Kajillionaire

Es gibt Filme, die das Publikum am Ende mit der Frage zurück lassen: “Ja, worum ging es hier eigentlich?” und nach kurzen Überlegungen, drängen sich zur Antwort  dann doch  die naheliegendsten und banalsten Motive auf. Kajillionaire, der neueste Langfilm der US-Regisseurin und -Künstlerin Miranda July ist einer dieser Filme. Sein Sammelsurium an Absurdität und fast schon magisch-realistischen Einfällen täuscht im Zweifelsfall erfolgreich darüber hinweg, dass es ihm eigentlich um das Wichtigste geht: Liebe. 

Apropos täuschen — darum gehts auch! Im Zentrum des Film steht die — im weitesten Sinne des Wortes — Kleinfamilie Dyne: Papa Robert (Richard Jenkins), Mama Theresa (Debra Winger) und die erwachsene Tochter Old Dolio (Evan Rachel Wood). Zu dritt bewohnen sie das Büro einer Seifenfabrik, hausen zwischen Trennwänden und kratzen regelmäßig luftig-pinke Schaumreste von den Wänden. Der Wohn- und Lebensstandard ist mies und trotzdem kämpft die Familie damit, jeden Monat die Miete bezahlen zu können. Denn statt mit klassischen sozialversicherungspflichtigen Festanstellungen schlagen sich die drei mit Diebstahl und Trickbetrügereien durchs Leben. Sie stehlen, um zu leben — oder leben, um zu stehlen? Es bleibt etwas offen, Fakt ist jedoch: Die Familie ist souverän und stolz in ihrem Dasein als bankrotte Kleinkriminelle und lebt ihren absurden Traum ungestört von den geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen der Welt um sie herum …

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© Focus Features

… bis Melanie (Gina Rodriguez) ins Leben von Old Dolio, Robert und Theresa tritt und das jahrelang gefestigte Familienverhältnis ins Wanken bringt. Die Eltern lernen die junge Brillenverkäuferin im Rahmen eines Betrugsversuchs im Flugzeug kennen, fassen sofort Vertrauen zu ihr und integrieren sie in ihre kriminelle Gemeinschaft. Ganz zum Missfallen von Old Dolio — und hier kommt die Liebe ins Spiel. Die Dynamik, die Melanie mit den Eltern von Old Dolio entwickelt, führt der 26-jährigen  Tochter nämlich schmerzhaft vor Augen, dass sie in ihrem Leben nie richtige familiäre Zuneigung, liebevolle Anerkennung, kurz: die Liebe ihrer Eltern erfahren hat. An dieser Erkenntnis droht die Kleinfamilie zu zerbrechen. 

Melanies Auftreten forciert einen drastischen Wechsel des Tons in Kajillionaire. Wo vorher das ‘Komödie’ in ‘Tragikkömodie’ dominiert hat, kommt fortan das Tragische zum Vorschein. Wo Robert und Theresa als ulkige Familienvorstände witzige Ideen hatten und absurde Alltagsrituale vollführten, entlarvt der Film sie nun als egoistische Rabeneltern, die ihre Tochter weniger als geliebtes Familienmitglied sondern mehr als nützliches Werkzeug für ihren Lebensstil sehen. Und Old Dolio? Kommt im Laufe des Films immer mehr zu sich selbst, lernt ihren Willen durchzusetzen und die Ungerechtigkeiten anzuprangern, die ihr im Laufe ihres Lebens angetan wurden. Das ist eine Charakterentwicklung, allerdings eine sehr subtile. Miranda Julys Inszenierung der Hauptfigur leidet etwas unter Oberflächlichkeit. Old Dolios Fassade — ihr exzentrischer Kleidungsstil, ihre hypnotisch langen Haaren und ihr ungewöhnlicher Name — löst eine Faszination aus, die ihre Figur leider enttäuscht. Es fällt schwer, ihr die Veränderung von der realitätsfremden, introvertierten und fremdgesteuerten zur enttäuschten und handlungsfähigen Tochter abzunehmen, denn die Apathie ist in ihrem Charakter so dominant angelegt, dass sie leider jede charakterliche Tiefe überlagert. Theresa und Robert stellen sich hingegen als vielschichtige und moralisch ambivalente Figuren dar, die um einiges spannender ausgearbeitet sind und den absurden Ton des Films stärker tragen als die designierte Protagonistin.

© Focus Features

Was Kajillionaire an Ausgewogenheit in der Figurenzeichnung fehlt, macht er allerdings mit seiner liebenswürdigen Ästhetik und den originellen Ideen, die großartig miteinander harmonieren, wieder wett. So wird in dem Film eine Welt entworfen, die zwar absurd und fantastisch scheint, aber doch nicht zu weit entfernt von jeglicher Realität ist. Was sich hier zwar grotesk darbietet, kann trotzdem noch der Ort für Identifikationsprozesse sein — und macht einfach sehr großen Spaß. Ein Vergleich mit den Filmen von Wes Anderson drängt sich auf — und darf aber auch gleich wieder verdrängt werden, denn Miranda July geht um einiges behutsamer in ihr ästhetisches worldbuilding, sodass die Ernsthaftigkeit, die vor allem die zweite Hälfte des Films dominiert, nicht komplett übertüncht wird. 

Und damit schafft Kajillionaire es, eben auch ein wichtiger Film über familiäre Liebe zu sein — über Erwartungen und Enttäuschungen in diese — und die verflixten Implikationen von Eltern-Kind-Beziehungen, die der Film grotesk aber doch entschlossen in Frage stellt. Ist Blut wirklich immer dicker als Wasser? Was bedeutet es, eine Mutter zu sein, ein Vater zu sein, eine Tochter zu sein — eine Familie zu sein? Im Temperament dieses vierköpfigen und toll gecasteten Ensembles lassen sich auf diese Frage einige Antworten finden, die alles andere als konservativ und universell sind — und am besten auch nicht so sein sollten. 

DVD-Start: 02.09.2021

Autor

  • Sophie Brakemeier hat Medienwissenschaft studiert und sich währenddessen lange im kommunalen Kinobetrieb engagiert. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet sie redaktionell in der Medien- und Kulturbranche, schreibt über Film und an ihrem ersten Buch. Kino liebt sie seitdem sie im Alter von vier vor Aufregung den Saal bei Free Willy 2 leergeschrien hat. Die Emotionalität für Filme blieb ihr, den kritischen Blick hat sie allerdings geschärft.

Sophie Brakemeier