DVD: The Friendly Beast

Ich habe den Fehler gemacht, mir den Film The Friendly Beast der brasilianischen Regisseurin Gabriela Amaral Almeida bei drückenden 38 Grad in der Wohnung anschauen zu wollen. Ich spreche von einem Fehler, weil dieses Regiedebüt keins ist, das mensch mit eingeschränkter Aufnahmefähigkeit durch ein verkohltes Gehirn bewältigen kann. Zu drückend ist die immanente Stimmung im Film, zu flüchtig sind die Feinheiten des Zusammenspiels der hervorragenden Schauspieler_innen, als dass der Film nur mit halber Konzentration zu genießen wäre. The Friendly Beast fordert seinen Zuschauenden alle Aufmerksamkeit ab,gibt dafür aber auch etwas zurück: ein spannendes und hoch psychologisches Stück Genrefilm, in dem die Grenzen zwischen menschlicher und animalischer Natur neu verhandelt werden.

Dabei startet der Film so banal und harmlos. Die Belegschaft des Restaurants La Barca ist genervt von ihren Gästen, die sich erdreisten kurz vor Ladenschluss noch pompöse Gerichte zu ordern. Die Kellnerin Sara (Luciana Paes) tut dabei alles, um ihren strengen Chef Inácio (Murilo Benício) zufriedenzustellen. Dieser wiederum denkt gar nicht daran seinen Gästen einen Wunsch abzuschlagen, um seine Mitarbeiter_innen zu entlasten. Vor allem die Crew der Küche, allen voran Koch Djair (Irandhir Santos), bekommen die volle Breitseite von Inácios Anspannung zu spüren, der von dem Wunsch getrieben wird mit seinem Restaurant den großen Durchbruch zu schaffen.

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RT/FEATURES © 2017

Die eh schon angespannte Situation eskaliert, als zwei bewaffnete Räuber das Restaurant stürmen und nicht nur Geld aus der Kasse fordern, sondern auch einen sexualisierten Übergriff an der Restaurantgästin Verónica (Camila Morgado) begehen. Zwar können die beiden Angreifer schnell von Inácio überwältigt und gefesselt werden, aber der wahre Konflikt entwickelt sich erst im Nachspiel dieses Geschehens. Denn statt, wie es naheliegend gewesen wäre, die Polizei zu rufen und die Angreifer zu übergeben, will Inácio das Gesetz ohne Rücksicht auf Verluste in die eigene Hand nehmen. Überzeugt davon, dass eine_r seiner Mitarbeiter_innen den Überfall in Auftrag gegeben haben, beginnt er, von Sara unterstützt, einen Feldzug gegen alle Anwesenden, der in einem Blutbad endet.

Gabriela Amaral Almeida schafft es in The Friendly Beast mit Bravour ein Restaurant, eigentlich Ort des Sozialen und der Geselligkeit, in eine Stätte der Feindseligkeit zu verwandeln. Die Atmosphäre des gesamten Films ist durch Misstrauen und Antipathie geprägt. Die Regisseurin transportiert diese Stimmung allerdings nicht nur auf der Ebene der Handlung, sondern unterstützt sie auch hervorragend in der Filmsprache.  In den auffallend dunkel und kühl gehaltenen Bildern sticht nicht einmal das immer großzügiger eingesetzte Kunstblut farblich hervor. Es benetzt irgendwann wie schwarzer Teer die Szenerie. Der düstere, mit durchdringenden Synthesizerklängen komponierte Soundtrack verstärkt die bedrohliche Atmosphäre dabei noch auf der auditiven Ebene.

RT/FEATURES © 2017

Diese herausragend aufeinander abgestimmten, filmischen Mittel sorgen dafür, dass The Friendly Beast ein Film ist, den mensch mit dem ganzen Körper wahrnehmen kann. Das Bild und der Sound jagen den Zuschauenden Schauer über den Rücken, wie ein unangenehmer Tagtraum. Wenn mit Fortschreiten der Handlung das Gezeigte immer widerlicher und dreckiger wird, wenn Sara gezeigt wird, wie sie mit bloßen Händen einen blassen Tierkörper zerrupft und verspeist oder wenn der verschwitzte und blutige Inácio Djair auf äußerst brutale Art die Haare schneidet, dann ist das kein schönes Filmerlebnis, aber ein intensives. Spätestens in der Sexszene zwischen Sara und Inácio – einer der verkrampftesten und unerotischsten Darstellungen, die das jüngste Kino gesehen haben dürfte – beweist sich The Friendly Beast als somatisches Meisterwerk.

RT/FEATURES © 2017

In seiner Intensität macht der Film offen klar, was er aussagen will. Er betont das Animalische im Menschen, das innere Tier, welches Gabriela Amaral Almeida unmissverständlich mit Aggression, Unzivilisiertheit und Maßlosigkeit verbindet. Der Mensch – ob nun brutaler Räuber, prekär lebende Kellnerin oder privilegiertes Ehepaar – ist ein “freundliches Biest”, das sich im Überlebenskampf schließlich kaum mehr vom Tier unterscheidet. Urplötzlich spielt dann Gemeinschaftlichkeit, Solidarität oder Gerechtigkeit keine Rolle mehr, sondern nur noch der Überlebensinstinkt. Ob die Regisseurin damit, wie beispielsweise der Marquis de Sade mit seinem berühmten Ausspruch “Der Mensch ist ein schönes, böses Tier” in die Kerbe des Amoralismus schlagen will, oder gerade dagegen Stellung beziehen möchte, ist dabei nicht ganz so ersichtlich. Klar ist jedoch, dass der Film als Debütwerk das Potenzial hat, eine außergewöhnliche Regiekarriere einzuleiten, die es zu verfolgen gilt.

DVD-Veröffentlichung: 07.07.2019

Sophie Brakemeier

Sophie Brakemeier ist Medienwissenschaftlerin, Feministin, Rugbyspielerin und Punk-Fan. Wenn sie könnte, würde sie alles davon gleichzeitig betreiben – immer mit vollem Körper- und Kopfeinsatz!
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