DVD: Bound

Mit den Wachowskis verbinden wir in der Regel zuallererst Blockbuster wie Matrix, V wie Vendetta und Cloud Atlas. Aber noch vor diesen Science Fiction Meisterinnenwerken, die allesamt Kultstatus erlangten, schufen die Schwestern Lana und Lilly Wachowski mit Bound 1996 einen klassischen Gangster_innenfilm. Passend zum Revival der 90er erscheint dieser nun als Director’s Cut auf DVD und BluRay und erfüllt zumindest optisch schon mal alle Erwartungen an sein Jahrzehnt: Stacheldrahttattoos, Spaghettiträger und Wet Hair Look.

Die Filmemacherinnen bedienen Themen und Figuren sowie die Grundstimmung und den Stil des Film Noirs und erfinden ihn zugleich grundlegend neu. (Anti-)Heldin in Bound ist Corky (Gina Gershon), die gerade erst aus der Haft entlassen wurde und sich mit Hausmeisterinnentätigkeiten über Wasser hält. Sie trifft auf Femme Fatale Violet (Jennifer Tilly), die mit dem Mafioso Ceasar (Joe Pantoliano) zusammenlebt. Lana und Lilly Wachowski entscheiden sich ganz bewusst und genreuntypisch für zwei weibliche* und wie sich später herausstellt noch dazu lesbische Hauptfiguren.

© capelight pictures

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Mit Figuren, die Verbitterung und Menschenfeindlichkeit ausstrahlen, einer Geschichte von Verbrechen, unterschiedliche  Zeitebenen, einer Erzählstimme aus dem Off sowie einer insgesamt düsteren Grundstimmung bleiben Lana und Lilly Wachowski den Regeln des Film Noirs treu. Dabei spitzen sie ihre Inszenierung allerdings derart zu, dass sie sich stets auf einem schmalen Grad zwischen Genre und Trash bewegt.

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Das Kennenlernen von Corky und Violet ist so überzogen sexualisiert, dass es nahezu an einen Softporno erinnert. Die Regisseurinnen spielen zudem mit Klischees: die Butch, die mit Feinripphemd handwerkliche Arbeiten erledigt und ihren Kaffee schwarz trinkt, steht neben der femininen Violet, die zunächst den Anschein einer braven (heterosexuellen) Hausfrau* erweckt.

Gewalt und Kriminalität sind wichtige Bestandteile des Film Noirs. Bound deutet Folterszenen jedoch nur in Ausschnitten oder Dialogen an und überlässt die brutalen Details der Phantasie seiner Zuschauer*innen. Obwohl die Regisseurinnen nicht an Kunstblut, Schlägen und Schüssen sparen, bleibt die Darstellung von Gewalt so artifiziell, dass eine gewisse Distanz bestehen bleibt. Auch diese stilistischen Entscheidungen unterstreichen den Hang zum Trash.

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Gemeinsam planen die beiden (Anti-)Heldinnen der Geschichte, der Mafia 2 Millionen Dollar zu stehlen und sich damit gemeinsam aus dem Staub zu machen. Die besondere Erzählweise, in der sich Planung und Durchführung überlagern, bringt Spannung in die an sich wenig komplexe Handlung und hält diese bis zum Schluss aufrecht. Corkys Plan begleitet als Voice Over den Coup, in Zuge dessen vor allem Violet zeigen muss, dass sie es mit der Mafia aufnehmen kann.

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Auch wenn der Plot an sich – zwei Gangster_innen planen einen Coup – nicht sonderlich originell ist und die Hauptfiguren auf den ersten Blick Klischeelesben verkörpern, erweist sich Bound schließlich als vielschichtiger als gedacht. So unterscheidet beispielsweise Violet klar zwischen dem Sex mit ihrer Liebhaberin Corky und dem eher beruflichen, wenn natürlich auch ebenfalls sexuellen, Verhältnis, das sie zu Ceasar pflegt. Damit emanzipiert sie sich von der oberflächlichen Erscheinung als naive „Mafiabraut“ und braven “Hausfrau*”. Corky wiederum zeigt auch eine romantische, verletzliche Seite, wenn sie über das besondere Vertrauensverhältnis krimineller Partner_innenschaften reflektiert .

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Bound überzeugt auch mit spürbarer Lust an der Genre-Inszenierung an sich. Wenn Corky beispielsweise ihre Dietriche als Ohrringe anlegt, offenbart sich große Liebe zum Detail. Die Kameraführung, die einem Anruf über das Telefonkabel durch die dünne Wand der Apartments von Violet und Corky folgt, nimmt wiederum schon die stilistische Weiterentwicklung der Regisseurinnen vorweg, die sie mit Matrix vollziehen werden. Schließlich zeigt sich auch ein Hang zu absurder Komik, wenn Ceaser mit einer wortwörtlichen Geldwäsche 2 Millionen Dollar zum Trocken auf Wäscheleinen aufhängt oder ein Polizist die Toilette nutzt, während sich hinter dem Duschvorhang Leichen stapeln.

Erst der Erfolg von Bound ermöglichte drei Jahre später Matrix, der mit innovativen Spezialeffekten und aufwendigen Kampfszenen beeindruckte. Während Matrix zuletzt vor allem für antifeministische Verschwörungsideologien herhalten musste, bietet die Mafia-Lesben-Story viel Potential für weibliches* Empowerment. Die DVD-Veröffentlichung ist insofern eine gute Gelegenheit, die Wachowskis feministisch wiederzuentdecken.

DVD-Veröffentlichung: 20. September 2019

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Lea Gronenberg

Lea Gronenberg ist Politikwissenschaftlerin und Nerd. Filme und Serien sind für sie ein Ort der Zuflucht und zugleich ein Ort für Gesellschaftsanalyse und -kritik.
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