Der Honiggarten – Das Geheimnis der Bienen

Der Honiggarten – Das Geheimnis der Bienen kommt oberflächlich betrachtet als verbotene Romanze vor der Kulisse eines beschaulichen schottischen Dorfes in den 1950ern daher. Hinter dieser Geschichte von geheimer Liebe, den schicken Kostümen und idyllischen Landschaftsaufnahmen verbirgt sich allerdings eine durchaus treffende Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse. Regisseurin Annabel Jankel deckt in ihrem Drama die Konsequenzen von Sexismus, Homophobie und Rassismus ohne komplexe soziologische Analyse auf, sondern veranschaulicht stattdessen die alltägliche Gewalt dieser Verhältnisse.

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Charlie (Gregor Selkirk) wächst in einer Welt voller Frauen* auf. Seine Mutter Lydia (Holliday Grainger) ist alleinerziehend. Nach einer überstürzten Heirat aufgrund der Schwangerschaft, zog der Vater zunächst in den Krieg und verließ die Familie anschließend für eine neue Frau*. Lydia schuftet in der Textilfabrik: Knochenjob, Hungerlohn, sich krank in die Fabrik schleppen und die Vorgesetzten fürchten. arbeitende Frauen* sind im Film ebenso allgegenwärtig wie ihre harte Lebensrealität.

© capelight pictures / Neil Davidson

Lydia ist niedergeschlagen und isoliert. Dies ändert sich, als eine neue Ärztin die örtliche Praxis übernimmt. Jean (Anna Paquin) kehrt nach dem Tod ihres Vaters in die Heimat zurück, um sich um dessen Patient_innen und den Bienenstöcken im Garten anzunehmen. Die titelgebenden Bienen faszinieren den kleinen Charlie, ihnen kann er seine Geheimnisse anvertrauen. Der Junge beobachtet die Bienen ebenso aufmerksam wie seine Umwelt und erfährt auf diese Weise eine Menge Geheimnisse. Jankel setzt das Summen der Bienen, ihren Tanz und ihr Schwärmen gekonnt ein, um den Spannungsbogen der Handlung zu unterstreichen. Die Bienen und Charlie halten die Geschichte zusammen und verbinden die unterschiedlichen Handlungsstränge.

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Im Vordergrund steht die Beziehung zwischen Lydia und Jean. Die beiden Frauen* freunden sich an und als Lydia und Charlie die Miete für ihr Haus nicht mehr bezahlen können, nimmt Jean sie bei sich auf. Aus der Freundinnenschaft wird eine Liebesbeziehung. Wirklich gelungen hierbei ist, dass die beiden nicht nur als Paar existieren, sondern jeweils über eine eigene Hintergrundgeschichte verfügen, die sich den Zuschauer_innen Schritt für Schritt offenbart

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Ganz kurz können die Protagonist_innen und das Publikum auf eine seichte Schottlandromanze hoffen. Die Idylle hält jedoch nicht lange an, denn der Ort des Geschehens ist, wie Jean sagt, für Geheimnisse zu klein. Jankel fängt diesen kleinstädtischen Charakter, in dem jede_r jede_n kennt und sich Gerüchte schneller verbreiten als gesellschaftlicher Fortschritt, gekonnt ein: Die Vorbehalte gegenüber der weiblichen Ärztin, die Verurteilung der alleinstehenden Frau* mit Kind, die heimlichen Affären, die Angst vor gesellschaftlichem Ausschluss.

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Der Honiggarten verbleibt nicht bei einer romantischen Verklärung heimlicher Liebe. Der Verstoß gegen Konventionen ist insbesondere für Frauen* bedrohlich, sogar lebensgefährlich. Noch bevor Lydia und Jean Begehren füreinander zeigen, beginnt das Gerede. Dieses steigert sich zu hompophoben Übergriffen – so brutal, dass sie kaum zu ertragen sind. Die Frauen* werden bespuckt, ihre Hauswand beschmiert, sollen durch Vergewaltigung „umgedreht“ werden.

Charlies Vater sorgt sich indes darum, dass Charlie kein richtiger Mann* würde, wenn er ohne Vater aufwachse. Er streitet nicht aus Liebe zu seinem Sohn um das Sorgerecht, sondern um Macht über seine Ex-Frau* auszuüben. Er fühlt sich durch ihre neue Beziehung in seiner Männlichkeit* verletzt. Diese Männlichkeit* wird leider völlig platt über Feinripphemden und Aggression verkörpert, weshalb der Vater als Bösewicht oberflächlich bleibt und Jankel dem Publikum eine Abgrenzung zu diesem Widerling fast schon zu einfach macht.

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Anhand von Themen wie Homophobie, Rassismus und Abtreibung zeigt Der Honiggarten die gewaltsame Zurichtung von Frauen* und Männern* durch gesellschaftliche Normen, also Sanktionen und Erwartungshaltungen, die Menschen in die von der Gesellschaft vorgegebenen Kategorien zwingen. Diese erzwungene Anpassung, die den Anschein von “Normalität” trägt, wird in Der Honiggarten, als jene Brutalität entlarvt, die sie tatsächlich darstellt. Annabel Jankel trifft mit ihrem Film einen sehr aktuellen und schmerzhaften Nerv und offenbart– wenn auch manchmal zu gewollt – ein Gespür für die Unterdrückung durch race, class, gender. 1952 ist noch nicht lange her, Sexismus, Homophobie und Rassismus sind noch lange nicht überwunden. Übergriffe auf Lesben nehmen in letzter Zeit sogar zu. Neben einem dicken Kloß im Hals wegen der alltäglichen Gewalt gegen Frauen*, hinterlässt Der Honiggarten aber auch den Triumph kleinerer und größerer Rebellionen. Liebe lässt sich nicht verbieten.

Kinostart: 5. September 2019

Lea Gronenberg

Lea Gronenberg ist Politikwissenschaftlerin und Nerd. Filme und Serien sind für sie ein Ort der Zuflucht und zugleich ein Ort für Gesellschaftsanalyse und -kritik.
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