FFMUC 2025: Holy Meat

Bizarr, absurd und blasphemisch gibt sich die Inszenierung am Anfang von Holy Meats Handlung um ein fiktives, abwanderungsgeprägtes Dorf in Schwaben. Zu sehen ist ein Theaterspektakel, in dem ein Schwein in einem kleinen Ufo heranrollt. Es befiehlt einem Geistlichen, Opfergaben darzulegen, die dieser allerdings ausschlägt – die Jungfräulichkeit seiner 40-jährigen Tochter ist schließlich mehr als ungewiss – und dann einen Gummidildo hervorholt – im Hintergrund bewegen sich weitere Akteur*innen in Lack und Leder. Wo uns Regisseurin Alison Kuhn nach dem Dokumentarfilm The Case You sowie ihrer Arbeit an Serien wie Druck und Watch Me in ihrem Spielfilmdebüt hinführt, lässt sich in der ersten Szene noch nicht ganz erahnen. Dass wir es mit einer Komödie mit Hang zum Absurden zu tun haben, allerdings sehr wohl.

Zunächst geht es zeitlich zurückversetzt nach Dänemark, wo Pater Oskar Iversen sichtlich nervös darum bittet, in eine kleine deutsche Gemeinde versetzt zu werden. Möglichst weit weg, scheint das Motto zu sein. Die Weitwinkel-Optik der Bilder versichert uns neben den Dialgogzeilen noch einmal, dass wir es in Holy Meat auch formal mit Übertreibungen zu tun haben. Den wahren Grund für seinen Wunsch will Oskar nicht angeben, irgendetwas scheint vorgefallen zu sein, so viel steht fest. Er gelangt nach Winteringen, dessen Gemeinde allerdings bald dem angrenzenden, größeren Verwaltungskreis zufallen soll. Oskar will sofort nach seiner Ankunft alles daran setzen, deren Eigenständigkeit aufrecht zu erhalten, um dort bleiben zu können. Er erschleicht sich das Erbe einer sterbenden Frau, um die Kasse klingen zu lassen und zunächst eine Theaterproduktion finanzieren zu können. Ein dringend arbeitssuchender Regisseur aus Berlin, Roberto, wird beauftragt die Lai*innengruppe mit seiner Inszenierung der Passion Christi zur Höchstform bringen. Nur so könne die Gemeinde gerettet werden, denn der Erzbischof, ein großer Theaterfan, wird bald über deren Schicksal entscheiden. Er muss beeindruckt werden. So läuft das in einer patriarchalen Hierarchiestruktur.

© Matthias Reisser

Kuhn hat sich mit ihrem Drehbuch der Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche angenommen. Einerseits spielt deren Bedeutungsverlust eine Rolle – die Gemeinde zählt nur einen Messdiener und keine Besucher*innen des Gottesdienstes – andererseits deren Vertuschen von Machtmissbrauch und sexuellem Missbrauch – hier gegen den Strich gebürstet durch das unaufhaltbare Begehren des Messdieners. Auch die fehlende Selbstkritik spielt eine Rolle, wenn die Radikalität auf der Bühne die Altehrwürdigen entsetzt. Dass der Vorwurf von Blasphemie gegenüber künstlerischen Positionen zu kirchlichen Traditionen auch heute kein Schnee von gestern ist, zeigte zuletzt Florentina Holzingers „Skandalsinszenierung“ Sancta.

All diese Themen legt Kuhn auf humorvolle Art aufs Tablett, wobei Oskar letztlich der moralisch integre Pfarrer bleibt: ein bisschen altbacken und konservativ, aber im Grunde ein guter Typ. Dem Rätsel um seine Vergangenheit in Dänemark geht die suggerierte Ambivalenz bald abhanden. Trotz Kritik am herrschenden System bleibt Holy Meat vielleicht auch deshalb über große Strecken ein bisschen brav. Oskars Gegenspielerin Mia (Homa Faghiri), die lang verschollene Tochter der Verstorbenen, bringt allerdings ein bisschen Sprengstoff ins Narrativ. Auf Mia ist die Vormundschaft für ihre Schwester Merle (Amelie Gerdes) mit Down-Syndrom, die in der Metzgerei der Mutter arbeitet, übergegangen. Jetzt kehrt die Verlorengeglaubte ins Dorf zurück, um die Pläne Oskars und Merles zu durchkreuzen letztere verteidigt sich erfolgreich. ___STEADY_PAYWALL___

Die Dorfatmosphäre, von der Holy Meat erzählt, bedient sich einerseits Klischees – ausgestorbene Begegnungsorte, alle Bewohner*innen sprechen im Dialekt, kleine Geschäfte in alt-nostalgischer Einrichtung – andererseits lässt sie diese auch auffliegen, wenn etwa ein Großteil der Lai*innengruppe erklärt, dass sie dem experimentellen, polarisierenden Theater viel zugewandter sind als dem traditionellen, oder wenn im Ensemble der Kirche wider Erwarten des Regisseurs nicht alle tatsächlich Teil der kirchlichen Gemeinde sind. Der bisexuelle Berliner Roberto bleibt trotz seiner wichtigen Funktion eher eine Randfigur und seine absehbare Liebesgeschichte mit Mia überlädt die Handlung. Dennoch macht es dieser Nebenstrang auch möglich, einen bisexuellen männlichen Charakter in einer zentralen Rolle sichtbar zu machen. Vieles wirkt innerhalb dieser gut getimten, zuweilen etwas gefälligen, aber durchaus kritischen Komödie präzise austariert – nicht nur die Winkel, in denen rohes Fleisch im Zeitlupen-Close-Up auf Gesichtern landet.

Holy Meat war als teil der Sektion New German Cinema am Filmfest München 2025 zu sehen.

 

Bianca Jasmina Rauch