Berlinale 2026: Im Dialog: Yön Lapsi (Nightborn)

Wie wir einen Film sehen, empfinden und interpretieren, hat viel mit uns selbst, unserer Lebenswelt und den Erfahrungen darin zu tun. Gerade wenn es um das Thema Mutter- beziehungsweise Elternschaft geht, können Wahrnehmungen eines einzelnen Werks stark auseinandergehen. Daher haben wir uns entschlossen, den Film Yön Lapsi von Hanna Bergholm Im Dialog zu besprechen – zwischen einer Mutter (Sophie Charlotte Rieger) und einer Nicht-Mutter (Sophie Brakemeier). Entstanden ist ein Text, der nicht nur als Kritik funktioniert, sondern auch als allgemeine Reflektion über die Darstellung von Mutterschaft in Film und Fernsehen. 

In Yön Lapsi zieht das finnisch-britische Paar Saga (Seidi Haarla) und Jon (Rupert Grint) in ein Haus im Wald. Hier planen sie, eine Familie zu gründen, mitten im Idyll der finnischen Natur. Doch nach der Geburt von Kuura stellt sich statt der Traumvorstellung eher ein Albtraum ein.

Nicht-Mutter: Ich bin komplett blind in den Film reingegangen, ich kannte nur das Genre und war natürlich direkt interessiert. Horrorfilme laufen immerhin nicht oft auf der Berlinale und das, obwohl sich Horror als Genre ja in den letzten Jahren deutlich auch für Sujets und Themen geöffnet hat, in denen gesellschaftliche und soziale Themen verhandelt werden. In Yön Lapsi ist der Horror in der Beziehung einer Mutter zu ihrem neugeborenen Baby verankert, aber mir fiel es tatsächlich schwer, den thematischen Zugang genau zu verorten. Geht es vielleicht ein bisschen um regretting motherhood, geht es um postnatale Depressionen oder vielleicht um was ganz anderes oder gar nichts?

Mutter: Spannend, dass wir aus völlig unterschiedlichen Gründen reingegangen sind. Ich mag Horrorfilme gar nicht, interessiere mich aber sehr dafür, wie das Thema Mutterschaft im Film verhandelt wird. Interessanterweise hat mich Yön Lapsi nicht sehr gegruselt, zumindest nicht in der Form, wie mir Horrorfilme normalerweise echte Angst machen, die sich für mich unangenehm anfühlt. Vielmehr hat mich der Film extrem gerührt. Er hat für mich so punktgenau den Horror meiner eigenen frühen Mutterschaft, also die ersten Monate nach der Geburt meines Kindes, mit den Mitteln des Genres in Bilder übersetzt … das hat mich zutiefst bewegt und zu Tränen gerührt. Nach dem Film dachte ich: Das ist der beste Film über Mutterschaft, den ich jemals gesehen habe! Aber ich war mir nicht sicher, ob Menschen, die nicht geboren oder gebärende Menschen sehr eng begleitet haben, zu dieser Ebene Zugang haben. War der Film für Dich gruselig oder zumindest mitreißend? Hast du viel gelacht (in unserer Vorführung wurde sehr viel gelacht)?

Nicht-Mutter: Gelacht wurde bei uns gar nicht, wenn ich mich recht erinnere. 

Mutter: Da sehen wir mal wieder, wie sehr Kino eigentlich eine Kunst des Moments ist, fast eine Performance. Wie das Publikum reagiert, hat ja auch starke Auswirkungen darauf, wie wir selbst den Film wahrnehmen. Bei uns wurde sehr viel gelacht auch in Momenten, in denen ich dachte: Das ist gar nicht lustig, das ist furchtbar und zwar furchtbar wahr!

Und der Grusel?

Nicht-Mutter: Ich fand die Horrorelemente vor allem zu Beginn des Films schon sehr gelungen. Die Szene, in der Saga und Jon zum ersten Mal den Wald um ihr Haus erkunden, ist mir sehr in Erinnerung geblieben. Der Einsatz von Soundkulisse und den zu dem Zeitpunkt noch subtilen Andeutungen davon, dass da irgendwas ist hat mir schon eine ordentliche Gänsehaut beschert. Auch die Momente, in denen die körperliche Verfasstheit von Kuura nur in ganz kurzen Sequenzen zu sehen ist, haben mich durchaus abgestoßen. Zusammen mit dem permanenten Geschrei dann auch noch? Das war fast körperlich unangenehm.___STEADY_PAYWALL___

