lang begleitet. Das hat sicher auch mit der griechischen Geschichte, auch mit der jüngeren, zu tun und ich wollte immer so eine Verbindung. Früher war mir das nicht so bewusste, aber es hat mich immer begleitet. Mich interessieren solche Themen.

Im Feuer startet am 15. Juli in den Kinos.

Autor

  • Lea Gronenberg ist Politikwissenschaftlerin und Nerd. Filme und Serien sind für sie ein Ort der Zuflucht und zugleich ein Ort für Gesellschaftsanalyse und -kritik.

Lea Gronenberg
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