After Love

Lasst uns das kurz und schmerzlos abhandeln: After Love, der dritte Film der After-Filmreihe, verfilmt nach den gleichnamigen Büchern, ist kein guter Film. Wunderschön gedreht, ja, liebevoller Soundtrack und annehmbares Schauspiel. Aber die Regisseurin Castille Landon hat hier genau das gleiche Wunder vollbracht, wie in den vorherigen Werken der Reihe: After Passion von Jenny Gage und After Truth von Roger Kumble. Das Wunder besteht darin, sehr wenig essentielle Handlung und sehr viel vermeidbares und toxisches Beziehungsdrama zwischen sich regelmäßig wiederholende und generische Sexszenen zu quetschen, das alles zu einem abendfüllenden Film aufzublasen und damit (voraussichtlich) die Kinokassen zu sprengen. Eingerahmt wird das Ganze von makellose Szenerien, spektakulär ausgeleuchteten Skylines und den Lebensrealitäten reicher Business- Menschen, die meiner Auffassung nach, viel zu wenig Zeit in ihren Privatpools verbringen. 

Im dritten Teil der Reihe leben Tessa (Josephine Langford) und Hardin (Hero Fiennes Tiffin) glücklich zusammen – sie kurz vor dem Absprung zu einer vielversprechenden Karriere in Seattle und er in den letzten Zügen seines Studiums. Die Idylle hält jedoch nicht lange: Tessas Vater, zu dem sie seit zehn Jahren keinen Kontakt hatte, taucht plötzlich vor der Tür auf und ihr geplanter Umzug sorgt für Streit. Dann geraten Tessa und Hardin auch noch während eines gemeinsamen Urlaubs aneinander und Hardins Familie bringt Komplikationen von außen. Im Zentrum jedes Konflikts steht allerdings meistens Hardins Besitzanspruchsdenken, seine Eifersucht und sein übertriebener Beschützerinstinkt. Es ist ein immerwährendes Hin und Her zwischen den beiden. Sie streiten sich, sie nähern sich an, sie stoßen sich ab, sie schlafen miteinander und schreien sich an. Nur auf eine Idee kommen die beiden nie: Mal ganz in Ruhe und ehrlich miteinander zu reden – dabei könnte das so viele Probleme lösen und der Film hätte auf 15 Minuten gekürzt werden können. 

© 2021 Constantin Film Verleih GmbH

Leider gibt der Film dann doch auch noch nicht die Gelegenheit, Resümee über die komplette After-Reihe zu ziehen, denn die letzte Einstellung kommt nicht ohne Drohung aus: Fortsetzung folgt. Deswegen bleibt leider nichts anderes übrig, als zu mahnen – liebes Publikum: genießt die Profanität von After Love und was da noch so kommen möge. Bedenkt aber den Rattenschwanz, den es haben kann, wenn wir der Verherrlichung toxischer Beziehungsmuster zu viel Raum in unserer Popkultur geben und hinterfragt die Vorstellungen, die dahinter stecken. Und liebe Filmkritik: Spart euch die misogynen Zuschreibungen solcher Filme als ‘Frauenfilm’ oder ‘Hausfrauenfantasie’. Das sind weder treffende analytische Begriffe, noch legitime Etiketten für irgendwas. 

Im Kontext solcher Massenphänomene ist es stattdessen wichtig, den Blick zu schärfen, eine kritische Lesart anzustoßen und streng zu bleiben. Viele Baustellen von After Love und der After-Reihe an sich sind offensichtlich: Die Beziehung von Tessa und Hardin ist von Misstrauen, Manipulation, Unehrlichkeit und Eifersucht geprägt und doch stilisiert der Film sie als die große Liebe, für die es sich zu kämpfen lohnt. Die beiden sind so vereinnahmt von sich und ihren Emotionen, dass jede Person, die ihnen zu nahe kommt, in diesen wahnwitzigen Strudel hineingesogen wird. Es existieren partout keine Freund:innenschaften ohne Konflikpotential außerhalb der Beziehung. Hardin beäugt jede Bezugsperson Tessas misstrauisch und wälzt seine eigenen Unsicherheiten auf sie ab. Er ist die Art von Mann, über den wir im echten Leben sagen würden: “Ich kann nicht glauben, dass sie noch mit ihm zusammen ist.”

© 2021 Constantin Film Verleih GmbH

Und hier gilt es aufzupassen: Sobald sich der analytische Fokus von Hardin als psychischer und physischer Gewalttäter auf Tessa in ihrer Rolle als emotional abhängige Freundin verschiebt, müssen wir verstehen, dass ihre Figur nicht als Opferrolle angelegt ist. Sondern als Projektionsfläche für die Erwartungen und Vorstellungen des weiblichen Publikums. Tessa ist normschön, intelligent, erfolgreich und hat, im Gegensatz zu den beiden vorherigen Filmen, ein stabiles, wohlhabendes Umfeld. Das Setting und die Ästhetik des Films multipliziert dieses Urteil und soll nahelegen: Ja, Tessa lebt nun endlich ein Leben, wie wir es gerne hätten. Untrennbar mit diesem Ideal verbunden ist ihr als Liebe verklärtes emotionales Abhängigkeitsverhältnis zu Hardin. Er ist kein Störfaktor in dieser Inszenierung, kein Kontrast zum Glück, sondern ein fest verankertes Element einer allumfassenden Wunschvorstellung – und das ist eine gefährliche Essenz.

Wie konnte es zu dieser Erzählung kommen? Welche psychologischen Mechanismen, welche Gesetze des Marktes haben den Weg geebnet von einer Harry Styles-Fanfiction, einem Genre, das gerade für junge Autorinnen eigentlich sehr empowernd sein kann, zu dieser Hochglanz-Lüge über Liebe und Glück, die am besten nur mit Begleitliteratur zu toxischen Beziehungsmustern geguckt werden sollte? Das sind Fragen, die nicht nur die Film- oder Literaturkritik zu interessieren hat, aber an dieser Stelle nicht beantwortet werden können. Was bleibt ist der Ärger – nicht darüber, die Zeit mit der Rezeption und Aufarbeitung von After Love verbracht zu haben, sondern erkennen zu müssen, dass Filme wie dieser immer wieder Anlass dazu geben, auf das Offensichtliche hinweisen zu müssen.

Kinostart: 02.09.2021

 

Autor

  • Sophie Brakemeier hat Medienwissenschaft studiert und sich währenddessen lange im kommunalen Kinobetrieb engagiert. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet sie redaktionell in der Medien- und Kulturbranche, schreibt über Film und an ihrem ersten Buch. Kino liebt sie seitdem sie im Alter von vier vor Aufregung den Saal bei Free Willy 2 leergeschrien hat. Die Emotionalität für Filme blieb ihr, den kritischen Blick hat sie allerdings geschärft.

Sophie Brakemeier