Kurdisches Filmfestival 2019: Interview mit Kuratorin Lea Drescher

Das Kurdische Filmfestival Berlin ist das größte Event zum kurdischen Film in Europa und findet bereits zum 9. Mal statt. Vom 1. bis 7. August 2019 laufen im Rahmen des Festivals über 40 Kurz-, Spiel- und Dokumentarfilme, das Rahmenprogramm umfasst zwei Podiumsdiskussionen, eine Lesung, eine Foto- und Soundinstallation und eine Party. Verantwortlich für das vielfältige Programm ist Lea Drescher.

Besonders ist dieses Jahr der Festivalschwerpunkt „Weibliche Perspektiven“, der die unterschiedlichsten Lebenssituationen kurdischer Frauen* in den Mittelpunkt stellt und einige Filme europäischer, wie kurdischer Regisseurinnen hervorhebt.

Ganz in der Nähe des kreuzberger Büros von mîtosfilm, die das Festival unter Leitung von Mehmet Aktaş seit 2002 veranstalten, traf Filmlöwin Lea Gronenberg Programmkuratorin Lea Drescher auf einen Tee.

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Filmlöwin Lea: Was macht den kurdischen Film aus?

Lea Drescher: Es ist immer schwierig zu definieren, was zum kurdischen Film gehört, da es ja keinen kurdischen Staat gibt. Wir entscheiden uns dafür, Filme von Kurdinnen und Kurden aus den unterschiedlichen Herkunftsländern und der Diaspora und auch von europäischen Filmschaffenden über Kurdinnen und Kurden zu zeigen, um da auch einen Dialog und verschiedene Blickwinkel zu ermöglichen.

Welche Themen sind spezifisch für den kurdischen Film?

Es gibt Themen über die kurdische Geschichte und Hintergründe, die immer wieder aufgegriffen und verschieden bearbeitet werden. Dazu gehören Vertreibung, Flucht, die Suche nach der eigenen Identität oder die Auseinandersetzung damit – vor allem auch in der Diaspora. Viele Filme drehen sich jetzt auch um den Krieg mit ISIS. Diese Themen werden immer wieder aufgegriffen, aber eben aus unterschiedlichen Blickwinkeln behandelt.

Wir zeigen widerständige Frauen

Dieses Jahr legt ihr einen Schwerpunkt auf weibliche Perspektiven.

Auch da ist wieder die Frage, was bedeutet ein Frauenfokus, was gehört alles dazu. Es ist im kurdischen Film, wie überall im Filmschaffen so, dass weibliche Regisseurinnen unterrepräsentiert sind. Wir haben einige Filme von Kurdinnen und Europäerinnen, die wir besonders hervorheben. Ansonsten geht es darum, in den Filmen kurdische Frauen in verschiedenen Lebenssituationen zu zeigen und dabei auch mit Klischees zu brechen.

Was sind das für Klischees?

Kurdische Frauen wurden im Film lange in passiven Opferrollen gezeigt und viele der Filme bei unserem Festival zeigen widerständige Frauen in aktiven Rollen, die sich gegen ganz verschiedene Formen von Unterdrückung zur Wehr setzen. Nicht nur direkt im Krieg sondern auch im Widerstand gegen patriarchale Strukturen oder in der Verarbeitung von Vertreibung und Flucht.

Welche Filme habt ihr für den Schwerpunkt „Weibliche Perspektiven“ ausgesucht?

Den Eröffnungsfilm Girls of the Sun natürlich. Ein Film der französischen Regisseurin Eva Husson, der den Widerstand von kurdischen Frauen gegen den IS thematisiert. Zu dem Thema gibt es auch noch den Dokumentarfilm Commander Arian, ebenfalls von einer europäischen Regisseurin. Die Spanierin Alba Sotorra hat dabei eine weibliche Kommandeurin bei ihrem Einsatz begleitet. Ein weiterer Dokumentarfilm aus dem Schwerpunkt ist On her Shoulders über eine genozidüberlebende Ezidin, Nadia Murad. Es geht im Film weniger um die Grausamkeiten, die sie durch den IS erlitten hat, sondern auch was sie auf ihren Schultern trägt, indem sie in der Öffentlichkeit für ein ganzes Volk spricht. Wir haben außerdem Kurzfilme der kurdischen Regisseurin Leyla Toprak: Distant und The Red Handkerchief.

Eines eurer Panels greift die Frage nach der Darstellung kurdischer Kämpferinnen auf.

