Maleficent – Ein Emanzen-Porno

Bezüglich eines Disney-Films von Porno zu sprechen, ist ein recht mutiges Unternehmen. Deshalb möchte ich zu allererst – bevor Jugendschützer_innen und selbsternannte Moralapostel mir virtuell den Hals umdrehen – kurz meinen Pornobegriff umreißen, denn selbstverständlich sind in Maleficent – Die dunkle Fee keine freizügigen Kopulationen zu sehen. Der Begriff der Pornographie hängt – und dies ist meine persönliche und keine allgemeingültige Definition – untrennbar mit dem des Voyeurismus zusammen. Pornographie ist überdeutlich. Sie kann per Definition niemals subtil sein und befriedigt in erster Linie unsere Schaulust. Pornographie ist in ihrer Übertreibung nicht im Ansatz so realistisch wie sie zu sein vorgibt. Vielmehr ist sie eine geradezu formelhafte Aufstellung, die sich der immer gleichen Motive und Narrative bedient. Pornographie will uns in der Regel nichts erzählen, uns nicht zum Nachdenken anregen. Sie will uns befriedigen.

Wenn ich also sage, Maleficent – Die dunkle Fee sei ein Emanzen-Porno, dann meine ich damit, dass der Film Emanzen mit Hilfe pornographischer Mittel befriedigen möchte. Wobei der Begriff ‘Emanze’ in diesem Kontext selbstredend ein Kunstwort ist, das heutzutage vornehmlich in einem sexistischen Kontext gegen feministisch argumentierende Menschen verwendet wird.

Aber zurück zum Film und einer kleinen Warnung: Dies ist keine Kritik des Films Maleficent – Die dunkle Fee, zumindest nicht im Sinne einer Konsumempfehlung („Wenn Sie Snow White and the Huntsman mochten, wird Ihnen auch Maleficent – Die dunkle Fee gefallen“). Dies ist eine feministisch motivierte Betrachtung einzelner Motive und Narrative, die den gesamten Film in den Blick nimmt und insofern zwangsläufig SPOILER enthält.

© Disney

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Natur gegen Kultur

Maleficent – Die dunkle Fee beginnt mit zwei friedlich nebeneinanderliegenden Lebenswelten. Die eine ist das Land der Menschen, die andere das Land der Zauberwesen. Und schon hier beginnt im Grunde der Emanzen-Porno: Die englische Übersetzung des Wortes Menschheit lautet „mankind“, was wir wiederum als „männliche Gattung“ lesen können. Dementsprechend wird vom Menschen an sich als „man“, also als Mann, gesprochen. Wenn Maleficent – Die dunkle Fee die Welt also in eine „Menschenwelt“ und eine „Zauberwelt“ aufteilt, trennt der Film zugleich auch eine männliche und eine weibliche Sphäre. Die Zauberwelt ist der Natur verhaftet. Sie braucht keine HERRschaftssysteme, keine Gesetze, sondern basiert auf dem Prinzip der Symbiose und Solidarität – Eigenschaften, die in einem binären Geschlechtersystem dem weiblichen Pol zugeordnet werden. Die Welt der Menschen, also der Männer, ist von Gier und Macht gekennzeichnet. Hier HERRscht ein König über seine Untertanen und das Zusammenleben wird durch Regeln und kulturelle Codes bestimmt. Ist die Welt der Frauen die Natur, so können wir die Welt der Männer als Kultur bezeichnen.

Die lebensfrohe Fee Maleficent wächst in der Zauberwelt auf. Sie ist neugierig und voller Liebe für all die Geschöpfe ihrer Welt. Doch es ist ausgerechnet ein Wesen aus der Menschenwelt, an das sie schließlich ihr Herz verliert: Stefan, ein Bauernjunge mit großen Ambitionen. Aus der kindlich-naiven Liebe wird eine Romanze über die Grenze der beiden Welten hinweg. Doch selbstredend kann dies nicht lange gut gehen, denn der Mensch (= der Mann) ist böse. Um sich als Thronfolger zu qualifizieren, schneidet Stefan Maleficent im Schlaf ihre Flügel ab.

Der Mann hat die Frau hier nicht nur mit KO-Tropfen ausgeschaltet und sie dann misshandelt (eine mehr als deutliche Anspielung auf Vergewaltigungsszenerien unserer Tage), er hat ihr auch die Freiheit genommen. Zuvor konnte Maleficent mit ihren Flügeln durch die Lüfte segeln, über die Wolken fliegen und lange Distanzen überwinden. Nun schleppt sie sich mit Hilfe eines Krückstocks zu Fuß durch die Welt. Um sich zu ermächtigen, hat der Mann die Frau in der selbstbestimmten Gestaltung ihres Lebens begrenzt. Stefan besteigt den Thron, während Maleficent aus der Verletzung ihrer körperlichen Integrität, Würde und Freiheit heraus zur „bösen Hexe“ wird.

© Disney

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Die Frau ist der bessere Mann

Wer schon einmal die Serie Once Upon A Time gesehen hat, der wird sich über die nun folgenden Ereignisse weit weniger wundern als Zuschauer_innen ohne ‘Vorbildung’. Die von ABC produzierte Serie zeichnet sich durch ihre komplexe Zeichnung traditionell eindimensionaler Märchenfiguren aus. Doch gibt es einen eklatanten Unterschied zwischen Serie und Film: Wo Once Upon A Time fair vorgeht, schiebt Maleficent – Die dunkle Fee den schwarzen Peter einfach jemand anderem zu: dem Mann.

