Wieder aktuell: Water Lilies von Céline Sciamma

Es gibt einen Funken Hoffnung am Gleichstellungshorizont des Sportuniversums. Während der diesjährigen Olympischen Spiele wurde seitens zahlreicher Teilnehmerinnen eine hitzige Kontroverse um die Kleiderordnung ins Rollen gebracht. Viele Sportlerinnen verabschiedeten sich von den unzeitgemäßen und viel zu knappen Outfits und brachen so mit der langjährigen Tradition, den ästhetischen Aspekt im Sport mit Sexualisierung des weiblichen Körpers zu verknüpfen. Auch in zeitgenössischen Filmen lassen sich viele subversive Ansätze finden, die den Sexismus im Sport näher beleuchten. So beispielsweise im Erstlingswerk der mittlerweile sehr bekannten französischen Regisseurin Céline Sciamma (u.a. Tomboy und Porträt einer jungen Frau in Flammen).

Es ist ein sehr zartes Debüt, mit dem Sciamma ihre Regielaufbahn startet. Der 2007 in Cannes uraufgeführte Film Water Lilies erzählt auf eine bemerkenswert ruhige und zugleich tief berührende Art von den ersten adoleszenten Liebeserfahrungen und der Suche nach der eigenen sexuellen Identität. Neben den altbewährten Kinderzimmern und den üblichen Jugendpartys als Experimentierfelder fügt sie noch eine weitere, recht eigenwillige Kulisse hinzu; die sterilen und gnadenlos exponierenden Räume einer Schwimmhalle, die zum Ausgangspunkt für das eher unfreiwillig miteinander verflochtene Liebesviereck wird, bestehend aus den beiden Synchronschwimmerinnen Floriane (Adèle Haenel) und Anne (Louise Blachère), dem Wasserballspieler François (Warren Jacquin) und der zufällig darin verwickelten  Marie (Pauline Acquart).

Water Lilies

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Doch bevor die Aufmerksamkeit den vier mehr oder weniger unglücklich Verliebten gewidmet wird, lohnt es sich, das gekachelte Setting, in dem sich das Gefühlsballett mit vollzieht, ein wenig genauer zu betrachten. Denn kaum ein anderer öffentlicher Ort kann ein solch toxisches Potenzial in der Pubertät entfalten wie das Schwimmbad – insbesondere der gemeinschaftliche Umkleideraum. Gerade dann, wenn der Körper seine sichtbarsten Veränderungen durchläuft und die eigene Wahrnehmung unweigerlich vom Urteil anderer abhängt, bedarf es Mut, sich den taxierenden Blicken Gleichaltriger preiszugeben. Während aber die einen das willkürliche Maß für die erstrebenswerte Optik setzen, schlittern die anderen bitterlich daran vorbei. So wartet Anne, die sich selbst für zu kurvig hält, nach der Kür ihrer Synchronschwimmgruppe, in ein Handtuch gewickelt, bis das letzte Mädchen den Raum verlässt, bevor sie sich ans Umziehen macht. Auch ihrer Freundin Marie, die sich wiederum für zu dünn hält, ergeht es ähnlich. Sichtlich von der körperlichen Reife und dem selbstbewussten Auftreten ihrer heimlichen Liebe Floriane beeindruckt, versucht sie, so unauffällig wie möglich, ihre Kleider abzulegen, um in den Badeanzug zu schlüpfen. In beiden Szenen wird auf die explizite Darstellung fremder, wertender Blicke verzichtet. Denn es reicht vollkommen, die subtile Gestik und Mimik der beiden Protagonistinnen zu sehen, um ihre Unsicherheit zu spüren. Der fremde Blick scheint ohnehin verinnerlicht zu sein. Und das bereits in einem sehr jungen Alter.

Sciamma zeigt dies fast schon wie beiläufig, wenn eine mürrische Schwimmtrainerin bei ihren aneinandergereihten Wassernixen eine Achselinspektion durchführt. Haarlos sollen sie sein. Und wehe wenn nicht! Dann wird die Widerspenstige, die keine Zeit dafür fand, mit einem Rasierer und einem zynischen Spruch, ob sie die gleiche Ausrede auch bei ihrem Mann bringen würde, abgefertigt. Die Erwartung an den weiblichen Körper, allzeit attraktiv zu sein, findet also altersunabhängig selbst im Schwimmbecken noch ihre angebliche Daseinsberechtigung. Ansprechend geschminkt, glatt rasiert und funkelnd plantschen die kleinen und großen Synchronschwimmerinnen zum Vergnügen ihrer Zuschauer:innen im Becken. Doch wen genau sie mit ihrer Aufmachung ansprechen sollen, deutet Sciamma nur indirekt an, wenn vor dem Wettbewerb der Team-Masseur der desinteressierten Floriane seine Dienste, unter Ausschluss Dritter, aufdrängt. Stattdessen lenkt die Regisseurin immer wieder den Fokus auf die harte Arbeit, die hinter der so mühelos wirkenden Kür steckt. In distanzierten Unterwasseraufnahmen, dem Bereich, der dem Publikum verborgen bleibt, zeigt sie die eigentliche Schönheit und Kraft des weiblichen Körpers, der die sichtbare Performance überhaupt erst ermöglicht. So bleibt am Ende des Films ein beeindruckend authentisches Portrait einer fast ausschließlich von Frauen dominierten Sportart, mit einer Prise berechtigter Kritik an ihrem unverändert gebliebenen, stereotypen Rahmen. An dessen Reproduktion nicht zuletzt die Frauen selbst mitwirken. 

