Kurdisches Filmfestival 2020: Im Feuer

Im Feuer erzählt von Rojda (Almila Bağrıaçık), die Bundeswehrsoldatin und gebürtige Kurdin ist. Sie wuchs in Deutschland auf, während ihre Eltern mit der Schwester Dilan zurück in den Irak gingen. Um Dilan (Gonca de Haas) wiederzufinden, die sich mutmaßlich den kurdischen Selbstverteidigungseinheiten angeschlossen hat, meldet sich Rojda für einen Auslandseinsatz zur Ausbildung von Kämpfer:innen im Irak. Das Drama von Daphne Charizani feierte auf der Berlinale 2020 Premiere in der Sektion Perspektive Deutsches Kino. Der Opener des 10. Kurdischen Filmfestivals schafft eine Verbindung zwischen Deutschland und Kurdistan.

© Pallas Film

Bereits im vergangenen Jahr eröffnete mit Girls of the Sun ein Spielfilm das Kurdische Filmfest in Berlin, der die Absicht hat den Kampf der Êzîdî gegen Daesh (die sich selbst als “Islamischer Staat” bezeichnen) einem europäischen Publikum zugänglich zu machen. Vermittelnd zwischen den kurdischen Kämpfer:innen im Film und dem nicht-kurdischen Publikum wirkt dort eine französische Journalistin. Rojda, die Hauptfigur von Im Feuer, ist zwar keine außenstehende Berichterstatterin, doch hat sie eine Distanz zwischen sich und dem anhaltenden Konflikt im Irak geschaffen. Sie ist nicht Teil der kurdischen Community in Deutschland, schaut keine kurdischen Nachrichten. Unter ihren Kolleg:innen bleibt sie trotzdem “die Kurdin”.

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Im Feuer ist ein Film über Flucht, das Leben in der Diaspora, kulturelle Identität und Zugehörigkeit. Diese für den kurdischen Film typischen Themen betrachtet Daphne Charizani durchgehend aus Rojdas Perspektive. In der Eingangsszene bleibt die Kamera zunächst in begleitender Fahrt dicht bei ihr, dann erst zeigt eine Totale den Ausgangsort des Films, ein griechisches Flüchtlingslager. Symbolisch zeigt dieser Ort einen Übergang, ein Aufeinandertreffen von Rojdas Herkunft und ihrem Leben in der Europäischen Union. Hier nimmt sie ihre Mutter (Maryam Boubani) in Empfang, die nun doch aus der Krisenregion nach Deutschland flieht.  Wie viele Êzîdî hofft sie darauf, eines Tages in ein unabhängiges Kurdistan zurückkehren zu können. Sie ist sichtlich enttäuscht darüber, dass Rojda, die keine kurdischen Nachrichten schaut und kaum noch Kurdisch spricht, diese Hoffnung scheinbar aufgegeben hat. Die Auseinandersetzung mit ihrer Mutter bewegt Rojda schließlich zu einer stärkeren Auseinandersetzung mit der Situation in ihrer Herkunftsregion Şengal.

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Şengal liegt im Irak, etwa 4.000 Kilometer entfernt von Deutschland. Am 3. August 2014 überfiel Daesh die Region und verübte einen Genozid an den dort lebenden Êzîdî. Êzîdîsche Kämpfer:innen eroberten das Gebiet zurück, seit 2015 unterstützen internationale Einheiten die Ausbildung der Peschmerga vor Ort. Im Feuer zeigt exemplarisch verschiedene Beweggründe, sich in einen bewaffneten Kampf vor Ort einzubringen. Dilan kämpft vor Ort für die Befreiung und Rojda wünscht sich vor allem Sicherheit für ihre Familie.

Charizani setzt die persönliche Involviertheit Rojdas in Kontrast zu den männlich dominierten, soldatischen Strukturen der deutschen Bundeswehr. Rojda gehört diesen Strukturen an, bricht aber immer wieder den soldatischen Gehorsam und folgt ihren Gefühlen. Das bedeutet in keinster Weise, dass sie die Situation weniger ernst nähme. “Ich bin hier nicht zum Ballspielen”, erwidert sie den bolzenden Kameraden. Bei den êzîdîschen Kämpferinnen um Berivan (Zübeyde Bulut) stößt wiederum die Bürokratie und Hierarchie der deutschen Bundeswehr auf Unverständnis. Sie organisieren sich basisdemokratisch, teilen Essen und Wohnung und leisten untereinander emotionale Unterstützung. Leider fokussiert Im Feuer hier zu sehr auf Gegensätze und verpasst die Gelegenheit, die Binarität von Emotion und Rationalität, von Stärke und Schwäche, von Männlichkeit und Weiblichkeit aufzuheben.

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Im Verlauf der Geschichte gewinnt für Rojda die Suche nach der eigenen Identität und Zugehörigkeit immer mehr an Bedeutung. Szenen alltäglicher Situationen, wie der Bundeswehrübungen zur Überquerung eines Flusses vor, während und nach dem Auslandseinsatz oder des Zusammenlebens Rojdas mit der Mutter, wiederholen sich, während subtile Abweichungen in der Szenengestaltung, der Mimik und Interaktion innerliche Veränderungen und Entwicklungen andeuten.

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Im Feuer hebt sich von actionreichen Kriegsfilmen ab. Ganz leise, manchmal sogar in vollkommener Stille, findet Charizani einen emotionalen Zugang zum Thema. Sie inszeniert nicht die Zerstörung, sondern die psychologische Wirkung eines Krieges. Zwischenzeitlich droht der Film ins Kitschige abzudriften. Mit einer einzelnen und damit umso wirkungsvolleren Gefechtsszene erinnert Charizani am Ende daran, dass es in ihrem Film um einen realen Krieg geht und nicht um einen Selbstfindungstrip.

Nach dieser Intervention findet der Film zurück in seinen ruhigen, langsamen Ton, um schließlich ohne tatsächlichen Abschluss auszuklingen. Die Ratlosigkeit, die Charizani damit beim Publikum hinterlässt, mag auf den ersten Blick unbefriedigend erscheinen und ist dennoch passend. Der Krieg, von dem Im Feuer erzählt, ist nicht beendet. Êzîdîsche Flüchtlinge harren weiterhin in Camps aus, viele haben die Hoffnung auf eine Rückkehr inzwischen aufgegeben. Charizanis Film kann als Aufforderung verstanden werden, sie nicht zu vergessen.

Autor

  • Lea Gronenberg ist Politikwissenschaftlerin und Nerd. Filme und Serien sind für sie ein Ort der Zuflucht und zugleich ein Ort für Gesellschaftsanalyse und -kritik.

Lea Gronenberg
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