Die böse Hexe (Angelina Jolie) verflucht die Königstochter Aurora, dass sie am Tage ihres 16. Geburtstags durch eine Spindel in einen ewigen Schlaf fallen werde, aus dem sie nur „true love’s kiss“ – der Kuss der wahren Liebe – erwecken könne. Doch sie handelt aus ihrer eigenen emotionalen Not heraus. Sie besitzt eine Geschichte, eine Motivation. Sie ist nicht einfach nur grundlos böse (oder ‘hysterisch’, einer meiner Lieblingsbegriffe, um weibliches Verhalten unreflektiert zu verurteilen). Stefan hingegen, inzwischen herangewachsen und von Sharlto Copley verkörpert, ist als König noch machtgeiler als zuvor. Warum? Weil er ein Mann ist. Mehr Erklärung braucht es hier nicht.

Die kleine Aurora jedenfalls wächst Maleficent mit ihrer liebevollen Art zunehmend ans Herz, weshalb die Hexe schließlich ihren bösen Zauber aufheben möchte. Doch sie kann es nicht und Aurora (Elle Fanning) fällt wie befohlen in einen tiefen Schlaf. Zum Glück ist ein Königssohn zur Stelle und auch Maleficent scheint zu wissen, dass diese Gattung Mensch für „true love’s kiss“ prädestiniert ist. Wir jedoch wissen es besser, ist doch der schmalzgelockte Prinz nicht mehr als seine eigene bedauernswerte Karikatur. Dass ihm der Kuss der wahren Liebe nicht gelingt, er quasi ‘im Bett versagt’, ist mehr als vorauszusehen. So funktioniert es im Jahr 2014 nicht mehr mit Mann und Frau. Es braucht mehr als einen Penis, um eine Frau für sich zu gewinnen. Der Prinz im Übrigen ist sich seiner Unzulänglichkeit bewusst und bemängelt, er würde das schöne Mädchen schließlich gar nicht kennen, was ihm aller Lächerlichkeit zum Trotz wenigstens noch ein paar Sympathiepunkte einbringt.

© Disney

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Nach Die Eiskönigin – Völlig unverfroren inszeniert Disney den Kuss der wahren Liebe zum wiederholten Male zwischen zwei Frauen. Es ist Maleficent selbst, die mit aufrichtiger Liebe den Fluch zu brechen vermag. Freilich ist dies kein homoerotischer, sondern ein mütterlicher Kuss. Es geht hier also nicht um die Befürwortung gleichgeschlechtlicher Liebe, sondern um die Betonung weiblicher Solidarität, die der romantischen Liebe letztlich überlegen ist.

Das Happy End ist dementsprechend nicht die Hochzeit zwischen Aurora und Prinz Philipp, sondern die Ernennung Dornröschens zur Königin beider Welten. Im Gegensatz zu ihrem männlichen Vorgänger ist sie in der Lage, sowohl das Menschen- als auch das Zauberreich in Frieden zu führen. Das weibliche Prinzip der Natur und Solidarität hat das Männliche der Kultur und Macht besiegt. Nichtsdestotrotz setzt sich mit der Krönung das männliche Prinzip der Herrschaft durch – ein Widerspruch, den der Film jedoch großzügig ignoriert.

maleficent

© Disney

Das Potential des Emanzen-Pornos

Warum aber ist Maleficent – Die dunkle Fee ein Emanzen-Porno?

Der emanzipatorische Gehalt dieser Geschichte ist überdeutlich und wird mit dem Holzhammer verabreicht. Alles wird  derart übertrieben – von Maleficents Schmerzensschrei nach der Flügelamputation bis hin zur exzessiven Harmonie des Happy Ends – dass statt Nähe nur Distanz entsteht. Die Unterteilung von weiblichem und männlichem Prinzip ist plakativ und eindimensional, gesteht der Frau einen komplexen Charakter zu, belässt den Mann aber als platten Bösewicht, dessen Tod wir nur feiern können. Das ist  ‘Emanzentum’ in Reinform, eben jenes Klischee der Kampfeswut und Männerfeindlichkeit, das auch gerne als Schimpfwort verwendet wird.

Maleficent – Die dunkle Fee ist also ein Porno für Emanzen, für jene, die sich an diesen Motiven und Narrativen weiden können, die Frauenpower zelebrieren als wäre sie eine unbesiegbare Zauberkraft, die die Welt der Männer auf kurz oder lang vernichten wird.

Nicht dass hier jemand denkt, ich würde das verurteilen! Mitnichten! Die nicht selten ebenso platt inszenierte Potenz der Männer feiern wir im Kino viel zu oft (im Übrigen auch in nahezu jedem Märchen!), insofern darf es gerne mehr Emanzen-Pornos geben.

Nur eine Sache will ich bei all dem nicht verschweigen: Ein Emanzen-Porno ist nicht automatisch auch ein guter Kinofilm!

Kinostart: 29. Mai 2014

Pressespiegel bei film-zeit.de

Sophie Charlotte Rieger

Sophie (Charlotte Rieger) ist die Gründerin von FILMLÖWIN und arbeitet als freie Autorin und Speakerin zu den Themen Film und Feminismus.
Sophie Charlotte Rieger

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