Berlinale 2026: Allegro Pastell
Eigentlich hatte Jerome (Jannis Niewöhner) für den Nachmittag mit seinem Freund Julian (Jakob Schreier) einen Ketamin-Trip geplant. Stattdessen muss er mit Julian und dessen Tochter in eine Ausstellung: „That’s adulthood I guess, weniger Rausch und mehr Dauerausstellungen”, sinniert er. In Anna Rollers Allegro Pastell werden einige solcher Weisheiten über das Leben als Thirtysomething preisgegeben: z. B. dass, das Leben ab dreißig die Beste Zeit oder Sex in den dreißigern zwar gut, aber auch austauschbar, sei – oft in einem Ton, der offen lässt, ob die Aussagen mit einem Augenzwinkern zu verstehen sind oder nicht. Der Film basiert auf dem gleichnamigen, 2020 veröffentlichten Roman von Leif Randt, der auch das Drehbuch geschrieben hat und erzählt die romantische Beziehung der Schriftstellerin Tanja Arnheim (Sylvaine Faligant) und dem Webdesigner Jerome Daimler, die sich zwischen Berlin und einem Frankfurter Vorort im kontinuierlichen Aushandeln von Nähe oder Distanz und Monogamie oder offener Beziehung befinden.

© Felix Pflieger
Auf der Bildebene besticht Allegro Pastell durch warme und kräftige Farben, die sich in den Kostümen und durchweg ästhetisch eingerichteten Wohnungen wiederfinden lassen und Anna Rollers Blick schafft einen Film, dessen Bilder besonders im kalten Februar wohltuend wirken. Im Gegensatz dazu wirkt die Charakterisierung der Figuren oft kühl und distanziert, unterstrichen durch den fortwährenden Mailaustausch, der zwar das Innenleben von Tanja und Jerome vermittelt, aber auch die Frage aufwirft, ob zwei Menschen in der Realität auf so verkünstelte Weise miteinander kommunizieren. Echt fühlen sich dafür die Gespräche zwischen Tanja und ihrer besten Freundin Amelie an. Humorvoll und trotzdem verletzlich gespielt von Vera Flück weist Amelie Tanja bei zu viel Selbstbezogenheit in die Schranken. Auch insgesamt ist Allegro Pastell in den Haupt- wie Nebenrollen gelungen gecastet, z. B. mit Haley Louise Jones, deren Schauspiel es zu verdanken ist, dass ihr Charakter Marlene Seidl – der Kindheitscrush von Jerome, mit der er eine Beziehung beginnt – trotz einer etwas undankbaren Rolle nicht unsympathisch ist.

© Felix Pflieger
Die in Allegro Pastell porträtierte Millenial-Erfahrung von Tanja und Jerome deckt einen kurzen, konkreten Zeitraum ab und zeigt eine sehr spezifische Gruppe Millenials: vorrangig weiß, hetero, Mittel- bis Oberschicht, gerne betrunken und auf Drogen, lieber im Club als auf der Demo. Der Film hält an dem im Buch gesetzten Zeitrahmen von 2018-2019 fest, immer wieder gibt es darauf explizite Hinweise. Trotzdem fühlt es sich oft so an, als wird eher das Jetzt abgebildet, besonders der Stil der Charaktere trägt dazu bei: Crocs als Modeschuh haben sich erst in den letzten Jahren im Berliner Stadtbild durchgesetzt. Dadurch fühlt sich Allegro Pastell merkwürdig unspezifisch in seiner Zeitlichkeit an, obwohl ein sehr bestimmtes Milieu und Lebensphase abgebildet wird.___STEADY_PAYWALL___
Politisch ist Allegro Pastell so blass, wie es der Titel andeutet. Als Tanjas Eltern beim Weihnachtsessen ihre bevorstehende Scheidung verkünden und Tanja die unangenehme Stille mit einer Frage nach der Parteipräferenz unterbricht, erwidert ihre Schwester: „Willst du jetzt über Politik reden, weil’s unemotional ist?”. Politik als unemotional zu charakterisieren setzt voraus, keine ernsthafte Verbindung zwischen der eigenen Identität und gesellschaftlichen Strukturen zu sehen. Zwar werden in Allegro Pastell mitunter politische Themen angeschnitten, wie, ob es in der heutigen Zeit vertretbar ist, Kinder zu bekommen, diese Momente fungieren aber eher als oberflächliche Hinweise oder Pointen. Auch wenn es eine bewusste Entscheidung war, zwei unpolitische Menschen pre 2020 zu porträtieren und so diverse politisch aufgeladene Themen zu umgehen, ist es mitunter schwierig diese Darstellung auszuhalten, weil so der Anschein erweckt wird, dass Politik erst seit kurzem emotional und polarisierend ist und eine falsche Nostalgie nahelegt.

© Felix Pflieger
Es ist einfach, sich an dem Verhalten von Tanja und Jerome aufzureiben. Einerseits, weil ihr toxisches Miteinander nervt, andererseits weil es natürlich zum Hinterfragen der eigenen Lebensentwürfe anregen oder an Personen aus dem Bekanntenkreis erinnern kann. Das Problem ist nicht, dass Allegro Pastell zwei solche Protagonist*innen porträtiert, sondern, dass unklar bleibt, ob Zuschauer*innen sich nicht eigentlich doch mit ihnen identifizieren und auf ein Happy-End ihrer Geschichte hoffen sollen. Es ist durchaus möglich Tanja und Jeromes Beziehung als ein Aufzeigen der Grenzen von modernen hetero Konstellationen zu interpretieren. Vielleicht ist es aber auch nur eine seichte, unpolitische Liebesgeschichte.
Allegro Pastell ist Teil des Panoramas bei der 76. Berlinale.
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