Achtung Berlin 2019: Interview: Luzie Loose – Schwimmen

Lea Gronenberg

In ihrem Debütfilm blickt Luzie Loose zurück auf die Teenagerzeit. Das Coming of Age Drama Schwimmen handelt von Freund_innenschaft, von Unsicherheiten und davon wie Opfer zu Täterinnen werden, wenn Elisa (Stephanie Amarell) und Anthea (Lisa Vicari) beginnen, belastende Handyvideos von ihren Mitschüler_innen zu drehen und anonym zu versenden. Die Dynamik zwischen den beiden Freundinnen entwickelt Loose in einem langsamen und geradezu beklemmenden Erzähltempo. Immer wieder werden die Videos der beiden Mädchen in den Film eingebunden, die Innen- und Außenperspektive verschwimmen. Schwimmen versetzt die Zuschauer_innen zurück in die eigene Pubertät und ist dabei so schonungslos und authentisch, dass es nicht immer leicht zu ertragen ist.

FILMLÖWIN-Autorin Lea Gronenberg hat Luzie Loose getroffen und mit ihr über Freund_innenschaft und die besondere Bedeutung der Teenagerjahre, aber auch über weibliche* Regie und den andauernden Kampf um Gleichstellung gesprochen.
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Lea: Du hast das Drehbuch zum Film selbst geschrieben. Warum hast du dich für einen Film über Teenager entschieden?

Luzie Loose: Ich wollte etwas machen, das etwas mit mir zu tun hat, mit Erlebnissen und Erinnerungen, die wirklich echt sind. Ich fand dieses Alter einfach wahnsinnig spannend. Ich hab gemerkt, dass ich auch später noch ganz viel darüber nachgedacht habe, was in dieser Zeit passiert ist und wie die Beziehungen in dieser Zeit waren. Es ist einfach sehr eindrücklich, wie man sich da gefühlt hat und wie man miteinander umgegangen ist. Allerdings muss man dazu sagen, dass es kein autobiografischer Film ist. Handyvideos und Smartphone-Kommunikation gab es beispielsweise noch gar nicht, als ich in dem Alter war.

In vielen Berichten über deinen Film wird ja gerade der Aspekt Social Media hervorgehoben. Ich persönlich habe das aber gar nicht als zentrales Thema wahrgenommen. Hat dich die Frage beschäftigt, inwiefern sich durch Social Media der Umgang von Teenagern untereinander verändert?

Es ist schön, dass du das so siehst, denn für mich ist es kein Themenfilm. Für mich ist es ein Film über Freundschaft und über das Aufwachsen. Das Ziel war eigentlich den Umgang mit Social Media so natürlich wie möglich einzubinden, einfach weil er eine Rolle im Leben von Teenagern spielt. Unser Ziel war immer, das so authentisch und beiläufig als Teil des Lebens darzustellen. Deswegen ist es auch visuell so eingebunden, dass sich die Handyaufnahmen eben nicht so krass von den anderen Bildern unterscheiden. Stattdessen hätte man Handyvideos auch hochkant aufnehmen können. Ich finde es eigentlich besser, wenn der Film nicht als Problemfilm oder Social Media-Film behandelt wird.

© Anne Bolick

Ein wiederkehrendes Thema sind Machtstrukturen zwischen verschiedenen Cliquen, den coolen und den uncoolen Kids, aber auch innerhalb der Freund_innenschaft von Elisa und Anthea.

Ich fand es spannend, im Nachhinein über dieses Alter nachzudenken und zu merken, dass man ganz stark Allianzen bildet. Wenn man älter wird, sucht man Freunde viel mehr danach aus, wer einem menschlich nahe steht, während man im Teenageralter Banden bildet, um sich auch gegenseitig zu beschützen gegen all diese Unsicherheiten, die du in dem Alter die ganze Zeit erlebst. Da hat Freundschaft eine andere Bedeutung – Wenn man eine gute Freundschaft findet in dem Alter, kann die eben auch viel tiefer gehen und so viel wichtiger sein als später.

Du behandelst ganz viele schwierige Themen, wie Essstörungen, sexualisierte Gewalt und Suizid. Hast du dir vorher überlegt, wie du mit solchen Triggern umgehen möchtest?

Ganz wichtig ist, dass es nicht in erster Linie ein Film für Jugendliche ist, sondern ganz klar ein Film für junge Erwachsene, die auf diese Zeit zurückblicken. Das merkt man auch daran, dass das Erzähltempo, die visuellen Mittel, die ganze Machart nicht auf Jugendliche ausgerichtet sind. Die Themen werden auch ganz klar eingeordnet und nicht als cool dargestellt. Wir wollten aber zeigen, dass solche Dinge passieren können und dass sie auch einigermaßen beiläufig und ohne Konsequenzen passieren können.

© Anne Bolick

Auf FILMLÖWIN beschäftigen wir uns sehr bewusst mit weiblichen* Regisseurinnen, weil immer noch der Eindruck besteht, es gäbe davon viel zu wenige. Mich würde interessieren, wie das so ist als junge Frau* in die Filmbranche einzusteigen.

