Berlinale 2021: DIE SAAT

Die Perspektive Deutsches Kino der Berlinale hebt sich damit hervor als Sektion deutsche Filme zu zeigen, die “Nebenwege fernab der Hauptstraße” gehen und will Raum sein für Filme die “feinsinnig, eigenwillig und angstfrei” sind. Die Vorstellungen von experimentellen und abseitigen Kino, die  diese Beschreibung evoziert, sind nicht unbedingt deckungsgleich mit dem, was die deutsche Regisseurin Mia Maariel Meyer in ihrem zweiten Langspielfilm Die Saat präsentiert. Konventionell erzählend und in einem präzisen aber zurückhaltendem Ton erzählt sie hier die Geschichte einer Kleinfamilie, die durch kapitalistische Zwänge auseinanderzubrechen droht. Hier steht nicht die große Tragödie im Fokus, sondern die vielen kleinen Verzahnungen von Mechanismen des modernen Lebens, die letztendlich für ein still herannahendes Unglück sorgen können. In dem Sinne ist der Film tatsächlich außerordentlich feinsinnig, denn er macht Prozesse spürbar, die üblicherweise hinter Zahlen verborgen bleiben, die vorgeschoben werden, um zu verdeutlichen wie destruktiv sich die Ausrichtung auf Profit auf unser aller Leben und die Welt in der wir es verbringen, auswirken können. 

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Von Gentrifizierungsprozessen aus der Stadtmitte vertrieben, zieht die Kleinfamilie um Vater Rainer (Hanno Koffler) in ein kleines, renovierungsbedürftiges Haus am Stadtrand. Rainer – der kurz zuvor noch zum Bauleiter befördert wurde -, seine schwangere Frau Nadine (Anna Blomeier) und die 13-jährige Tochter Doreen (Dora Zygouri) wollen sich hier ein neues Zuhause schaffen. Doch Doreen ist unglücklich über das neue Umfeld, befürchtet keine Freund:innen zu finden und nachdem Investoren Druck auf Rainers Chef ausüben, verliert dieser seine neue, vielversprechende Position wieder und wird zugunsten eines erfahrenen, aber profitorientierten Managers wieder zum einfachen Bauarbeiter degradiert. Schnell findet er sich  im stetigen Konflikt zwischen der rücksichtslosen Bauleitung sowie seinen Kollegen, die er vor den Rationalisierungsmaßnahmen des neuen Chefs schützen will, wieder, während Doreen sich mit der Nachbarstochter Mara (Lilith Julie Johna) anfreundet, die sie zu Diebstahl und Körperverletzung anstiftet.

© Kurhaus Productions

Was sich in den Konflikten, die die Handlung des Films vorantreiben, stets wiederfindet, was jeden von ihnen formt und verschärft, sind mal mehr mal weniger subtile kapitalistische Verhältnisse, die für die kleine Familie eine Welt voller Sachzwänge forciert, an der sie zu zerbrechen droht. Rainer sieht sein bis dahin familiäres Arbeitsverhältnis immer stärker in Kapitalinteressen abdriften, während es gleichzeitig immer existenzrelevanter wird, da Nadine aufgrund ihrer Schwangerschaft weniger zum Einkommen der Familie beitragen kann. Doreen lernt durch die Freund:innenschaft zur neureichen Mara eine soziale Realität kennen, in der grundsätzliche Empathie von der Frage verdrängt wird, welche Familie das meiste Geld hat. Beide Situationen verquicken sich dabei zu einem abgründigen Sog des Frustes, der die Kleinfamilie zu zerstören droht. Dabei schafft es Die Saat einen narrativen Ton anzuschlagen, der sich so langsam aber stetig radikalisiert, dass die den Film schließende Eskalation der Geschichte zwar plötzlich wirkt, aber weder unlogisch noch konstruiert in die Erzählung hinein gewoben ist. Er zeichnet diese unterschwelligen Verknüpfungen, diese oft so verborgenen sozialen Strukturen des Kapitalismus adäquat dramaturgisch nach. 

Leider versäumt es Die Saat, einen stärkeren Fokus auf die Situation der schwangeren Nadine zu legen und damit eine dritte – und wichtige, weil oft vernachlässigte – betroffene Perspektive zu beleuchten. Angelegt ist die Familie um Rainer, Doreen und Nadine als typisches Kleinfamilienkonstrukt, nicht prekär lebend, nicht wohlhabend – quasi ein Mittelwert deutscher, privilegierter Verhältnisse. Bewusst scheint Mia Maariel Meyer hier einen Mikrokosmos geschaffen zu haben, in dem nur ein Hauptwiderspruch existiert: die sterile Lohnabhängigkeit und ihre Folgen. Nadine als schwangere Frau in dieses Setting zu integrieren, ohne eine Minute daran zu verlieren, die Probleme der Vereinbarkeit von Care-Arbeit und Lohnarbeit vor dem Hintergrund dieser psychischen Mehrbelastung durch Schwangerschaft, Existenzangst und Doreens problematisches Verhalten, näher zu beleuchten, wirft die Frage auf, ob die Schwangerschaft Nadines hier nur als weitere Quelle des Drucks für Rainer konstruiert wurde und die cis-männliche Perspektive hier einen unnötigen Vorrang erhält.

© Kurhaus Productions

Dennoch handelt es sich bei Die Saat um einen aufwühlenden, intensiven und bemerkenswerten Film, der leise tritt aber laut nachhallt. Ebenso wie sich die Mechanismen der Profitorientierung schleichend aber penetrant in den Leben aller derer, die in kapitalistischen Systemen leben, festsetzen, löst der Film ein subtiles Unbehagen aus, welches potentiell zu kritischen Reflektionsprozessen anregen kann. Das titelgebende Saatgut, das sich in Trieben immer weiter ausbreitet und erblüht, kann in diesem Sinne mehrere Bedeutungen haben. Es versinnbildlicht die zersetzenden Ranken systemischer Probleme ebenso wie die Möglichkeit aufkeimender Erkenntnis und Kritik. Diese Doppelbödigkeit meistert der Film formvollendet.

 

Autor

  • Sophie Brakemeier ist Medienwissenschaftlerin, Rugby-Spielerin und Feministin. Sie liebt ausschweifende Genre-Filme, alleine ins Kino zu gehen und die Suche nach randständigen, feministischen Filmperlen.

Sophie Brakemeier
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