Mutter: Das mag merkwürdig klingen, aber es freut mich, das zu hören. Für mich hat Hanna Bergholm hier perfekt geschafft, dieses ganz spezielle Gefühl, das das Geschrei deines eigenen Kindes auslöst, durch das Horrorelement des animalischen Schreiens allgemein zu übersetzen. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie sich das für mich angefühlt hat, als mein Kind geschrien hat – übrigens wie Kuura ein Schreibaby. Es ging durch Mark und Bein, ich konnte es nicht ignorieren, es war unmöglich. Manchmal habe ich noch heute Flashbacks von diesem Gefühl, wenn ich andere Babys schreien höre. Was auf mich wiederum völlig anders gewirkt hat, war das, was Du Kuuras körperliche Verfasstheit nennst. Die Körperhaare zum Beispiel haben bei mir sehr zärtliche Gefühle ausgelöst, denn es ist tatsächlich normal, dass Babys bei der Geburt so einen Ganzkörperflaum haben (wenn auch nicht in dem Maße wie Kuura natürlich). Das hat mich – so wie auch Saga – extrem verunsichert, weil die idealisierten Bilder von Geburt und Neugeborenen (die im Film ja eh nie echte Neugeborene sind) uns das nicht zeigen. Das war für mich auf eine nie gesehene Weise total auf den Punkt inszeniert.

© Pietari Peltola

Nicht-Mutter: Dieses markante Schreien bleibt ja auch für den Rest des Films ein sehr prägendes Element und auch über den Film hinaus dadurch lange im auditiven Gedächtnis. Das reine Gruseln hat bei mir im  Verlauf des Films mit dem häufigeren Einsatz von praktischen Effekten dann auch etwas abgenommen, denn dann wurde mir etwas zu viel von dem gezeigt, was vorher nur in meiner Fantasie passiert ist. Was mich aber tatsächlich am meisten mitgenommen hat, war eine eigentlich ganz kurze und unscheinbare Einstellung: Saga sitzt blutverschmiert und erschöpft nach einer körperlichen Auseinandersetzung mit Jon an Kuuras Babybett. Er schreit bitterlich, sie ist extrem mitgenommen, erschöpft und doch fürsorgend. Der Moment hat mich etwas überwältigt und ich glaube, da habe ich die Aussagen nachvollziehen können, die der Film über Mutterschaft trifft. 

Mutter: Ich persönlich habe nie zu viel gesehen, es war für mich durchgehend genau richtig. Aber gen Ende hatte ich das Gefühl, dass die Inszenierung mit Blick auf die Effekte so einen Millimeter hinter dem zurückbleibt, was sie erreichen möchte. Da ist mir vor allem die Szene der körperlichen Auseinandersetzung zwischen Saga und Jon in Erinnerung, bei der ich innerlich zu Berholm sagte: „Ich weiß, was Du hier versuchst, aber Du bist nicht ganz am Ziel angekommen.”

Es freut mich übrigens wahnsinnig, so richtig innerlich beseelend, dass Dir die von Dir beschriebene Szene eine Vorstellung von Mutterschaft vermittelt hat. Ich habe irgendwo mal gelesen, Mutterschaft sei ein transformatives Ereignis, das wir nur verstehen können, wenn wir es selbst erlebt haben. Ich glaube, Yön Lapsi macht einen ziemlich guten Job darin, für das Publikum ein transformatives Erlebnis zu erschaffen.

Nicht-Mutter: Wie fandest du die Rolle von Jon in diesem Zusammenhang? Er kam mir etwas simplifiziert als eine Verkörperung dessen rüber, woran es hakt, wenn es um das Verständnis für Mütter in belasteten Beziehungen zu ihren Kindern geht: Er hat immer einfach Lösungen und Erklärungen für alles: Alle sind zu finnisch, Saga muss dies machen und das machen und mit wem reden und dann wird schon alles gut. Er meint es nicht böse, aber er will das Problem nicht sehen und ist damit Teil des Problems.

Mutter: Spannend, wie Du das empfindest. Ich hatte über lange Strecken das Gefühl, er ist viel zu idealisiert, so fürsorglich, informiert, sich Sagas extremer Verantwortung bewusst, da er so viel beruflich unterwegs ist. Aber jetzt, wo Du es sagst, fällt mir das auch auf: Ich glaube, Saga leidet insgesamt darunter, was ihr andere darüber vermitteln, was eine gute Mutter ist. Du hast ja keine Vorstellung, wie viele Menschen plötzlich eine ganz eindeutige Meinung haben, wenn Du ein Schreibaby hast. Alle geben Dir sich widersprechende Ratschläge und sind tief getroffen, wenn Du sie nicht annimmst. Dazu kommen diese ganzen idealisierten Bilder, die Du über die Jahre gesehen hast und die nichts mit der Realität zu tun haben. Ich hab das wahnsinnig gefeiert, als wir in einer Einstellung Sagas Wochenfluss sehen. Das habe ich, glaube ich, noch nie im Kino gesehen!

Nicht-Mutter: Das finde ich wiederum spannend, denn die Szene habe ich persönlich im ersten Moment auch als überzeichnetes Horrorelement wahrgenommen. Mir war bis jetzt gar nicht klar, wie intensiv und blutig diese Nachwirkungen einer Geburt sein können – gerade weil so wenig darüber geredet wird und weil es kaum mediale Bilder davon gibt. Das ist mir als Frau schon fast peinlich. Vielleicht übersetzt sich das Thema deswegen auch so gut in einen Horrorfilm – nicht wegen des Blutes, sondern wegen der Konfrontation mit körperlicher Realität, die ein so großer Teil des Publikums nie erleben wird, obwohl sie ein elementarer Teil des Lebens ist.