Water Lilies

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Doch zurück zu den Hauptfiguren. Für sich allein betrachtet, wirkt die Konstellation recht trivial: Zwei eher unscheinbare Freundinnen, Anne und Marie, verlieben sich in die beiden, unnahbaren, lokalen Wassersportgrößen François und Floriane, die wiederum ein Verhältnis miteinander haben. Wer bereits hier ahnt, für wen das Liebesabenteuer ein ungünstiges Ende nimmt, wird nicht enttäuscht. Dies ist jedoch wie im Synchronschwimmen nur die Oberfläche, unter der im Verlauf der Handlung überraschende Charaktertiefen der Figuren sichtbar werden und sich immer größeren Freiraum verschaffen. Die anfangs eher stille, introvertierte Marie, die sich lieber als passive Beobachterin vom Geschehen um sie herum treiben lässt, als daran teilzunehmen, fasst durch das plötzliche Erwachen ihres Begehrens für Floriane ein ehrgeiziges Ziel, die Gunst der schönen Synchronschwimmerin zu gewinnen – koste es, was es wolle. Die zu erwartende Rechnung folgt unverzüglich: Maries Entrücktheit verwandelt sich rasch in eine naive Getriebenheit, die Floriane raffiniert für sich zu nutzen weiß. Mal darf ihre devote Bewunderin als Alibi für ein geheimes Rendezvous mit François herhalten, mal als stille Rückendeckung für einen Discoausflug, mit dem Ziel, die lästige Jungfräulichkeit, die Florianes zweifelhafter Reputation hinterherhinkt, loszuwerden. Als der Feldversuch jedoch scheitert, darf Marie auch bei dieser Kapriole ihrer Angebeteten Hilfestellung leisten. Eine ausbeuterische Nähe, die Marie stets mit Tränen und Gefühlschaos bezahlt. Auch Anne, die keine noch so kühne Geste scheut, um François ihre Zuneigung zu bezeugen, wird von ihm lediglich zu sexuellen „Übungszwecken“ bzw. als Ersatzbefriedigung, da Floriane einen Rückzieher macht, ausgenutzt. Die beiden asymmetrischen Liebesverhältnisse bekommen allerdings hier und da kleine Risse und werden auch stellenweise umgekehrt, was schnell die stereotypen Hüllen der Figuren aufbricht und ihre Ambivalenz verdeutlicht. Die sonst zurückhaltende Marie findet durchaus die Courage, Florianes Wünsche zurückzuweisen, ihrer besten Freundin, Anne, einen Laufpass zu geben und überrascht zudem in Dialogen mit einer beinahe derben Schlagfertigkeit aber auch einer sensiblen Tiefgründigkeit, was selbst Floriane nicht unbeeindruckt lässt. Anne bedient sich dagegen einer eindeutigeren Körpersprache, um François klare Grenzen aufzuzeigen und serviert ihn bei seiner zweiten Annäherung eiskalt ab.

Auch die selbstbewusste Floriane, die scheinbar alle Zügel in der Hand hält und die Umstände zu ihren Gunsten zu lenken versteht, entpuppt sich zunehmend als Opfer der allmählich in die Eigen- gesickerten Fremdwahrnehmung. Um ihre Rolle der verführerischen Nymphe sowohl vor Männern als auch vor Frauen glaubhaft zu performen, weiß sie zwar ihre Ängste und Unsicherheiten gekonnt zu kaschieren. Als sie jedoch in Marie eine Vertrauensperson findet, gewährt sie einen kleinen Einblick hinter die Fassade. Wie kleine Anekdoten erzählt sie von sexualisierten Übergriffen im Schwimmbad, ihren Erfahrungen mit Männern und schließt mit: „So ist das Leben“, als seien Exhibitionismus und ungefragte Zudringlichkeit keine Straftaten, sondern etwas Naturgegebenes, mit dem Frau umzugehen hat. Allerdings gibt sie im gleichen Atemzug Marie zu verstehen, wie überfordernd männliche Penetranz und deren Erwartungshaltung für eine so junge Frau sein können und wie glücklich Marie sich schätzen kann, noch nicht auf deren Radar aufzutauchen. Doch trotz dieses Geständnisses und der intimen Momente zwischen den beiden Protagonistinnen, hält Floriane weiterhin an der Verführerinnen-Rolle fest und scheint dabei partout nicht zu bemerken, welchen Schmerz sie Marie mit ihren widersprüchlichen Signalen und verheißungsvollen Liebkosungen zufügt. Es bleibt offen, woraus sich ihre merkwürdige emotionale Blindheit speist und ob indes nicht die Rolle viel stärker Floriane beherrscht als umgekehrt. Alles wird in ein Verführungsspiel verwandelt, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen für die Verführten. Und so tänzelt Floriane auch in der Schlussszene unbeschwert und lasziv im Neonlicht, während die beiden, von der Liebe enttäuschten und verletzten Freundinnen, Marie und Anne reglos auf dem Wasser im Schwimmbecken treiben.

Water Lilies seht ihr zur Zeit auf filmfriend.

über die Gast-Löwin

Julia Turbina hat an der deutschen Ostküste Slawische Literaturwissenschaften und Migration & Diversität studiert und versucht nun, in der Verlagshochburg Leipzig, als freie Übersetzerin Fuß zu fassen. In Mußestunden verarbeitet sie auf ihrem Blog über alles und nichts in Bild und Wort die charmanten Banalitäten des Lebens und ihre migrantischen Erfahrungen, die sie ohne Filme und Literatur wohl kaum unbeschadet überstanden hätte. Als Dank seziert sie diese nun schonungslos hinsichtlich ihrer blinden sexistischen Flecken.

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