Es gibt nicht zu wenige von uns, wir sind genauso viele wie die männlichen Kollegen, nur vielleicht nicht so sichtbar. Das verändert sich gerade aber auch ganz stark. Ich habe fast den Eindruck, dass es einen Trend gibt, mit jungen weiblichen Regisseurinnen zu arbeiten, aber es bleibt trotzdem ein Kampf. Der Debütfilm oder der zweite Film sind sogar noch einfacher, als wenn man später größere Projekte realisieren möchte. In den hochbudgetierten Projekten geht die Frauenquote wieder in den Keller, während die Verteilung bei den Hochschulabsolventinnen und -absolventen noch 50/50 ist in der Regie.

Würdest du sagen eine Frauen*quote hilft dagegen?

Ich würde sagen, die Frauenquote hilft als Einstieg für eine gerechtere Verteilung von Budgets, wünsche mir aber eigentlich einen Zustand, wo das überhaupt keine Rolle mehr spielt, wer einen Film gemacht hat. Eine Idee ist ja, Drehbücher anonymisiert einzureichen – Manche Förderungen machen das bereits – und ich finde es eine sehr gute Idee, dass es dann um den Inhalt und das Talent geht. Dann bleibt es auch fair und die männlichen Kollegen müssen nicht befürchten, dass jetzt alle nur noch mit jungen Frauen arbeiten wollen. Das stimmt so ja auch nicht, wird aber gerade oft behauptet.

Oft spielt es ja aber schon eine Rolle, mit welcher Perspektive eine Person, an einen Film herangeht, wenn in einem Film beispielsweise eine sehr männliche* Vorstellung von Weiblichkeit* präsentiert wird. Wäre das bei anonymisierten Drehbüchern vielleicht auch schwierig?

Ich finde es eine gute Idee zu sagen, es geht um Qualität, wenn ein Förderkriterium zum Beispiel gut entwickelte Figuren sind, dann kann vielleicht eine Frau eine Frauenfigur besser und tiefer entwickeln und dieser Film erhält dann die Förderung und nicht ein Film, der eine männliche Perspektive auf weibliche Figuren hat. Man muss weg davon “Frauenfilme” als ein Genre zu begreifen. Das ist das, was mich extrem stört. Ich würde gerne sehen, dass es Männer gibt und Frauen, aber alle sind Filmemacher und alle können jedes Genre bedienen, das sie möchten. Dass es nicht Männer gibt, die alle möglichen Filme machen und Frauen, die Frauenthemenfilme machen. Ich will auch Frauen sehen, die Horrorfilme machen, ich will Frauen sehen, die Gangsterfilme machen.

© Anne Bolick

Bei den Hofer Filmtagen 2018 wurdest du für Schwimmen mit dem Goldpreis für die beste Regieleistung bei einem ersten Langspielfilm ausgezeichnet. Dabei hast du Regisseur Edgar Reitz als Mentor an die Seite gestellt bekommen. Ich finde das nicht immer ganz einfach, wenn dann insbesondere alte Männer einem erklären sollen, wie es läuft. Wie ist das für dich?

Es gab auf jeden Fall Situationen, in denen sich zwei betagtere Herren über meinen Kopf hinweg über meinen Film unterhalten haben. Das betrachte ich oft eher amüsiert. Ich sehe das aber auch so, dass sich da Menschen mit sehr viel Erfahrung, die sich mit mir austauschen und sich die Zeit nehmen, ihre Erfahrung an mich weiterzugeben und von daher ist das ein großartiger Preis. Ich nutze das gerade auch sehr und schicke immer meine neuen Ideen an Edgar Reitz.

Was sind das für Ideen?

Ich arbeite seit längerer Zeit an einem Drehbuch für einen Episodenfilm, also etwas, das es so in Deutschland gar nicht gibt, aber ich würde es gerne probieren und schreibe im Moment.

Schwimmen ist dein erster Langfilm, was war dir dabei besonders wichtig?

Was bei uns ganz cool ist, ist das unser Team sehr ausgewogen ist. Wir haben weibliche Hauptdarstellerinnen, weil es ein Film von einer Frau ist und ich mich damit auch besser identifizieren kann. Insgesamt haben wir im Team 50/50 Männer und Frauen und das Schöne ist, dass wir es nie darauf angelegt haben, sondern es sich einfach so ergeben hat, weil es eben so viele talentierte Männer und Frauen gibt. Es war ein wirklich harmonischer Dreh und wenn wir uns sehen, hängen wir immer noch als Team ab.

 

Vorführungen beim Achtung Berlin Film Festival

Fr 12.4. 19:45 Babylon 1
Sa 13.4. 18:00 Lichtblick
So 14.4. 19:15 Filmttheater am Friedrichshain 5

Lea Gronenberg

Lea Gronenberg ist Politikwissenschaftlerin und Nerd. Filme und Serien sind für sie ein Ort der Zuflucht und zugleich ein Ort für Gesellschaftsanalyse und -kritik.
Lea Gronenberg

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