Mutter: Ja, absolut. Und ich habe auch die ganze Zeit gedacht: Diese ganz körperlichen Veränderungen, diese Entfremdung vom eigenen Körper, die damit einhergehen kann, ist ja auch der Horror. Großartig auch, dass Saga nach ihrer traumatischen Geburt nicht schwingenden Schrittes fröhlich aus dem Krankenhaus spaziert, sondern gebückt an Krücken läuft. Schmerzen beim Stillen, welche stillende Person kennt das nicht? Daraus einen Horrorfilm zu machen, liegt so nahe, dass es mich überrascht, das nicht schon viel häufiger gesehen zu haben (wobei ich gestehen muss, sehr wenig Horrorfilme geguckt zu haben). Ich glaube, wenn wir schwanger werden und ein Kind gebären, sind wir näher an unserer animalischen Seite als zu jedem anderen Zeitpunkt in unserem Leben, weil so vieles instinktiv abläuft, was wir nicht mehr gewöhnt sind. Das ist magisch, aber auch unheimlich. Der Wald hat das für mich in diesem Film sehr gut widergespiegelt: Es gibt diese Sehnsucht, nach der eigenen Verbindung mit der Natur und dem Instinktiven, aber es ist in einem so rationalen Zeitalter wie dem unseren auch zutiefst unheimlich.

Nicht-Mutter: Aber hat dir noch was Essentielles gefehlt im Film, um das Thema für dich rund zu machen?

Mutter: Ich hatte das Gefühl, dass ich viel aus meiner eigenen Erfahrung projiziere und der Film uns eigentlich nicht so viel darüber erzählt, wie Saga in diese Lage gekommen ist. Also der ganze Druck von außen, die idealisierten Bilder, die Erwartungen an sich, das Kind und die Gesamtsituation. Dadurch läuft Yön Lapsi meines Erachtens Gefahr, das Narrativ der hysterischen Frau fortzuschreiben, die stark emotional und für Außenstehende irrational reagiert, weil es ihre Natur ist, und nicht, weil sie auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen reagiert. Wie hast Du das empfunden?

Nicht-Mutter: Ja, das kann ich so unterschreiben. Die gesellschaftliche Komponente wird hier meines Erachtens nach für Sagas Leiden sehr unterkomplex thematisiert. Hier hat mir ein Element, vielleicht eine weitere Figur gefehlt, die Saga Verständnis zukommen lässt, statt sie den ganzen Film allein auf weiter Flur zu lassen. 

Mutter: Da hat mir der gesellschaftliche Kontext wiederum gar nicht gefehlt. Ich glaube, Saga kann ihren Weg nur alleine gehen, weil es gerade darum geht, sich von äußeren Einflüssen zu befreien und in diesem instinktiven Prozess die eigene innere Stimme zu hören. Das ist aus meiner Erfahrung heraus extrem schwierig. Das Ende hat mich daher zutiefst berührt. Ich kam aus dem Kino und wollte einfach nur mein Kind ganz fest in den Arm nehmen. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass viele Menschen nach dem Film auch ein bisschen ratlos sind. Wie ging es Dir damit?

Nicht-Mutter: Ratlos trifft es ganz gut. Aus Horrorfan-Perspektive fand ich die Eskalation am Ende sehr gelungen, aber ich habe mich danach gefragt, ob der Film sich mit dem Ende innerhalb einer Kultur-vs.-Natur-Debatte positionieren will und was ich daraus ziehen möchte. Diese Trope der Rückkehr zur Natur kann ja auch sehr regressive Züge annehmen. Ich dachte zuerst, dass mir da vielleicht auch das Wissen über finnische Folklore fehlt, um es richtig einschätzen zu können. Deine Perspektive, vor allem auch in Hinblick auf das Animalische und Instinktive, hilft mir dabei sehr, das Ende – und den Film im Ganzen – nochmal ganz anders zu deuten. 

Mutter: Was Du über die Rückkehr zur Natur sagst, war auch mein erster Impuls. Aber da bin ich im Kopf und nicht im Gefühl. Wenn ich im Gefühl bleibe, nehme ich das Ende ganz anders wahr, nämlich sehr versöhnlich, liebevoll und auch ermächtigend. Ich habe durch das Ende verstanden, was der Begriff Versöhnung wirklich bedeutet. Einfach ein wundervoller Moment, gerade durch seine Offenheit und Möglichkeit der Interpretation. Ein richtiger Magic Moment des Kinos. Das habe ich lange nicht mehr erlebt.

 

Yön Lapsi (Nightborn) ist Teil des Wettbewerbs der 76. Berlinale.

Sophie Brakemeier