Ich finde die Diskussion wichtig, wie die Frauen und von wem die Frauen im Film repräsentiert werden. Auch die Frage zwischen Heldentum und einem Schicksal, dem man ausgeliefert ist. Inwiefern kann man als Heldin bezeichnet werden, wenn man einfach kämpfen muss, um das eigene Leben zu verteidigen. Viele Bilder von kurdischen Kämpferinnen, die man hier sieht, sind teilweise zu glorifizierend. Ich finde es schon wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass es nicht um tolle Werbeplakate, sondern um Realitäten geht, in denen Frauen im Krieg gezwungen sind zur Waffe zu greifen.

Dies neue Darstellung von Frauen* ist also durchaus zwiespältig?

Leider sind gerade durch den Kampf gegen den IS kurdische Frauen in westlichen Medien sichtbarer geworden. Zugleich gibt es immer noch ganz viele Diskussionen darum, wie auch in den eigenen Reihen Frauen unterdrückt werden. Nicht nur gegen den IS oder in der kurdischen Gesellschaft, sondern auch hier und überall, spielt der Kampf um Gleichberechtigung eine wichtige Rolle.

Kurdische Filmemacher_innen begegnen ihren Traumata teils sehr persönlich

Die Themen des kurdischen Films, die du bereits angesprochen hast, sind oftmals mit Traumata verbunden. Wie gehen die Filmemacher_innen damit um?

Das ist sehr unterschiedlich, ob es sich um Filme von Kurdinnen und Kurden oder europäischen Filmschaffenden handelt. Europäische Filmschaffende lassen sich auf Geschichten ein und arbeiten mit Geschichten, die sie nicht selbst erlebt haben. Bei kurdischen Filmschaffenden ist der Umgang auch sehr unterschiedlich. Entweder sehr persönlich und sehr nah und sehr direkt, wie zum Beispiel bei Diyalog, wo der Regisseur Selim Yildiz tatsächlich seine eigene Mutter auf der Suche nach seinem Bruder begleitet. Es gibt aber auch abstraktere Formen, wie zum Beispiel bei Distant, wo Kunst und Tanz und Realität verschmelzen.

Ich glaube generell beim Umgang mit Krieg und Trauma im Film ist es ein Prozess, wie sich die filmische Bearbeitung vermittelt. Weil eben vieles so direkt und so nah ist, werden sich abstraktere Formen im Laufe der Jahre auch noch entwickeln, während jetzt vieles dokumentarisch und direkter gezeigt wird. Es ist generell so im Filmschaffen, dass sich unterschiedliche Genres auch erst mit dem Abstand zu tatsächlichen Ereignissen entwickeln.

Flucht und Identität, sind eigentlich universelle Themen

Der Krieg gegen den IS, die kurdische Diaspora das sind sehr aktuelle und brisante Themen. Wie politisch ist das Filmfestival?

Es ist zwar ein kurdisches Filmfestival, das gezielt die Geschichten von Kurdinnen und Kurden erzählt, aber Themen, die ich bereits angesprochen habe, wie Krieg, Flucht und Identität, sind eigentlich universelle Themen. Die Filme im Programm und die Diskussionen sind auch politisch und das lässt sich und möchten wir auch gar nicht vermeiden. Unser Anspruch ist es, nahe Eindrücke in die Lebensrealität von Menschen zu vermitteln und neben den Nachrichtenbildern, die man sonst bekommt, persönliche Einblicke und auch einen Austausch zu ermöglichen. Das ist allein deshalb politisch, weil die Menschen innerhalb der Politik leben und sich mit ihr auseinandersetzen müssen.

Viele Filmemacher_innen und Schauspieler_innen äußern großen Respekt, aber auch großes Verantwortungsbewusstsein bei der Repräsentation kurdischer Geschichten. Die Frage nach einem unabhängigen Kurdistan, die Auseinandersetzung mit dem IS, aber auch mit der Türkei sind ja nachwievor aktuell und durchaus brisant. Wie siehst du das als Programmkuratorin?

Ich sehe darin auf jeden Fall eine große Verantwortung, sehe mich aber nicht als Repräsentantin von Kurd_innen selbst. Ich trage dazu bei, dass die Filme hier gezeigt werden können und dass die Menschen hierher kommen können und dass das Ganze einen Rahmen hat. Die Menschen, um die es geht, und die Filme sprechen aber für sich selbst. Da ist es vor allem wichtig, dass das Publikum die Möglichkeit zum Austausch bekommt und auch Diskussionen entstehen.

Lea Gronenberg

Lea Gronenberg ist Politikwissenschaftlerin und Nerd. Filme und Serien sind für sie ein Ort der Zuflucht und zugleich ein Ort für Gesellschaftsanalyse und -kritik.
Lea Gronenberg

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