FFMUC 2025: Bunnylovr

“Ich zahle dir das Doppelte, wenn du aufhörst, dich mit anderen Kund*innen zu treffen.” Rebecca (Katarina Zhu) scheinen solche Angebote vertraut, als ihr der jas95 – Selbstbeschreibung „Businessman“ – ein solches macht. Um seine virtuellen Fantasien zu befriedigen, lässt er ihr einen weißen Hasen zukommen. Als nach regelmäßigem Webcam-Posieren mit dem Tier – das nun wohl nicht umsonst den Namen Milk trägt – der Smalltalk zwar nicht zum Deeptalk aber zumindest zum Sinnieren wird, wächst in beiden das Bedürfnis sich live zu treffen, die Grenze des Digitalen zu überschreiten. Das lenkt die junge New Yorkerin von ihrer frischen Trennung ab, von der fordernden Künstler–Freundin im hippen Bushwick (Rachel Sennott), dem verlorenen Nebenjob und von den Gedanken an den lange abwesenden Vater.

© Filmfest München

In ihrem Langfilmdebüt (re)präsentiert Zhu eine Frau, die verlorener wirkt als so manche Filmheldin, aber stabiler als jene klassischen (meist männlichen) Charaktere, die auf der Suche nach sich selbst sind. Ihre Finanzen hat Rebecca mit ihrer Tätigkeit als Webcam Girl jedenfalls fest im Griff  – wir sehen und hören die Dollars in ihrem Online-Banking Account einfliegen und klingen. Eher sind es ihre Emotionen und Beziehungen, die im Asphaltdschungel schwimmen und keine Ruhe finden. Weder Euphorie, noch Verzweiflung begleiten Rebeccas Erlebnisse. Als introvertierter Charakter legt sie Wert auf Raum für sich selbst, gleichzeitig verspürt sie eine Sehnsucht nach Nähe, die sich gegen Ende in einer visuellen Erinnerungspassage an Berührungen ausdrückt – dem wohl stärksten Moment des Films. ___STEADY_PAYWALL___

Wohin führen sie ihre Beziehungen, denen wir in Fragmenten begegnen? Zieht sie der weiße Hase bzw. sein Finanzierer John aka jas95 in ein schwarzes Loch – down the rabbit hole? Als der Unbekannte aus dem Internet sie dazu auffordert, den Hasen nicht nur auf ihren Unterleib zu legen, sondern ihn an den Ohren hochzuziehen – das macht dem Tier nichts, garantiert er und erlebt sofort einen Orgasmus – und dieser daraufhin unter Schock steht, ist Rebecca aufgebracht und fordert einen sofortigen Call ein. Kurz darauf scheint diese Grenzüberschreitung wieder vergessen. Projiziert Rebecca in John unerfüllte Wünsche nach Nähe hinein, wahrt sie als Sexarbeiterin lediglich ihr professionelles Gesicht oder ist sie alles andere als nachtragend und allzu gutmütig?

Auch ihrem Vater trägt Rebecca seine lange Abwesenheit nicht nach, schließlich ist er nun schwerkrank, womöglich bleibt kaum mehr Zeit. Ihre Treffen in den Parks von Chinatown verweisen auf das soziale und kulturelle Geschichte ihrer Familie, der Rebecca in ihrer virtuellen Welt und ihrem Brooklyner Umfeld ferner scheint. Vielleicht lässt sie das Bedürfnis nach einem Neuanfang in der Beziehung zum Vater so sanft erscheinen. In der Protagonistin kommen letztlich die Fäden unterschiedlicher gesellschaftlicher Blasen New Yorks zusammen. Der Internetmann John aus Pennsylvania bleibt dabei aber kaum mehr als ein Absurdum mit gefährlichen Gelüsten. Und dem Publikum die Sehnsucht nach mehr Tiefe, wenn schließlich der Abspann zu Charli XCX’ Song Detonate anrollt.

 

Bianca Jasmina Rauch