Die Eiskönigin – Völlig unverfroren und progressiv

Der neue Disney Weihnachtsfilm ist da und der lahme Wortwitz im Titel wird ihm so gar nicht gerecht. Die Eiskönigin – Völlig unverfroren ist in vielerlei Hinsicht gelungenes Familienkino, mit einigen wenigen Einschränkungen. Um Euch den Film und meine Überlegungen hierzu ausführlich darzustellen, wähle ich diesmal einen anderen Weg und orientiere mich an drei verschiedenen Trailern.

Die Eiskönigin – Völlig unverfroren ist für mich eine kleine Reise in die Vergangenheit. Disney besinnt sich auf seine Stärken: Märchen und Musik. Die Geschichte von den beiden Schwestern Anna und Elsa folgt der klassischen Märchendramaturgie. Es geht um ein Königreich, um eine böse Hexe und die Liebe. Aber irgendwie ist dann doch alles ein bisschen anders, fortschrittlicher vielleicht. Aber dazu später mehr.

Die Eiskönigin mal anders

Die Schwestern Anna und Elsa wachsen zunächst gemeinsam auf, doch die magischen Kräften letzterer werden mehr und mehr zur Gefahr. Zu ihrem eigenen Schutz, vor allem aber dem der Schwester, verbringt Elsa einen Großteil ihrer Kindheit einsam und isoliert. Nach dem Tod der Eltern wird sie als Ältere trotz allem zur Königin gekrönt. Doch Elsa kann ihre Kräfte nicht kontrollieren, belegt das Königreich unfreiwillig mit einem ewigen Winter und flieht in die Berge. Nun ist es an Anna, ihre Schwester zu finden und mit ihr gemeinsam den Sommer zurückzubringen. Während ihr Verlobter Hans das Schloss hütet, begibt sich Anna auf eine gefährliche Reise, bei der sie von dem Naturburschen Kristoff, seinem Rentier Sven und dem Schneemann Olaf begleitet und unterstützt wird.

Wie so oft im Disneyfilm sind es auch hier gerade die Nebencharaktere, die mit viel Witz unsere Sympathie gewinnen. Rentier Sven erinnert eher an einen treuen Hund und Olaf, gesprochen von Hape Kerkeling, hat definitiv das Zeug zum Alleinunterhalter. Es ist also kein Wunder, dass einer der deutschen Trailer sich ausschließlich diesen beiden Figuren widmet.

Aber nicht nur diese beiden Figuren erinnern an das klassische Disney-Konzept. Es ist vor allem die Rückkehr zum Musical, die hier besonders auffällt. In der deutschen Version wirken die Arien manchmal ein wenig zu überladen, so kitschig, dass zumindest Erwachsene mit Gefühlen der Fremdscham zu kämpfen haben. Dafür entschädigen dann grandiose Gesangseinlagen wie Olafs Sommer-Song oder auch die beeindruckenden Duette der beiden Schwestern. Mich irritierte bei all dem lediglich die dramatische Gestik und Mimik der menschlich animierten Figuren. Früher, als Zeichentrick noch genau das war, nämlich gezeichnete Tricks, passte die Künstlichkeit der Bilder hervorragend zu den oft unvermittelten Gesangseinlagen. Je realistischer die Animation nun wird, desto schwerer lässt sich das musikalische Konzept damit vereinen. Für meinen Geschmack versucht Die Einkönigin – Völlig unverfroren zu sehr, menschliche Musicalposen zu kopieren, anstatt eine eigene Bildsprache zu entwickeln. Dadurch erinnert der Film zeitweise an die romantische Komödie Verwünscht, die ganz bewusst mit dem Gegensatz von Spielfilm und Disney-Musical-Dramaturgie spielt und daraus ihren Witz generiert.

Ein progressives Frauenbild im Disney-Film?

