FFMOP 2021: Mein Vietnam

Bay und Tam sitzen auf dem Balkon ihrer Münchener Mietwohnung. Es ist kalt und dunkel, ein wenig Licht und Wärme spendet ein Windlicht, mit einer Schneeflocke bemalt. Tam trinkt Bier und raucht. „Hier ist es einsam“, sagt er, und: „Ich finde wir sind Vietnamesen geblieben.“ Er würde gerne einmal wieder für längere Zeit nach Vietnam gehen. Nicht nur zu Besuch kommen, sondern im eigenen Haus leben. Bay schüttelt den Kopf: „Für ein paar Monate vielleicht“, sagt sie, „aber nicht für immer.“

Es ist eine Ruhe, die Thi Bay Nguyen und Trung Tam Mai, die Protagonist:innen des Dokumentarfilms Mein Vietnam von Thi Hien Mai und Tim Ellrich, ausstrahlen. Thi Hien Mai begleitet den Alltag ihrer Eltern, die vor 30 Jahren aus Vietnam nach Deutschland flohen und ist dabei auch selbst oft im Bild. Es sind die langen Passagen von Video-Chats, das geduldige Warten, auf ein besseres Bild oder die Wiederherstellung einer abgebrochenen Internet-Verbindung, der blecherne Sound der Computer-Lautsprecher, durch die der Film eine seltsame Aktualität bekommen hat, so Mai. Eine Realität, die der Rest der Welt erst seit ein paar Monaten erfährt, für ihre Eltern gehört sie seit 15 Jahren zum Alltag. ___STEADY_PAYWALL___

Bay und Tam sitzen auf dem Sofa ihres Wohnzimmers und skypen.

© Filmakademie Baden-Württemberg

Zu Beginn des Films zeigen die Filmemacher:innen ein Homevideo von 1990: die Familie Nguyen/Mai sitzt gemeinsam am Tisch, isst, trinkt Cola und Fanta. Am Wochenende haben sie frei – Tam spricht durch die Kamera zu seinem Vater -, dann träfen sie sich zum gemeinsamen Essen; sie haben jetzt zwei Kinder, die beide schon keine Babys mehr seien. Und ansonsten würden er und seine Frau hart arbeiten. Tam hat das Leben in Deutschland von Anfang an dokumentiert. Damals noch mit einer schweren Schulterkamera hat er die drei Kinder und seine Frau auf Schritt und Tritt begleitet. Er wollte die Videos der Familie nach Vietnam schicken, doch der Weg über die Luftpost war zu aufwändig, stattdessen wurden Briefe geschrieben. Alles hat verzögert stattgefunden. Es hat wahnsinnig lange gedauert, um sich emotional verbinden zu können, erzählt Thi Hien Mai in einem Gespräch.

Heute sei das leichter, so Mai, durch das Videochatten können sie mittlerweile unmittelbarer am Leben ihrer Familie in Vietnam teilhaben. In ihrer Freizeit zeigen Bay und Tam per Video-Chat Freund:innen und Familie stolz ihr frisch angebautes Gemüse auf dem Balkon und ihre Zimmerpflanzen, die viel Platz im Wohnzimmer einnehmen: Chilis und Aloe Vera. Nicht zu vergessen: Die Öllampe, ein Andenken aus der Heimat, das die Flucht überstanden hat und zu einem Artefakt geworden ist, das auch in Vietnam längst niemand mehr gebraucht.

Tam zeigt durch den Laptop sein selbst angebautes Gemüse

© Filmakademie Baden-Württemberg

Die Video-Chats sind Bays und Tams Verbindung zur Welt. Hier singen sie am Wochenende Karaoke mit Freund:innen auf der ganzen Welt. Hier isst die Familie in Deutschland gemeinsam mit der Familie in Vietnam Hot Pot. Sie sind vereint über den Laptop, für den Tam aufwändig einen Podest baut, damit alle sich durch den Bildschirm sehen können. Von hier aus koordiniert Tam auch den Wiederaufbau ihres Hauses in Ninh Hoa, das nach einem Taifun sehr beschädigt ist; ein Symbol für die Freiheit, jederzeit zurückgehen zu können. Nur hier kann Bay an der Totenwache und anschließenden Beerdigung ihrer Schwester teilnehmen, denn eine Reise wäre zu kostspielig. Dafür schicken sie großzügig Geld für die Pflege von Familienmitgliedern und für die Renovierung des Hauses. All das hinterlässt Spuren, sagt Thi Hien Mai: „Das Videochatten macht es vielleicht direkter, als früher. Es ist allerdings trügerisch, weil du vielleicht denkst, es wäre jetzt greifbarer.“ Aber Emotionen werden auch vorgegaukelt und eine leibliche Ko-Präsenz kann dadurch nicht ersetzt werden.

