FFMUC 2025: Promised Sky (Promis le ciel)

Blau wie der Himmel strahlen im ersten Bild des Films Promised Sky die Badezimmerfliesen zwischen den drei Frauen und dem vierjährigen Neuankömmling in ihrer Mitte. Spielerisch stellen die drei Fragen, um mehr über Kenzas Fluchtgeschichte, die für ihre Eltern tödlich endete, zu erfahren. Naney (Déborah Christelle Naney) und Julie (Laetitia Ky) sind unter Obhut der Pastorin und Journalistin Marie (Aïssa Maïga) bereits zur Wahlfamilie geworden. Sie alle teilen Migrationserfahrungen. Hier in Tunesien sind sie nicht nur Ausgrenzungen gegenüber Bewohner*innen aus Subsahara-Staaten ausgesetzt, sondern einer Zunahme von Deportationen, mit der die Regierung seit Jahren Angst verbreitet und Rassismus schürt (unter mehrheitlicher Zufriedenheit der EU). Julie wähnt sich mit ihrer Studienberechtigung in Sicherheit, während Naney sich der Gefahr, als Schwarze Frau und ohne Pass durch die Straßen zu gehen, bewusst ist. Trotzdem muss sie ihren Handelsgeschäften nachgehen, ein Leben bestreiten. Die mehrjährige Trennung von ihrer Tochter, die in ihrer Heimat der Elfenbeinküste lebt, lässt Naney ihre unsichere Situation in Tunesien immer mehr infrage stellen. 

Nach ihrem Erstling Under The Fig Trees, eröffnete Erige Sehiris zweiter Spielfilm dieses Jahr die Sektion Un Certain Regard der Internationalen Filmfestspiele von Cannes und feierte am Filmfest München seine Deutschlandpremiere. Die Erzählung von Solidarität, Freund*innenschaft und dem Kampf gegen Ausgrenzung erfährt einen nuancierten Ton, der seine Protagonistinnen als Kämpferinnen des Alltags präsentiert. Sehiris Motivation für diese Geschichte lag in dem Auseinanderklaffen der großen Lücke zwischen Migrationsrealität und deren filmischer Repräsentation. Denn 80 Prozent der Migrant*innen aus afrikanischen Ländern bewegten sich innerhalb des Kontinents und eben nicht nach Europa, wie die starke Präsenz solcher Narrative nahelegt, so die Regisseurin. ___STEADY_PAYWALL___

© ManekiFilms, Henia Production

Der Gedanke an Europa liegt auch Naney nicht fern, doch leben die Figuren in Promised Sky nicht in einer Dominanz der Sehnsucht, wie etwa in Atlantique, sondern viel stärker im Hier und Jetzt. Als Naney etwa Geburtstag feiert, sehen wir sie mit ihrem Geschäftspartner Foued lachend auf einem E-Scooter durch den Abend fahren. Sanfte Gespräche über ihre jeweiligen Familien, aber auch raue Ehrlichkeit lassen diese platonische Beziehung, für die Sehiri auf die üblichen, erwartbaren romantischen Spannungen heterosexueller Begegnungen in Filmen verzichtet, besonders in Erinnerung bleiben. Auch Kenza sorgt nicht nur für berührende, sondern auch für den ein oder anderen lustigen Moment. Und die Beziehungen zwischen den drei Frauen sind nicht nur von voneinander abprallen geprägt.

Darüber hinaus schlagen Naney, Julie und Marie dort, wo gesellschaftliche Spaltung dominiert, Brücken und suchen ihre Freundinnen nicht nach Pass, Hautfarbe oder Religion aus. Julie kämpft sich durch Lehrveranstaltungen auf Arabisch, indem sie Kolleginnen um Übersetzungen bittet. Als Schwarze Frau und Christin ist Marie ebenso nicht von Repressionen befreit. Als ihr weißer Vermieter Andeutungen macht, ihre Vereinbarung aufzulösen, zeigt sich, dass die Regierung die Gräben bereits deutlich vertieft hat. Marie lebt seit 10 Jahren in Tunesien und wartet nun auf eine Verlängerung ihres Aufenthaltsstatus. Dieser Wartestatus lässt sie wiederum nicht auf ihr Bankkonto zugreifen. Mit ihrer „Church of Perseverance“ hat sie eine Gemeinschaft begründet, die auch wohltätige Zwecke verfolgt, weshalb mit ihr Menschen und finanzielle Ressourcen zusammenkommen. Mittendrin läuft Kenza bei den alltäglichen Erledigungen mit. Ihr Status ist auch unklar, ihre ivorische Herkunft vermuten die drei Frauen nur, sicher sein können sie allerdings nicht. Ob die Lebenswege der vier sich trennen oder weiterhin kreuzen, hängt von vielen Faktoren ab, die nicht alle in ihrer Handlungsmacht stehen – auch wenn sie sich eindeutig als Charaktere mit Willenskraft und Durchsetzungsfähigkeit beweisen. 

Promised Sky war als Teil des Wettbewerbs Cinemasters am Filmfest München 2025 zu sehen.

Bianca Jasmina Rauch