Shadow in the cloud

Dass der Weg nicht immer das Ziel ist, beweist der neue Film der chinesisch-neuseeländischen Regisseurin Roseanne Liang. Der erste Drehbuchentwurf zu dem durchaus feministischen Horror-Monster-Kriegs-Mutterschafts-Action-Gemisch Shadow in the Cloud stammt nämlich von Max Landis, dem acht Frauen sexualisierte Übergriffigkeit und Missbrauch attestieren und dessen künstlerische Ergüsse dementsprechend uneingeschränkt mit Ignoranz bestraft werden können – erst recht wenn er sich dann noch anmaßt, eine Geschichte aus der Perspektive einer Frau zu erzählen. Nachdem die Vorwürfe gegen ihn öffentlich geworden sind, hat Liang sich allerdings für einen anderen Weg entschieden: aus dem Material einen kompromisslosen, feministischen Kracher anfertigen, der ihr und der Hauptdarstellerin den nötigen Raum für emanzipatorische Abrechnung eröffnet. 

Shadow in the Cloud beginnt mit einer erdrückend feindlichen Stimmung. Kaum betritt Maude (Chloë Grace Moretz) das Flugzeug, das sie während des zweiten Weltkriegs nach Samoa bringen soll, wird ihr ein ungefilterter Frauenhass entgegen geschmettert. Zwar kann sie offizielle Dokumente vorweisen, die ihr und ihrem mysteriösen Koffer eine geheime und wichtige Mission bescheinigen, doch die rein männliche Crew des Flugzeugs würde sie am liebsten wieder rauswerfen. Nach verbalen Erniedrigungen und Androhungen körperlicher Gewalt wird sie in die Geschützkabine des Militärflugzeugs verbannt, wo sie schnell feststellt, dass es neben ihr noch einen anderen unerwünschten Passagier auf dem Flug gibt: Ein aggressives Monster, ein ekelerregender Gremlin, der sich während des Fluges an der Bombermaschine zu schaffen macht. Damit zwingt er Maude und die Crew zu Kampfhandlungen, die nicht gerade unkomplizierter werden, als das Flugzeug auch noch von japanischen Luftstreitkräften attackiert wird. 

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© capelight

Was das jetzt mit Mutterschaft zu tun hat, ist eine legitime Frage. Ohne zu viel verraten zu wollen; Maudes Beziehung zu ihrem neugeborenen Baby spielt eine nicht unerhebliche Rolle im Film. Und in unter anderem dieser Beziehung manifestiert sich die besondere Qualität des Films. Er büßt nichts von seiner Brachialität und seinem Spaß an schneller, übertriebener Action durch die Verhandlung von Themen ein, die in diesem Setting nicht oft zu finden sind. Weibliche Actionheldinnen sind zwar heutzutage nicht unbedingt noch was Neues, doch in Maudes Figur lässt sich eine erfrischende Vielschichtigkeit finden, die abgeklärten Frauenfiguren oft fehlt. Sie ist kriegserfahren und doch verletzlich, knüppelhart und doch unsicher, Kriegsheldin und liebende Mutter, Monsterschlächterin und Opfer patriarchaler Umstände. Chloë Grace Moretz geht in ihrer Rolle voll auf und widersetzt sich damit erfolgreich dem Typecast-Image, das ihr drohte. 

Roseanne Liang hat einen Film mit einer gewissen symbolischen Strahlkraft geschaffen. Während Maude, eingeengt in einem kleinen Käfig, um ihr Überleben und das ihres Kindes kämpft, ist es nämlich nicht nur das Übernatürliche, was ihr zu schaffen macht. Es ist auch das bereits Angesprochene, unangemessen feindselige und untaugliche Verhalten der überaus nutzlosen Männer – und das kennen wir alle. Im Kampf gegen die Gremlins, die unser Leben sind, gibt es nichts nervigeres als das hartnäckig quälende Patriarchat um uns herum, dass die Belastung – nicht nur, aber besonders auch – auf Mütter maßgeblich erhöht. Die strapaziösen Kommentare, die Maude über das Funkgerät des Flugzeugs ertragen muss, die ständigen Vorwürfe und die belastende Uneinsichtigkeit der Crew schaffen ein dichtes und unbequemes Klima, dem sich weder Maude noch das Publikum entziehen kann. In diesem Klima liegt mehr stimulierender Horror verborgen, als in der Entität des Monsters selbst, das hier zu einem zweitrangigen Problem verkommt. Hier vermischt sich subtile Kritik an toxisch männlichen Verhalten mit handwerklich einwandfrei umgesetzten Genrekonventionen.

© capelight

Diese lobenswerte Verzahnung kann (und soll) jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in Shadow in the Cloud vor allem um eins geht: Spaß an Action, Effekten und plumper Spannung. Und das ist auch vollkommen legitim, denn darin ist der Film nicht schlechter oder besser als die meisten anderen Filme dieses Genres. Vielmehr lassen sich hier die üblichen Kritikpunkte formulieren, die Actionfilmen fast schon inhärent sind: Handlung ist Mangelware und sehr künstlich vorangetrieben, Charaktere (bis auf Maude natürlich) sind eindimensional und austauschbar, das Weltkriegssetting wird unkritisch behandelt und verkommt zur reinen Stimmungskulisse, jeglicher Bedeutung beraubt. Wer Fan davon ist, wird mit dem Film gut zurecht kommen – wer den Film aus reinem feministischen Enthusiasmus schaut, dürfte allerdings enttäuscht werden, denn dafür werden die emanzipatorischen Momente doch zu sehr, sowohl quantitativ als auch qualitativ, von Geballer, Gekrache und Gekreische überlagert.

 

Autor

  • Sophie Brakemeier hat Medienwissenschaft studiert und sich währenddessen lange im kommunalen Kinobetrieb engagiert. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet sie redaktionell in der Medien- und Kulturbranche, schreibt über Film und an ihrem ersten Buch. Kino liebt sie seitdem sie im Alter von vier vor Aufregung den Saal bei Free Willy 2 leergeschrien hat. Die Emotionalität für Filme blieb ihr, den kritischen Blick hat sie allerdings geschärft.

Sophie Brakemeier