Um Geld zur Familie schicken zu können, arbeiten Bay und Tam hart. In den frühen Morgenstunden, wenn es noch dunkel draußen ist, putzen sie in leeren Bürogebäuden, Second-Hand-Läden und Kindergärten. Einmal vertritt Hien ihre Mutter und fragt auf der Rückfahrt im Auto ihren Vater, ob er nun bald nach Vietnam reisen würde. Nicht allein, sagt er, wenn, dann soll die ganze Familie mitkommen können. Es ist ein Grundkonflikt, der sich zwischen den Eltern abspielt. Er würde gerne zurück, hat Heimweh. Sie will bleiben, geht zum Deutschunterricht, will für ihre Enkelkinder in Deutschland da sein. Dieser Konflikt wird mit derselben respektvollen Zuneigung füreinander ausgetragen, wie alles andere.

Mein Vietnam ist auch eine Love-Story

Nicht nur die beiden Protagonist:innen strahlen eine Ruhe aus, sondern auch die statischen Bilder, die langen Kameraeinstellungen, die nie zu lang oder zu statisch wirken. Es sind die wenigen, jedoch wohl gewählten Blicke auf Details: Das Teelicht auf dem Balkon, Tams Konzentration beim Kochen, Bays Aufmerksamkeit in der Sprachschule. Die sinnliche Bildsprache, die sich manchmal vom Gesagten zu trennen scheint, entstand vielleicht auch durch die Sprachbarriere zwischen den Eltern und dem Kameramann Tim Ellrich. Er versteht kein Vietnamesisch, übersetzt wurde erst im Nachhinein.

Thi Hien Mai kommt ursprünglich aus einem kunsthistorischen und -pädagogischen Bereich. Vor ihrem Debüt hat sie sich bereits in essayistischen Videoarbeiten mit der Herkunft ihrer Eltern auseinandergesetzt. Eine Dokumentation über sie zu machen, war auch eine Entscheidung, dieses Gefühl, zwischen zwei Welten zu leben, direkter zu vermitteln, als durch eine codierte Kunstsprache. Mit dem Entschluss, sich selbst vor die Kamera zu stellen, könnten Kinder, die ebenfalls Eltern mit Flucht-Erfahrung haben, sich mit ihr identifizieren.

Bay und Tam singen gemeinsam Karaoke

© Filmakademie Baden-Württemberg

Thie Hien Mai wird oft gefragt, ob ihre Eltern aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen geflüchtet seinen. Aber Mein Vietnam (sucht nicht nach Ursachen, es) ist die persönliche Geschichte eines Liebespaars, das sich gemeinsam entschied, sein Heimatland zu verlassen. Mit der Dokumentation wollen die Filmemacher:innen auch deutlich machen, dass es sehr individuelle Gründe geben kann, seine Heimat zu verlassen. Es könne nicht mit nur einem Wort begründet werden. „Klar ist so eine Fluchtgeschichte eine Leidensgeschichte, aber es ist auch eine Hoffnungsgeschichte. Du willst erst einmal weg und dann klappt es und du bist total euphorisiert“, erzählt Mai. Hauptsache Westen, hieß es damals für Bay und Tam. In Deutschland anzukommen war totaler Zufall. Für die Familie in Vietnam blieben sie immer die Amerikaner:innen.

„Für mich ist Vietnam meine Eltern“, sagt Thi Hien Mai. Dieser Satz erinnerte mich an den Kurzfilm In Meiner Frühlingsrolle; als Regisseur:in beschreibt Phan Thieu Hoa Nguyen, wie der von den Eltern gelernte (limitierte) vietnamesische Wortschatz es Hoa oft nicht ermöglicht, Gefühle richtig zum Ausdruck zu bringen.

Mein Vietnam bietet viele thematische Anknüpfungspunkte: Da ist die Einwanderungsgeschichte, aber da gibt es auch eine Liebesgeschichte, die von Respekt und großer Aufrichtigkeit zueinander erzählt. Von einer Freundschaft, die auch nach 30 Jahren noch sicher besteht. Thi Hien Mai hört jetzt oft Positives über die Arbeit als Putzkraft. Viele Zuschauer:innen, die den Film bereits gesehen haben, bedanken sich, denn sie können stolz sein, zu sagen, meine Eltern gehen auch putzen.

Mein Vietnam ist noch bis zum 24. Januar im Rahmen des Max-Ophüls-Preis Festivals zu sehen.

Mein Vietnam – Trailer from Tim Ellrich on Vimeo.

Autor

  • Hannah del Mestre arbeitet selbstständig als Autorin, Lektorin und Veranstaltungsorganisatorin. Nach ihrem Studium Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, hat sie vor kurzem einen Master in angewandter Literaturwissenschaft und Gegenwartsliteratur angefangen. Um up to date zu bleiben arbeitet sie in einem Berliner Indiefilm Kino. Seit sie das erste Mal etwas über den »male gaze« gelesen hat, sieht sie Filme mit anderen Augen.