FFMOP 2021: The Case You

„Hast du den Unterschied gemerkt?“ sagte der Regisseur, nachdem er der Bewerberin, während sie ihren Text zum zweiten Mal sprach, unaufgefordert zu nahe kam. Sie erinnert sich deutlich an die Angstgefühle, die Beklemmung. In ihrem Dokumentarfilm gibt Schauspielerin und Regisseurin Alison Kuhn gemeinsam mit fünf Frauen Raum für eine unglaubliche Geschichte, die sich vor ein paar Jahren in der deutschen Filmbranche abspielte. Die Frauen, damals noch Mitten im Schauspielstudium, kamen für The Case You zusammen, um über ein zurückliegendes Erlebnis zu sprechen, das sie verbindet, das sie damals ohnmächtig gemacht hat und gegen das sie gemeinsam gerichtlich die Stimme erhoben haben: Der perfide sexuelle und gewaltsame Machtmissbrauch eines Regisseurs, den dieser schließlich als Filmkunstwerk verkaufen wollte.

©Lenn Lamster ___STEADY_PAYWALL___

Der Theatersaal der Filmuniversität in Potsdam, 2019. Hier treffen sich die fünf Schauspielerinnen und das kleine Filmteam, um in einem geschützten Raum gedanklich zu rekonstruieren, was vier Jahre zuvor geschah und wie es so weit kommen konnte. In ihrem Beruf greifen sie stets auf eigene Emotionen zurück, arbeiten mit dem eigenen Körper, vieles an szenischer Arbeit entsteht im Moment, lässt eine:n an die eigenen Grenzen gehen. In diesem Fall jedoch wurden die privaten Grenzen klar überschritten: Der Regisseur und seine Produzentin nutzten die Situation der Bewerberinnen bewusst aus, um am Ende sogar noch Profit daraus zu schlagen. 

Schritt für Schritt erzählen die fünf Frauen, wie sie die missbräuchliche Casting-Situation erlebten. Jeweils einzeln traten sie damals als Bewerberinnen vor, sprachen ihren Text direkt in die Kamera. Dann auf einmal, strichen der Anspielpartner oder die Anspielpartnerin, die auch Teil des Teams waren, über die Brüste der Bewerberinnen, griffen zwischen ihre Beine, einigen direkt in die Hose. Der vorangegangene suggestive schriftliche Hinweis: „Ausziehen muss nicht sein, ist aber sehr erwünscht“ schwirrt den Frauen währenddessen im Kopf herum. Was will der Regisseur von mir? Wieso greift mich diese Person an? Ist das plötzliche Gefühl von Ärger gut für mein Rollenspiel oder hat er bzw. sie meine Grenze längst überschritten? 

©Lenn Lamster

The Case You changiert zwischen kurzen Interviewsituationen und dem Austausch sowie dem situativen Nachstellen der Erlebnisse aus dem Jahr 2017. Kuhn und das Team bauen in dem 80-minütigen Film, der sich in nur einem Raum abspielt, eine enorme Spannung auf. Beim Zuschauen klappt die Kinnlade mehrfach nach unten. Seit den Ereignissen um #MeToo sind Berichte über sexuellen Missbrauch leider keine seltenen Vorkommnisse, jedoch übersteigt diese Geschichte einiges. Zudem lässt sie die Tatsache nicht aus, dass auch Frauen als Komplizinnen männlicher Übergriffe und Machtmissbrauchs keinesfalls auszuschließen sind: Der Druck der Produzentin und ihr Abraten, sich nicht prüde zu geben, um die Chancen beim Regisseur zu erhöhen, sprechen für sich. Dass die Gruppendynamik eine nur mehr in der Theorie klare eigene Position verunsichern kann, wird ebenso nachvollziehbar.

Warum sehen alle Anwesenden tatenlos zu? Bei einem offiziellen Casting sollte eins als Bewerberin darauf vertrauen können, vor sexuellen Übergriffen sicher zu sein. Wenn die Regie Grenzen überschreitet, wird vielleicht eine der anderen anwesenden Personen aus dem Team hinter der Kamera „Stopp“ rufen, oder nicht? Das Vertrauen auf Hilfe von Außen, auf Zivilcourage, auf Solidarität zwischen völlig verunsicherten Opfern und den Zeug:innen wich der realen Enttäuschung, lediglich untätigen Zuschauer:innen in die Augen zu blicken. Eins lehnt sich nicht weit aus dem Fenster mit der Behauptung, dass in der Film- und Theaterbranche einiges im Argen liegt.

©Lenn Lamster

Es vergingen Jahre. Die Teilnehmerinnen schwiegen über den Ärger, die Scham und Ohnmacht, die die Situation in ihnen auslöste. Die meisten von den paar hundert jungen Frauen – viele von ihnen minderjährig – wollten schnell vergessen. Dann plötzlich die Entdeckung: Der Regisseur hat aus den Castingaufnahmen einen kompletten Film erstellt. Der Schock: Die Bewerberinnen hatten vor dem Casting die Einwilligung zur Verwendung ihrer Aufnahmen gegeben und somit rein rechtlich einer weiteren Verwertung  zugestimmt. Solch eine Unterschrift ist keine Seltenheit, normalerweise setzen die Bewerber:innen Vertrauen in die Filmemacher:innen – schließlich nutzen Produktionsfirmen solche Aufnahmen oft für Making-of-Film-Zwecke.

Als Kunst verkauft sollte der Film – Kuhn nennt keine Namen oder Titel – schließlich auf einem Festival Premiere feiern. Nachdem sich jedoch viele der damaligen Castingteilnehmerinnen beschwert hatten, wurde er kurzfristig aus dem Programm gezogen. Während jenes Festivals fand ein Panel statt, dessen Audiomitschnitt wir in The Case You stimmenverzerrt mithören: Scherze über #MeToo und die Verharmlosung der Ereignisse vonseiten eines Sprechers wirken leider allzu vertraut. Umso mehr Hoffnung gibt die Klage, die die Opfer erhoben haben, um Gerechtigkeit einzufordern. Aber Gerichtskosten sind teuer und womöglich wird die Sache im Sand verlaufen, weil der Fall bald verjährt und das Geld fehlt. Zurecht fragt die Regisseurin aus dem Off: „Ist das nicht ein grundlegender Fehler im System?“ 

Genauso ein Fehler ist auch die verdrehte Opfer-Täter:in Logik: Denn kein Opfer verfehlt, indem es sich nicht wehrt oder nicht „Nein“ schreit, es ist die missbräuchliche Person allein, der die Verantwortung zuzuschreiben ist. Das Bewusstsein für solche Unlogiken muss noch immer geschaffen werden – das macht The Case You deutlich. Alison Kuhn gilt auch darin Anerkennung, den Film mit geringen finanziellen Mitteln und Unterstützung auf die Beine gestellt zu haben. Sie hat damit eine Möglichkeit zum Zuhören, zur Solidarität und für mehr Gerechtigkeit geschaffen – und der Kampf geht weiter. Kunst darf kein Zauberwort für die Rechtfertigung sexuellen Missbrauchs sein, nicht gestern, nicht heute, nicht morgen.

©Lenn Lamster

The Case You ist noch bis zum 24. Januar im Rahmen des Max-Ophüls-Preis Festivals zu sehen.

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch
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