Es ist für ein Märchen nicht untypisch, dass eine weibliche Figur im Mittelpunkt der Geschichte steht. Hier sind es gleich zwei, die die Handlung voran treiben und zugleich die Viefalt weiblicher Identitäten demonstrieren. Interessant finde ich, dass der deutsche Trailer die Figur der Anna deutlich stärker betont, während der US-amerikanische Originaltrailer Elsa in den Fokus stellt. Beginnen wir mit Anna:

Anna ist sozusagen die Disney-Version von Bella Swan: tollpatschig und verrückt nach wahrer Liebe. Es dauert keine zehn Minuten, da ist sie schon mit ihrem absoluten Traummann verlobt. Glücklicher Weise wird der Film jedoch nicht müde, dieses überstürzte Versprechen ironisch zu unterlaufen. Nicht nur Elsa erzürnt über ihre naive Schwester, auch Kristoff verleiht seiner Skepsis wiederholt Ausdruck. Die verklärte Liebe auf den ersten Blick, die keinerlei Kennenlernphase bedarf, ist hier also keine Option. Auch ist Elsa alles andere als die klassische damsel in distress, die von einem mutigen Prinzen gerettet werden muss. Sie ist es, die ausreitet, um die wildgewordene Eiskönigin zu bändigen, während ihr Verlobter das Haus hütet. Dass ihre persönliche Mission schließlich doch auch die Suche nach einem geeigneten Ehemann beinhaltet wird durch die Gegenüberstellung mit Elsas Geschichte ausgeglichen.

Elsa ist im Grunde die interessantere Figur. Sie verfügt über Zauberkräfte, die unmittelbar mit ihren Emotionen verknüpft sind. Die Kontrolle über ihre Magie ist also letztlich auch eine Kontrolle über Emotionen. Statt ihrem Kind den Umgang mit seinen Fähigkeiten zu lehren, entschließen sich die Eltern für das Konzept der Verdrängung. Der plötzliche und destruktive Ausbruch der Magie ist damit vorprogrammiert. Und wie immer, wenn lange gedeckelte Gefühle endlich ausbrechen, erlebt die Betroffene dies als  Befreiung. Wenn Elsa ihre „Ich bin frei“-Arie anstimmt, ist das fast wie ein Akt der Emanzipation von der Unterdrückung. Endlich darf sie sein wie sie ist. Leider unterminiert Disney diese Befürwortung weiblicher Stärke umgehend mit der Betonung von Elsas Körperlichkeit. Die Eiskönigin verwandelt sich leider nicht nur in eine selbstbewusste Frau, sondern zudem in eine Barbiepuppe mit Wespentaille und Riesenbrüsten. Auch wenn diese geradezu verboten künstliche Darstellung des weiblichen Körpers im Laufe des Films abgeschwächt wird, brannte sich dieser Moment doch auf unangenehme Weise bei mir ein. Die Bejahung der eigenen Identität sollte nicht unmittelbar damit verbunden sein, einem unnatürlichen Schönheitsideal zu entsprechen. Erfreulicher Weise nimmt Elsas Geschichte schließlich jedoch einen Weg abseits der klassischen Märchenprinzessin. Während ihre Schwester nach wie vor nach der großen Liebe sucht, bleibt Elsas zentraler Konflikt der ihrer Identität. Ihr Ziel ist es nicht, einen Mann, sondern mitsamt ihrer Magie, ihren Fähigkeiten und Emotionen wieder einen Platz in der Gesellschaft zu finden.

Wie der deutsche Trailer schon andeutet, ist die Rolle des Mannes in Die Eiskönigin – Völlig unverfroren hier eine ganz andere als wir es aus dem Märchen gewohnt sind: Es geht auch ohne! Der Prinz muss nicht die Prinzessin retten und selbst als schließlich ganz traditionell die wahre Liebe das Böse besiegen soll, bleibt er auf den Zuschauerrängen sitzen.

Ein letzter Wermutstropfen tut sich hier dennoch auf. Die Lösung des Problems kommt dann doch etwas zu einfach daher, so einfach gar, dass wir sie als Zuschauer_innen gar nicht als Lösung empfinden, sondern eher als einen amourösen deus ex machina. Das mindert doch sehr die Freude am selbstverständlichen Happy End.

Trotz kleinerer Kritikpunkte ist Die Eiskönigin – Völlig unverfroren dennoch ein gelungener Film, der mit seinem Witz Kinder wie Erwachsene zu unterhalten weiß und mit seiner Musik ein wenig den alten Disney-Zauber zurückbringen kann. Neben dem Unterhaltungsfaktor hat mich der neue Disney-Weihnachtsfilm jedoch auch mit seiner progressiven Botschaft überzeugt: Die romantische Zweierbeziehung ist eben nur eines von vielen möglichen Lebenszielen – auch im Leben einer Märchenprinzessin.

Kinostart: 28. November 2013